Kreisverkehr

8 Dinge, die du kennst, wenn du in Niederösterreich aufgewachsen bist

Mittwoch, 20. Januar 2021 / Lesedauer: ca. 5 Minuten

8 Dinge, die du kennst, wenn du in Niederösterreich aufgewachsen bist

Mittwoch, 20. Januar 2021 / Lesedauer: ca. 5 Minuten

Du hast auf dem Weg zum Zeltfest schon einmal eine Prolorunde um den Kreisverkehr gedreht und deine Nachbar*innen waren am nächsten Tag empört darüber? Dann bist du wahrscheinlich auch in Niederösterreich aufgewachsen.

von Sandra Grossmann

*Wir wollen euch auch während der aktuellen Maßnahmen inspirieren und versuchen, unsere Artikel laufend Covid-konform upzudaten. Bitte haltet euch weiterhin an die Maßnahmen. Nur wenn wir jetzt zusammenhalten und aufeinander schauen, können wir möglichst bald wieder all diese Inspiration gemeinsam genießen und zu einem halbwegs normalen Alltag zurückkehren.

In Niederösterreich identifizieren sich die Menschen stark mit ihren Vierteln. Bevor jemand Niederösterreich erwähnt und damit einen unangebrachten Kellerwitz provoziert, heißt es stattdessen: „Ich bin aus dem Waldviertel (oder Weinviertel oder Mostviertel)“. Einzig im Industrieviertel betont man die Herkunft nicht. Vermutlich, weil der Name suggeriert, das Leben spiele sich zwischen Fabriksschlot und Kohlebergwerk ab. Im Land der Giebelkreuze gibt es so einige schräge Dinge, an die Kinder des flächenmäßig größten Bundeslands Österreichs in rührseliger Nostalgie zurückdenken.

Die stille Post

Kennst du das Spiel, in dem man sich reihum ein Wort ins Ohr flüstert und am Ende kommt ein ganz anderes Wort heraus? Genauso verhält es sich mit Nachbarschaftstratsch. Das passiert zwar nicht nur in Niederösterreich, sondern ist generell prägend, besonders in ländlicheren Gefilden Österreichs. Jedes neue Auto in der Einfahrt des*der Nachbar*in wird begutachtet und wehe, es hat ein Wiener Kennzeichen. Denn dann sind schon wieder die „Zuagroasten“ da und stiften Unruhe im beschaulichen Landidyll. Nichts bleibt unbemerkt und entzieht sich den scharfen Augen der Nachbar*innen. Mutmaßungen werden angestellt, Informationen aus dritter Hand beschafft. Einmal fragte mich eine ältere Dame besorgt: „Host du eh nu deinen Freind? Sein Auto ist scho länger nimmer heraussen gestanden.“ Ich beschwichtigte die mir unbekannte Frau, dass in meinem Beziehungsleben alles in Ordnung sei. Mittlerweile bin ich selber eine „Zuagroaste“ in Wien und vermisse manchmal die fremde Anteilnahme an meinem Leben.

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Remmidemmi am Heurigenbankerl

Viel Gesprächsstoff bietet für gewöhnlich auch ein Zeltfest in einem niederösterreichischen Provinzkaff. Wer noch nie um zwei Uhr morgens auf einem Heurigenbankerl völlig aus dem Takt zu Austropop mitgegröhlt hat, werfe den ersten Klopfer! Neben Großraumdisco und Pubs erfreuen sich „Festln“ großer Beliebtheit. Das Schöne daran: Alles ist ein Fest, wenn man nur will. Und in Niederösterreich will man es wirklich. Abfischfest, Feuerwehrfest, Weinfest, Volksfest, 24-Stunden-Traktorrennen-Fest, you name it. Sobald man ein Zelt aufstellt, ist es ein Event. Wenn ein Pfarrfest oder Pfarrball anstehen, werden Glaubensansichten situationselastisch. Hauptsache es gibt picksüße Mixgetränke. Und die gibt es üblicherweise nur in einer Maßeinheit: in Metern. Ein Meter steht für zehn Gläser gediegene Trinkkultur, also Cola-Rum, Cappy-Vodka oder auch Passoa Orange. Die schlürfte man genüsslich in der Raiffeisen VIP-Lounge, die es bei den meisten Festln gab und wohl noch immer gibt. Heim kam man, eh klar, mit dem eventeigenen Shuttlebus oder dem Sammeltaxi. Wer keine Mitfahrgelegenheit organisieren konnte, ging auch mal kilometerweit querfeldein zu Fuß.

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Das vergessene Busticket

Viele von uns verbrachten zu viel Lebenszeit in überfüllten Schulbussen oder pendelten mit dem Zug in die nächstgrößere Stadt in die Schule. Hierfür bekam man das Top-Jugendticket, mit dem man für wenig Geld ein Jahr lang quer durch Niederösterreich, Wien und sogar ins Burgenland reisen konnte. Das war eigentlich ganz fein. Besonders als man alt genug war, um damit nach Wien zu fahren und dort fortzugehen. Manche sollen sich zudem mit manipulierten Busausweisen den Eintritt zu Ü16-Festln verschafft haben. Alles war schön und gut, bis man einmal das Busticket vergaß. Denn genau an diesem Tag fuhr der gemeine Busfahrer, der sogar Schulkinder aussteigen ließ, wenn sie ihren Ausweis vergessen hatten. Alternativ notierte er den Namen. Das bedeutete einen Besuch in der Postbusgarage, um den Ausweis nachzubringen und nörgelnde Eltern, die einen dort hinfahren mussten.

Die erste Prolorunde

Die lang ersehnte Freiheit! Mit dem Führerschein war man nun endlich ein Stück weit unabhängiger von den Eltern. Einige meiner Freund*innen machten bereits mit 15 den Mopedführerschein und drehten mit der Vespa und der frisch erlangten Freiheit ihre Runden. Besser bekannt als Prolorunden. Ich musste 18 Jahre alt werden, um endlich mit meinem Opel Corsa bei heruntergelassenen Fensterscheiben und lauter Musik die erste Prolorunde zu drehen. Zeitgleich fuhr ein Bauer seine Jauche aus und die Landluft bescherte mir eine authentische erste Ausfahrt.

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Das öde Provinzkaff

Der Prototyp einer öden Provinz-Geisterstadt mit gesichtslosen Nachkriegsbauten; eine Stadt, die im Ranking der hässlichsten Orte Österreichs hoch im Kurs steht. Die Rede ist natürlich von St.Pölten. Die meisten von uns haben in ihrer Schulzeit zumindest einen Ausflug in die Landeshauptstadt unternommen, wo man etwas apathisch durchs Regierungsviertel stolperte und nach Erwin Pröll Ausschau hielt. St.Pölten mag mit seinem Klangturm zwar nicht an die goldenen Dächer oder Uhrtürme anderer Städte heranreichen, dennoch ist es eine höchst unterschätzte Stadt. Immerhin ist sie Heimat des Frequency Festivals, das für junge Menschen weit über die Bundesländergrenzen hinweg einen Höhepunkt des kulturellen Lebens darstellt. Hier tanzte ich zu Bands, deren Namen ich nicht kannte, und versumperte vier Tage lang ungeduscht und mit warmem Bier am Campingplatz mit meinen Freund*innen. Das waren Zeiten.

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Der Landesfürst

„Stimmt es, dass es ein Gesetz gibt, das Erwin Pröll automatisch zum Patenonkel deiner Kinder macht, wenn es Drillinge sind?“, fragte mich einmal ein Freund aus Wien. Stimmt natürlich nicht, aber da sieht man, wie schnell Gerüchte entstehen. Erwin Pröll regierte von 1992 bis 2017 als Landeshauptmann und inoffiziell als Landesfürst. Der umtriebige Pröll war immer präsent. Er schüttelte Hände und umarmte Menschen bei Volksfesten, Kirtagen und selbst bei Katastrophen, wie dem Hochwasser im April 2006. Nicht einmal Chuck Norris hatte eine Chance gegen Erwin Pröll. Einmal wollte man in Bratislava eine Fußgängerbrücke, die ins Weinviertel führt, nach dem US-Actionheld benennen, doch der Landesfürst unterband es. 2013 veröffentlichte die ÖVP die „Erwinize Me“-App als Wahlkampfschmäh, mit der man die charakteristische Landesfrisur an sich selbst austesten konnte. Der Mann mit dem markanten Haarkranz erreichte Popkulturstatus, ob man seine Politik nun guthieß oder nicht. Und damit prägte er das Aufwachsen in Niederösterreich wie wenig andere.

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Tagebucheintrag ohne Netz

In den 00er-Jahren hätte man eigentlich mehrere Handyanbieter gleichzeitig gebraucht. Sobald man eine Ortsgrenze überquerte, verabschiedeten sich die zuvor noch vollen vier Stricherln am Handy. Auch heute funktionieren je nach Region nur bestimmte Anbieter zuverlässig. Während die Netzabdeckung zu wünschen übrig ließ, glänzte man in Niederösterreich mit einer eigenen Social-Media-Plattform. Oberhalb der Donau surften junge Menschen nicht auf Myspace oder Netlog, sondern auf Epos4 – eine Internet-Community, die in den 00er-Jahren eine Zeit lang als erfolgreichste Social-Media-Plattform Österreichs galt. Bereits vor der Gründung von Facebook betrieb man hier ein Tagebuch in Form von Statusmeldungen.

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Kreisverkehrkunst

Anscheinend ist Niederösterreich bei anderen Bundesländler*innen für seine Kreisverkehre bekannt. Über 400 Kreisverkehre, viele von ihnen kunstvoll gestaltet, zieren das Land. Ganz offen gesagt, ist mir das in meiner Jugend nie so wirklich aufgefallen. Einmal wohnte ich beinahe der feierlichen Wiedereröffnung des „Waldrapp-Kreisels“ bei, einem Kreisverkehr mit riesiger Metallvogelstatue. Ein anderes Mal unterbreitete man mir das Angebot, bei einer Challenge mitzumachen, bei der man gegen die Fahrtrichtung eines Kreisverkehrs fahren sollte. Auch hier lehnte ich ab. So blieb mir jedes, potenziell meine Jugend prägendes, Kreisverkehr-Erlebnis verwehrt. Ausgefallene Verkehrsinseln hat Niederösterreich aber auf alle Fälle. Ein Beispiel ist das phallusförmige Zwiebelchen in Unterstinkenbrunn.

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Jetzt haben wir eure Neugierde geweckt? Dann verraten wir euch noch weitere öffentliche skurrile Kunstwerke in Niederösterreich. Auf unserer Winter-Dahoam-Seite inspirieren wir euch außerdem für euren Winter in Österreich.

(c) Beitragsbild | pixabay

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