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Ode an die U6: alles über die schlimmste U-Bahn

Mittwoch, 15. Februar 2017 / Lesedauer: ca. 5 Minuten

Ode an die U6: alles über die schlimmste U-Bahn

Mittwoch, 15. Februar 2017 / Lesedauer: ca. 5 Minuten

Wenn man die Wiener und auch all jene, die sich in Wien fortbewegen, fragt, was das schlimmste an der Bundeshauptstadt ist, so wird die U6 garantiert unter den meist genanntesten Antworten sein. Um diesen Grant auf die vermeintlich schlimmste U-Bahn-Linie des ganzen Landes zu verstehen, haben wir uns eines schönes Vormittags die U6 Schickeria von Siebenhirten bis Floridsdorf gegönnt und fassen euch nun alles, was man über die U6 wissen muss, zusammen.

von Lisa Panzenböck

Der lieben U6, der garantiert am häufigst debattiertesten U-Bahn-Linie in ganz Österreich, widmen wir hier einen ganz eigenen Beitrag. Frei nach dem Credo „U6 am Morgen vertreibt Kummer und Sorgen“ beschlossen wir, einen Tag für eine Fahrt mit der U6 von Endstation zu Endstation zu nützen, um euch exklusive Einblicke in den Alltag der berühmt-berüchtigten U-Bahn zu liefern.

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Bevor unsere Reise jedoch losgeht, möchte ich euch noch dieses zutiefst poetische Liebesgedicht an die U6 präsentieren:

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(c) https://www.instagram.com/janpoeltner/

Welch eine Hommage, schöner hätte es Shakespeare selbst nicht ausdrücken können! Nun aber genug all der Schwärmerei – los geht’s. Wir entschieden uns, aus Richtung Siebenhirten zu starten und uns in den Norden vorzuschlagen. Das Auto abgestellt und sich auf den Weg zum Eingang der U-Bahnstation begeben, konnten wir nicht widerstehen, sogleich dieses zauberhafte Foto zu schießen. Dank seiner idyllischen Naturkulisse steigert es die Vorfreude auf die sogleich stattfindende Fahrt ins unermessliche – was für ein durch Mülltonnen und eine Absperrung gekröntes Panorama an solch einem grauen Tag.

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Siebenhirten ist relativ ok, zumal man hier noch gebührenfrei parken kann und bereits in einer halben Stunde im Herzen Wiens ist. Natürlich ist es – wie bei jeder anderen Endtstation – hier ebenso der Fall, dass man die Gegend abends nicht unbedingt alleine genießen möchte.

Ich persönlich finde ja, dass es in 7hirten nicht gar so unheimlich ist wie bei der zweiten Station, der Perfektastraße. Ein Weg, um zur Perfektastraße zu gelangen, kann durch den liebevoll als „Verzahrer-Park“ bekannten Kleinpark, welcher ab Einbruch der Dunkelheit äußerst mies beleuchtet ist, bestritten werden.

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Nächster Halt, next stop: Erlaaer Straße. Gemeinsam mit Alterlaa, Am Schöpfwerk und Tschertegasse stellt sie eine der eher gering flukturierten U-Bahn Stationen der U6 dar. Von unserem Fensterplatz aus beobachtend (apropos Fenster: Wie passend sind bitte diese mega grindigen Flecken an der Scheibe, die die weitgehend ekelhaften Bilder so richtig schiach machen? Purster Zufall, allerdings hätte ich es thematisch nicht schöner planen können!) bemerken wir, dass hier deutlich weniger Leute zu- und aussteigen. Auf einmal entert allerdings eine Frau den Zug, die bloß ein paar Minuten später für sagenhafte Unterhaltung sorgt, da sie ein Viererabteil für sich einnimmt und anfängt, ihre Jacke und diverse andere Kleidungsstücke auf sämtlichen Sitzgelegenheiten auszubreiten. Die Begründung hierfür? Die Kleidung müsse auslüften – eh klar, oder? Nicht einmal zwei Minuten dauerte es, bis sie und ein in der Station Tschertegasse zugestiegener Mann aneinanderkrachen, da dieser keinsterlei Verständnis dafür hatte, dass die Frau in der mittlerweile rammelvollen U6 einen ganzen Vierer mit stinkender Kleidung zum Lüften okupiert – shame on him! Der Streit gipfelte, als der Herr beschloss, er habe die Nase voll (wortwörtlich), die Kleidung auf den Boden schmiss und die Dame entzürnt bei der nächsten Haltestelle aus der U-Bahn stürmte.

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Get rich or try Meidling. Am Hautevolee-Bahnhof wird die U6 plötzlich in eine Dimension neuen Lebens gerufen. Viele verlassen hier die U-Bahn, um zu den Zügen zu flitzen, allerdings kommt auch ein großer Schwung neuer Gesichter in die Waggons der U6 mit ihrem gelb-roten Interieur aus Sitzen, auf denen man – vorausgesetzt, man wagt es allen Ernstes bei tropischen Temperaturen sich hinzusetzen – so herrlich schwitzt, dass die nächste Person auch noch etwas davon hat. Auf Tinder hätte diese U-Bahn-Linie für ihr attraktives Äußeres definitiv einen Swipe nach rechts verdient! Unter den neu einsteigenden Menschen befindet sich ein kebapessender, junger Mann. Ist doch schön, in Öffis zu essen. Das mögen die anderen Fahrgäste so gerne, denn Kebap aus einer der Schnitzel-Fisch-Dürüm-Buden um 10 Uhr morgens ist schon ein bezirzender Geruch, den man keinesfalls missen möchte.

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Über die Niederhofstraße und Längenfeldgasse geht es auf zu einem weiteren Schmankerl – der Gumpendorfer Straße. An dieser Stelle haben wir die U6 kurz verlassen, weil es im vorigen Zug so derartig nach Kebap gestunken hat, dass es wirklich fast nicht auszuhalten war – und glaubt mir, das ist wahrlich keine Untertreibung, denn ich fahre nun schon seit 4 Jahren fast täglich mit der U6.

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Kaum ausgestiegen, werden wir auch schon mit einem heiteren „Substi? Substi?“ begrüßt und sind nach einer kurzen Wartezeit, die bei der U6 wie das Amen im Gebet Programm ist, bald auch schon wieder in der U-Bahn.

Westbahnhof. So viel Trubel macht hungrig. Deshalb entschieden wir, uns einen kleinen Snack aus dem allzeit geöffneten U3 Supermarkt zu holen, der zu einem der am häufigsten überfallenen Geschäften in ganz Wien zählt und in dem einfach immer, tageszeitenunabhängig, eine ewig lange Schlange vor der Kasse ist. Doch die Reese’s und das Cheery Coke waren’s wert.

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Weiter geht’s Richtung Florida. Ähm, Floridsdorf. Über die Burggasse, die wie wir finden eine der charmantesten U6 Haltestellen ist, weiter zur Thaliastraße, über die man dies definitiv nicht behaupten kann. Einigen ist sie vor allem wegen der hier oftmals stattfindenden Drogendeals ein Begriff, die mit Gesetzesänderung Anfang Sommer 2016 versteckter stattfanden, mittlerweile aber wieder in gewohnt offener Marnier zelebriert werden.

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Nach einem Stop in der Josefstädter und Alser Straße, ist die nächste Station das Allgemeine Krankenhaus, bei der es (wie so oft) länger dauert als das übliche, kurze Stehenbleiben. Plötzlich kommt eine altbekannte Durchsage, die ich mittlerweile um 3 Uhr morgens, wenn mich jemand aufwecken würde, rezitieren könnte: „Auf Grund einer betrieblichen Störung an einem anderen Zug, kann die U6 derzeit nur unregelmäßig fahren. Wir bemühen uns um die rasche Wiederherstellung der Intervalle.“ Es sind doch immer „die anderen“. Der Blick durch die Gesichter der anderen Fahrgäste zeigte, dass auch sie vom Status quo genervt sind, zumal dies eher die Regel als die Ausnahme ist.

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Über die frisch renovierte Währinger Straße, die nie wieder so weiß sein wird wie jetzt in den nächsten paar Tagen nach Beendigung der Renovierung, geht es weiter zur Nußdorfer Straße. Hier steigen plötzlich ein paar höchst motivierte, gewiss feiern gewesene, junge Leute mit einer Nudelbox samt Aufschrift „Hoppala-Noodles“ ein. Auf dem Weg zur nächsten Haltestelle, Spittelau, besticht der herzerwärmend schöne Fernwärme Turm dank seiner verträumten Nebelschwaden, die diesen Tag im Zeichen der 50 verschiedenen Grauschattierungen, noch ein wenig dunkler gestalten. Auch in Spittelau kann man Anzeichen einer etwas längeren Nacht vermuten, da dies die einzig sinnvolle Erklärung ist, warum jede hier einsteigende Person mit einem Käsekrainer-Hotdog durch die Pforten der U6 schreitet.

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Ab Spittelau kann man irgendwie wieder Parallelen zu den Haltestellen zwischen Siebenhirten und Meidling ziehen: kaum etwas los und mega schiache U-Bahn Stationen. In diese Gegenden verirrt man sich für gewöhnlich nicht, um auf Erkundungstour durch Wien zu gehen. Der Stop Handelskai wird von den meisten Wienern dennoch mindestens einmal im Jahr im Zuge des Donauinselfests im Sommer besucht und die Gegend um die Neue Donau eignet sich auch recht gut, um schwimmen zu gehen.

Nur noch eine U6 Station, dann ist es vollbracht. Relativ unspektakulär war das Ende unserer Fahrt in Wien Floridsdorf. Nachdem wir nun allerdings in den Geschmack gekommen sind, sind wir direkt in die U6 bis nach Siebenhirten eingestiegen, um das Spielchen auf ein Neues zu spielen, diesmal jedoch in die andere Richtung. Nein, Spaß – auf nach Hause!

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Wären die Wiener U-Bahnen eine Familie, so würde ich die U6 – ganz besonders nach diesem horizonterweiternden Sonntagsausflug – garantiert als schwarzes Schaf bezeichnen. Eau de Kebap, verrückte Menschen, vom Vorabend in den Clubs der Stadtbahnbögen Übriggebliebene und eine Vielzahl an herumliegenden Gratis-Zeitungen – langweilig wird eine Fahrt mit der U6 üblicherweise nicht. Dennoch gehört sie weiterhin zu den Dingen, auf die man dankend verzichten kann und die man – sofern möglich – vermeidet.

Dieser Artikel erschien ursprünglich im Rahmen einer Lehrveranstaltung der Universität Wien, im Zuge welcher ein Blog mit Wiens schiachsten Seiten in’s Leben gerufen wurde. Den Originalartikel (und noch viel mehr schiache Seiten der Hauptstadt) findet ihr hier.

Wenn ihr lieber die schönsten Seiten aus Wien als Kontrastprogramm kennenlernen wollt, haben wir hier 100 Dinge, die man in Wien tun sollte.

Für mehr Tipps solltet ihr unseren WhatsApp Service nützen, hier findet ihr eine genaue Anleitung.

Fotos: (c) 1000things Redaktion

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