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Firefly Club: Mit Musik gegen Barrieren

Sonntag, 15. März 2020 / Lesedauer: ca. 6 Minuten

Firefly Club: Mit Musik gegen Barrieren

Sonntag, 15. März 2020 / Lesedauer: ca. 6 Minuten

Der gemeinnützige Verein Firefly Club bildet seit 2012 Menschen mit intellektueller und körperlicher Beeinträchtigung zu DJs und DJanes aus und vermittelt sie für Events. Jeden ersten Samstag findet in Tulln ein Workshop statt, bei dem sie ihr Können anwenden und verfeinern.

von Pia Miller-Aichholz

DJ Tom geht in Position. Das Aufnahmegerät läuft. Heute nehmen seine Kollegen und er in einem DJ-Radl einen Mix auf. Jeder von ihnen hat dafür seine eigene Musiksammlung mitgenommen – die meisten in Form von CDs, nur DJ Tom und DJ Felix arbeiten ausschließlich digital. Als das Jingle vorbei ist, das die Aufnahme einleiten soll, hat DJ Tom Einsatz. Er drückt Play. „Dideldum dideldei, ist da noch ein Platzerl frei? So allein, schöne Frau? Mei san ihre Augen blau!“ Aus den Lautsprechern erklingt Küss die Hand schöne Frau – das Original stammt von der Ersten Allgemeinen Verunsicherung – in der Coverversion der Volksmusik-Gruppe Die Draufgänger. Statt E-Gitarre und Bass geben steirische Harmonika und Posaune den Ton an. Toms Kollege DJ Felix klatscht begeistert mit. Es ist kurz vor 11 Uhr an einem kühlen, regnerischen Samstagvormittag in einem Gebäude der Volkshochschule Tulln. Ein solcher musikalischer Morgengruß kommt hier schon einmal vor, denn jeden ersten Samstag im Monat findet im Erdgeschoss ein DJ-Workshop statt. DJ Tom ist hier in Aus-, beziehungsweise in Weiterbildung, denn schließlich bespielt er auch schon Publikum. Will ihn jemand für einen Gig buchen, muss die Eventlocation barrierefrei sein, denn Tom sitzt im Rollstuhl. Dessen Speichenschutz zieren zwei von Flammen umspielte E-Gitarren. Aber nicht Rockmusik, sondern Schlager und Ballermann-Lieder sind seine Spezialität.

DJ bis 29

Der Workshop in Tulln wird vom Firefly Club organisiert, ein gemeinnütziger Verein, der DJ-Ausbildungen für Menschen mit „intellektueller Beeinträchtigung“ anbietet, wie es auf der Homepage geschrieben steht. Nach der Ausbildung vermittelt der Verein die DJs und DJanes für Veranstaltungen weiter. Gegründet haben den Verein 2012 Christoph Sackl und Sebastian Gruber. Christoph ist Österreicher, lebte aber nach dem Studium für mehrere Jahre in London, wo er mit Menschen mit Behinderung arbeitete. Ab und an ging er mit ihnen in inklusive Clubs, in denen Menschen mit und ohne Behinderung zusammen feierten – ein Konzept, das in Österreich bis heute kaum existiert. Als er nach Österreich zurückkehrte, wollte er auch hierzulande Veranstaltungen mit DJs mit Beeinträchtigung organisieren. Musik als verbindendes Element, war die Idee, Inklusion durch gemeinsame Leidenschaft. Als er Sebastian Gruber kennenlernte, hatte er seinen Partner für das Vorhaben gefunden. Sebastian lebt mit einem teils unterentwickelten Kleinhirn und ist dadurch motorisch, sprachlich und in seinem Gleichgewichtssinn beeinträchtigt. Seit der Diagnose in seinem ersten Lebensjahr arbeiteten seine Familie und er gegen sie an – mit Physio- und Hippotherapie, aber auch Logopädie.

Mittlerweile ist Sebastian 27 Jahre alt und arbeitet nicht nur als Versicherungskaufmann bei der Allianz, sondern ist auch sportlich sehr aktiv. Er steht für die Österreichische Behinderten Nationalmannschaft im Tor, außerdem bei den Special Violets der Austria Wien und beim Behinderten-Verein des Wiener Arbeiter-Turn- und Sportverbands, kurz WAT. Außerdem spielt Sebastian in zwei Bands, hat sich selbst viel mit dem DJ-Handwerk auseinander gesetzt und ist seit einigen Jahren DJ SLG unterwegs. Wie auch DJ Tom ist er heute mit einer roten Weste unterwegs, auf der sein DJ-Alias, sein Instagram-Handle und seine Facebook-Seite beworben sind. „Die sind echt super motiviert, haben ihre eigenen Facebook-Seiten und so!“, hat Christoph schon auf der Fahrt von Wien nach Tulln erzählt. Sebastian, alias DJ SLG, gibt nun einmal im Monat zusammen mit seinem Freund Christoph sein Wissen an andere DJs des Firefly Club weiter. Dass der Workshop in Tulln zustande kommt, ist einerseits den engagierten Eltern zu verdanken, die ihre Kinder einmal monatlich aus der Umgebung zum Workshop bringen und wieder abholen.

Von links nach rechts: DJ Tom, DJ SLG, DJ Steve, Christoph Sackl, DJ Kevin, DJ Felix und DJ Markus   (c) Pia Miller-Aichholz | 1000things

Andererseits wird das Projekt derzeit vom Land Niederösterreich als Jugendkulturprojekt gefördert. Eine der Voraussetzungen dafür ist allerdings, dass die geförderten Personen unter 29 Jahren alt sein müssen – sonst gilt es nicht mehr als Jugendprojekt und die Förderung geht verloren. Für Sebastian ist die Altersgrenze der niederösterreichischen Jugendkulturförderung kein Problem, schließlich ist er Organisator und Ausbildner. Aber je mehr DJs der Gruppe 29. Geburtstag feiern, desto näher kommt der Tag, an dem die derzeitige Gruppe sich auflösen muss. Für die DJs bedeutet das, dass ein jahrelanger sozialer Fixpunkt in ihrem Leben wegfällt, für den Firefly Club die erneute Suche nach genügend interessierten Teilnehmenden, deren Eltern sich bereit erklären, sie einmal monatlich nach Tulln zu bringen und wieder abzuholen. Die hat sich in den vergangenen Jahren als schwierig herausgestellt – mit ein Grund, wieso es nur diese eine Gruppe gibt. Förderungen, genauer deren Fehlen, sind einer der Gründe, wieso der Firefly Club derzeit in Wien keine DJ-Workshops für Menschen mit Behinderung mehr anbietet. Einige Jahre lang liefen die ehrenamtlich. Aber mit ein paar kleinen Sponsoring-Beträgen waren die Kosten nicht zu decken und die niedrige Zahlungsbereitschaft von Kunden und Kundinnen für Bookings der Firefly-Club-DJs ist seit jeher ebenfalls eine Herausforderung. Bürokratie und die von Bundesland zu Bundesland unterschiedlichen Förderungsmöglichkeiten und Regelungen machen das Beantragen kompliziert und zeitaufwändig. Sei dann mal ein Antrag gestellt, erzählt Christoph, heiße es oft, die Fördertöpfe seien schon leer oder es stünde kein Budget für DJ-Ausbildungen zur Verfügung. Seit drei Jahren wird der Firefly Club durch Lichts ins Dunkel kofinanziert. Den Rest versuchen Christoph und Sebastian durch Auftritte einzuspielen. Der Firefly Club bespielte beispielsweise bereits die 2000er-Party im Loft, den Diversity Ball, das Electrisize Festival in Deutschland.

Mit starkem Willen und Musik gegen Barrieren

Während des Workshops ist Sorge darüber nicht zu spüren. Sebastian hat den Überblick über die DJ-Station und achtet darauf, dass die Tracks rechtzeitig abgespielt werden. Als jemand, der sonst kaum mit Behinderung in Berührung kommt, ist man leicht verleitet zu sagen, er gäbe sein Wissen an Leute weiter, die sind wie er – selbst wenn man sich als aufgeklärte und reflektierte Person bezeichnen würde. Viel zu stark ist auch der Reflex, die Stimme ein paar Tonlagen höher zu stellen, wenn man mit den DJs redet. Damit manifestiert sich ein tief in unserer Gesellschaft verwurzeltes Problem, gegen das Christoph, Sebastian und die alle Firefly-DJs mit ihrer Arbeit antreten: Die Verallgemeinerung einer Gruppe, die genauso sehr oder wenig individuell ist, wie alle anderen Menschen auf der Welt, aber auch tief verankerte Vorurteile und vor allem Unwissenheit der Öffentlichkeit. Sie treten ein und auf gegen die Marginalisierung jener Menschen, die mit einer Beeinträchtigung leben. Ziel ist, die Unsicherheit und Unbedarftheit im Umgang mit ihnen aus der Welt schaffen.

Sebastian und Christoph leiten den Workshop an. (c) Pia Miller-Aichholz | 1000things

Christoph erzählt von einem Gespräch mit einem potentiellen Kunden, der fragte, ob die DJs eh nicht auf irgendeine Art und Weise unberechenbar seien, etwa plötzlich ausflippen würden. Er erzählt davon, wie schwer es nach wie vor sei, barrierefreie Event-Locations zu finden, die für die eigenen Veranstaltungen leistbar sind. Fehlende Barrierefreiheit macht es DJs im Rollstuhl unmöglich, Buchungen anzunehmen. Das heißt DJ Steve, der mit Trisomie 21 lebt, und DJ SLG können öfter Aufträge annehmen, als DJ Tom und DJ Felix. Dabei sind laut Bundes-Behindertengleichstellungsgesetz seit 1. Jänner 2016 „Waren, Dienstleistungen und Informationen, die für die Öffentlichkeit bestimmt sind“ von österreichischen Unternehmen barrierefrei anzubieten.

Dass seitdem der Ausbau der und die Umbauten für die Barrierefreiheit viel zu langsam beziehungsweise gar nicht passieren, bemängelt die österreichische Volksanwaltschaft regelmäßig. Sie gibt außerdem zu bedenken, dass das Thema nicht nur Menschen mit angeborener oder durch Unfall oder Krankheit bedingte permanenter Behinderung betrifft, sondern auch Eltern mit Kinderwägen, Menschen, die vorübergehend im Rollstuhl oder auf Krücken unterwegs sind und die Ältesten unserer Gesellschaft. Behinderung ist weder ein Einzelphänomen, noch ist sie eindimensional. Laut Erhebung der Statistik Austria lebten im Jahr 2015 18,4 Prozent der Bevölkerung mit einer dauerhaften Beeinträchtigung. Mit temporärer Beeinträchtigung dürfte die Zahl jener, die auf Barrierefreiheit angewiesen sind, signifikant höher sein.

(c) Pia Miller-Aichholz | 1000things

Dabei bewegen sich Tom und Felix mit ihren Rollstühlen selbstständig durch den Raum. Sie machen Platz für ihre Kollegen und positionieren sich dann selbst wieder vor den Mischpulten, kurz bevor sie dran sind. Zwei Stunden lang wird insgesamt aufgenommen. Während die einen mit Kopfhörern auf den Ohren konzentriert vor der Elektronik sitzen, wird um sie herum zur Musik geklatscht und gewippt, dann wieder etwas verlegen geschaut – der Besuch lenkt ab. In einem Moment foppen einander die jungen Männer etwas, im nächsten fallen sie einander lachend in die Arme. Währenddessen beschallen die beiden Lautsprecher den Raum mit Calvin Harris‘ Hit Feels, danach mit Michael Jacksons Thriller, darauf wiederum folgen Smokie mit If You Think You Know How To Love Me. Bei den Bookings achten Christoph und Sebastian darauf, dass die Song-Auswahl für die Auftraggebenden passt. Aber heute entsteht ein bunter musikalischer Patchwork-Teppich, in den jeder der DJs ein paar individuelle Fäden einwebt, geradezu sinnbildlich für eine inklusive Gesellschaft.

Damit auch während der Corona-Pandemie niemand auf sich gestellt ist, wurde eine Nachbarschaftsinitiative gestartet. Aber auch in ruhigeren Zeiten gibt es viele Projekte, die Nachbarschaftshilfe besonders in Ballungszentren erleichtern und koordinieren.

(c) Beitragsbild | Pia Miller-Aichholz | 1000things

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