1000 Moments: Hamburg

Eva Reisinger vom 12.09.2016

In der Hansestadt gibt es an jeder Ecke Fisch- und Franzbrötchen zu essen und jeder will andauernd mit dir schnacken. Diese Stadt ist maritim, ihr Humor ist trocken und das Bier schmeckt gut.

Hamburg

Eines der schönsten Erlebnisse in Hamburg? U-Bahn fahren! Ja, ganz ernsthaft. Das hat so gar nichts mit dem Horror der U6 in Wien gemeinsam. Die Hamburger U3 fährt meist oben und direkt am Hafen vorbei an den Schiffen, der Speicherstadt, der Landungsbrücke und dann rauf Richtung St. Pauli. Wenn ich morgens am Weg in die Arbeit oder ja manchmal auch Nachts nach dem Feiern nachhause fuhr, dann brach in der U-Bahn regelrecht eine Melancholie über mich ein. Kennt ihr die Art Städte, in die man sich verlieben kann? Hamburg ist so eine Stadt.

Ich muss zugeben, dass unsere Liebe zu Beginn ziemliche Startprobleme hatte. Ich kam an einem Samstag spätnachts von Wien in Hamburg an. Es regnete (wie fast immer), ich stand vor der U-Bahn Station „Berliner Tor“ und sah nur Beton, eine grindige Imbiss-Bude und ein unglaublich hässliches Studentenheim (indem ich die nächsten drei Monate wohnen würde). Ich verfluchte in diesem Moment all die Menschen, die mir zuvor noch in den Ohren lagen, wie schön Hamburg nicht sei. Ich fand es einfach nur hässlich. Am nächsten Morgen fuhr ich mit der U-Bahn aber Richtung Hafen und plötzlich war alles gut. Seitdem ist mein Geheimtipp für Hamburg-Besucher das U-Bahn Fahren.

Hamburg ist vielleicht nicht so berühmt für seine Partys und Clubs wie Berlin, aber trotzdem eine Stadt in der man irre gut feiern gehen kann. Auch diese Formulierung habe ich hier gelernt. In Hamburg geht man nicht fort oder aus, sondern feiern! Wer gute Lokale oder Bars dazu sucht, ist bei der Schanze immer richtig. Ich gehe dort gerne in die Katze, das 73-er-Haus oder das Zoë. Dort liebe ich es auf den alten Oma-Sofas zu sitzen und eine Gin-Rhabarberschorle zu trinken. Das erste Mal eine Schorle zu bestellen, tut einem als Österreicher schon irgendwie weh. Aber nach dem x-ten-Mal an der Kasse, wo keiner das Wort Sackerl oder Semmerl versteht, resigniert man. Und irgendwann, ich trau mich das fast nicht zu schreiben, fand ich das Wort Schorle plötzlich gar nicht mehr schlimm, sogar etwas charmant, irgendwie.

zoe

Nach Drinks oder dem Vorglühen fahre ich mit Freunden gerne auf die Reeperbahn. Dort gehen wir meist ins Frieda B, weil dieser Club ein guter Kompromiss ist, der allen gefällt und man keinen Eintritt bezahlt. Wenn ich guten Elektro hören will, gehe ich ins Übel & Gefährlich. Der Club befindet sich in den oberen Stockwerken eines alten Flackturms, der mich etwas an das Haus des Meeres in Wien erinnert. Meistens kann man zum Rauchen in den letzten Stock rauf und hat dann einen herrlichen Ausblick über Hamburg. Auch im Club Docks findet man gute Techno-Partys. Das Hamburger Nachtleben und sein Rotlichtmilieu sind ja legendär und haben auch einiges zu bieten. Wenn mich Freunde in Hamburg besuchen und etwas vom Reeperbahn-Feeling spüren wollen, gehe ich mit ihnen gerne in das Cabaret Pulverfass. Dort singen, tanzen, joken und strippen Transsexuelle. Und mir tut danach immer der Bauch weh vor lauter Lachen. Ihre Show ist einfach herrlich amüsant. Man kann sich die Tickets dafür online kaufen, aber Vorsicht (wie auf der Reeperbahn üblich) gibt es pro Person einen Mindestverzehr von 20 Euro. Das heißt, auch wenn man sich nur einen Drink gönnt, muss man ganze 20 Euro dort lassen. Das ist die Show aber wert, das verspreche euch.

Wenn ich nach einer langen Nacht am nächsten Tag eine Stärkung brauche, gehe ich ins Café Latte frühstücken. Dort gibt es ein veganes Frühstück, dass auch nicht Veganer wie mich, total begeistert. Ganz in der Nähe ist der Second Hand Shop PICKnWEIGHT, wo man die Klamotten nach Gewicht bezahlt. Auch wenn man nichts kauft, ist der Shop allein schon ein Erlebnis. Ich könnte dort stundenlang in den Klamotten der 80er und 90er stöbern.

Wenn das Geld zum Monatsende mal knapp wird oder man einfach nur Lust auf leckere Kumpir hat, empfehle ich den Laden Kumpir König direkt bei der Schanze. Dort gibt es gebackene Kartoffel mit so ziemlich jeder Füllung, die man sich vorstellen kann, ab vier Euro. Wer gerne mehr Geld für Essen ausgibt und sich nach etwas New York-Flair sehnt, muss in die Brooklyn Burger Bar in der Nähe des Rathauses. Dort gibt es die besten Burger der Stadt. Ganz ernsthaft, ich hab mich durchgekostet. Sonstige Must-Eats der Stadt sind ganz klar die Fisch- und Franzbrötchen. Beides gibt es an jeder Ecke. Wer nach dem Partymachen besonders motiviert ist, kann früh morgens auf den Fischmarkt nach Altona gehen. Und Franzbrötchen, das sind Zimtschnecken, essen die Hamburger gerne schon zum Frühstück.

brooklyn_burgerbar

Am Wochenende spaziere ich gerne entlang der Alster Richtung Winterhude. Je weiter man dort hin kommt, umso stärker verändert sich Hamburg. „In Winterhude ist die Welt noch in Ordnung, da trauen sich die Leute nicht mal einen Kaugummi auf die Straße zu werfen“, sagte eine Freundin einmal zu mir und hatte damit Recht. Die Welt in Winterhude steht irgendwie still. Teure weiße Villen, mit wunderbaren Gärten, reihen sich dort aneinander. Diese Häuser kann man angeblich nur selten kaufen, sondern höchstens erben. Ist das Wetter schön, empfehle ich auch eine Schifffahrt durch die Alster- Flüsse. Dabei kann man zu den reichen Leuten in den Garten schauen und einen Blick auf die glücklich dort Lebenden erhaschen.

Sollte jemals die Sonne in Hamburg scheinen und es warm sein, dann muss man an den Elbstrand. Denn diese Tage sind in Hamburg recht selten und darum fahren alle bei Sonne raus. An den Elbstrand kommt man mit der 62er Fähre, die direkt von der Landungsbrücke wegfährt. Dafür braucht man auch nur eine normale Öffi-Karte und los geht’s. Am Elbstrand angekommen fühlt man gleich die Urlaubsstimmung, auch wenn man nur für ein paar Stunden aus der Stadt flüchtet. Ich liege gerne im Sand und schaue den Containerschiffen gegenüber beim Verladen der Fracht zu. Das entspannt mich total. Mein Tipp: am besten vorher Drinks und Snacks einpacken und es sich dann mit einer Picknickdecke und den Liebsten am Elbstrand gemütlich machen und in den Sonnenuntergang hineintrinken. Die Fähre in die Stadt fährt bis Mitternacht, also keine Sorge.

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Auch in Sachen Kultur hat Hamburg einiges zu bieten: wer sich gerne Filme ansieht, sollte ins Abaton Kino und davor im dazugehörigen Lokal zu Abendessen. Dort gibt es leckere Suppen und gutes Essen. Hat man Glück (wie ich einmal) sitzen König Boris und Jörn Beton von Fettes Brot am Nebentisch.

Zwei sehr wichtige Wörter, die man als Österreicher in Hamburg wissen muss, möchte ich euch zum Schluss noch mitgeben: „Moin“ und „schnacken.“ In den ersten Wochen wunderte ich mich noch, warum die Leute hier mir um fünf Uhr Abends noch einen guten Morgen wünschten, bis ich realisierte, dass man „Moin“ in Hamburg zu jeder Tageszeit sagt und das soviel wie „Hallo“ bedeutet. Und „schnacken“ heißt nicht etwa, was ihr vielleicht vermutet oder wir im Dialekt gerne mit schnackseln bezeichnen, sondern einfach nur reden. „Lass uns nachher noch schnacken“, ist also keine sexuelle Belästigung, sondern einfach nur eine nette Einladung zum Plauschen.

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