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Mit Alltagsgeschichten gegen Alltagsrassismus

Sonntag, 6. September 2020 / Lesedauer: ca. 6 Minuten

Mit Alltagsgeschichten gegen Alltagsrassismus

Sonntag, 6. September 2020 / Lesedauer: ca. 6 Minuten

Paralleluniversen sind Stoff für Science-Fiction. Doch der Alltag von Angehörigen der BIPOC-Community in weißen Mehrheitsgesellschaften spielt sich gewissermaßen in einem ab. Ein Spaziergang durch die Stadt, Chillen im Park und ein Tag in der Arbeit tragen andere Vorzeichen, wenn man nach der Vorstellung mancher nicht wie von hier wirkt – vor allem, wenn man braune oder schwarze Haut hat. Mit Geschichten aus dem Alltag von Rassismus betroffener Menschen arbeiten zwei Österreicherinnen an der Zerstörung dieses Paralleluniversums.

von Pia Miller-Aichholz

Trigger-Warnung: In diesem Text werden rassistische Aussagen wiedergegeben und rassistische Vorfälle angesprochen.

Barbara Abieyuwa Adun und Camila Schmid haben einiges gemein. Sie sind Österreicherinnen, sind beide in ihren 20ern, haben einen starken Gerechtigkeitssinn und waren noch nie auf den Mund gefallen. All diese Gemeinsamkeiten könnten sie zusammengeführt haben – haben sie bis zu einem gewissen Grad auch. Vorrangig ist es aber eine andere Gemeinsamkeit. Sie sind in Kontakt, weil sie ihr Leben lang schon von Fremden und Bekannten in eine ganz bestimmte Schublade gesteckt worden sind. Jene, in die Menschen gesteckt werden, die nach den Vorstellungen bestimmter Personen nicht dem Bild eines Österreichers oder einer Österreicherin entsprechen. Menschen mit brauner oder schwarzer Haut, Menschen mit einem Aussehen, das nahelegt, dass sie oder ihre Vorfahren Wurzeln im Ausland haben, mit Kopfbedeckungen, die in Österreich nicht traditionell oder modisch verbreitet sind, und Menschen, die in der Öffentlichkeit nicht nur Deutsch sprechen. Alle werden sie in dieselbe Schublade gesteckt. Die beiden Frauen sind heute in Kontakt, weil sie unabhängig voneinander beschlossen haben, diese Schublade zu zerlegen – Vorurteil für Vorurteil, Vorfall für Vorfall.

Zurück an die Absender

Seit Juni 2020 betreiben sie neben ihrem privaten Instagram-Account jeweils einen zweiten, der für die breite Öffentlichkeit gedacht ist. Am 3. Juni veröffentlichte Camila unter dem Titel Re-Define Racism drei schwarze Quadrate auf denen sie in weißem Text erklärte, was von der Plattform zu erwarten ist. Seitdem veröffentlicht sie sowohl auf Instagram als auch auf Facebook Geschichten von rassistischer Gewalt, um den Begriff „Rassismus“ in der breiten öffentlichen Meinung neu definieren. Denn wenn die NSU aus rassistischen und rechtsextremen Motiven türkischstämmige Deutsche ermordet, verurteilt das die Öffentlichkeit als rassistisch. Aber über rassistische Witze im Freundeskreis wird gelacht. „Diese Geschichten offenbaren die von der allgemeinen Gesellschaft bisher unanerkannten Dimensionen des Rassismus“, schreibt Camila. Sechs Tage später stellt Barbara Abieyuwa über den Instagram-Account zuoftgehoert eine Frage ins Netz, die sie bereits unzählige Male gehört hat. Zu oft. „Woher kommst du eigentlich?“ Sie konfrontiert die Öffentlichkeit zu allererst mit der Frage, mit der sie selbst oft als erstes konfrontiert wird. Weil ihr Haar in dunkelbraunen Locken zu ihren Schultern herabfällt und weil das Erbgut ihrer österreichischen Mutter und ihres nigerianischen Vaters ihrer Haut einen Braunton gegeben hat. Egal, dass sie sich auf Deutsch mit ihrem Gegenüber unterhält. Egal, dass sie dabei aus einem Wortschatz schöpft, dessen Umfang über dem österreichischen Durchschnitt liegt. Die Feststellung im zweiten Post ist die Zwillingsschwester der vorangegangenen Frage: „Du sprichst echt gut Deutsch.“ Egal, dass sie in Österreich geboren wurde und aufgewachsen ist.

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Die Motivation für ein Projekt dieser Art waren ihre eigenen lebenslangen Erfahrungen mit Rassismus und der Wunsch, sie sichtbar zu machen. Endgültiger Auslöser war aber ein Video, das ab dem 24. Mai 2020 im Internet kursierte: die Aufnahme vom Mord an George Floyd. Camila plante ihren Account bereits vor dem Tod George Floyds und beschloss spontan, früher damit online zu gehen – aufgebaut nach dem Vorbild der Anti-Sexismus-Plattform OIDAitssexism, auf die sie ein paar Monate zuvor gestoßen war. Barbara Abieyuwa stieß bei ihren Recherchen nach Medienberichten über den Mord und die wieder an Fahrt aufnehmende Bewegung Black Lives Matter auf den Instagram-Account frequentlyheard, den englischen Ableger der niederländischen Seite veelgehoord. Damit hatte sie ein passendes Format für ihre eigene Plattform gefunden. Nach einem Namens-Brainstorming ging sie noch am selben Tag mit ihren zwölf ersten Posts online.

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Die vielen Dimensionen des Rassismus

Camila und Barbara Abieyuwa wagten mit ihrem Engagement gegen Rassismus einen weiteren Schritt in eine Sphäre, die in den vergangenen Jahren aufgrund der schweren Verfolgbarkeit von Hassbotschaften, Hetze und Mobbing wiederholt in den Schlagzeilen war und gesellschaftlich ob ihrer Potenziale aber auch Gefahren viel diskutiert wird: das Internet. Der Verein Zivilcourage und Anti-Rassismus-Arbeit, kurz ZARA, sammelt seit seiner Gründung im Jahr 1999 Meldungen über rassistische Taten. Einmal jährlich veröffentlicht der Verein einen Rassismus-Report, in dem ersichtlich ist, in welchen Bereichen die Fälle auftreten und wie häufig. Das im Report für das Jahr 2019 veröffentlichte Diagramm lässt einen eindeutigen Trend erkennen: Hassrede hat sich in den vergangenen Jahren aus dem Analogen ins Digitale verlagert, der Anteil rassistischer Beschmierungen auf Wänden öffentlicher Plätze oder auf Privateigentum im Verhältnis zu rassistischem Hass im Netz zurückgegangen. Überhaupt betrafen drei von fünf Meldungen rassistischer Vorfälle bei ZARA das Internet. Auch rassistische Vorfälle gegen Anti-Rassismus-Arbeit wurden dokumentiert.

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Barbara Abieyuwa und Camila sind aber nicht nur als schwarze Frauen und mit ihrem Engagement gegen Rassismus gefährdet, diskriminiert oder angegriffen zu werden. 1962 stellte Malcom X in einer Rede fest: „The most disrespected person in America is the black woman.” Der Begriff für das gesellschaftliche Phänomen, das Malcolm X damit ansprach, ist „Intersektionalität“, die Überschneidung mehrerer Diskriminierungskategorien. Man nehme rassistische Diskriminierung und füge ihr Sexismus bei. Auch diese Formen des Rassismus zeigen Camila und Barbara Abieyuwa auf. Aussagen wie „Wow deine Hüften sind so breit! Ha-ha! Du hast ja einen richtigen N-Wort Arsch!“ setzen mit Bodyshaming gleich eine dritte Kategorie oben drauf. Camila möchte solche Geschichten und Äußerungen nicht einfach unkommentiert stehen lassen. Deshalb tauchen zwischen den in Instagram-Kacheln gegossenen Erzählungen immer wieder Posts mit viel Text auf, in denen sie Schlüsse aus vorangegangenen Erzählungen zieht und konkrete Forderungen aufzählt, konkrete Problembereiche benennt, etwa weiße Privilegien in der Schule, oder Zusammenhänge erklärt, wie jenen zwischen Rassismus und Fat-Shaming. Alle Leser und Leserinnen sollen erfassen können, worum es geht: „Weil das ja auch das Ziel ist: Dass die Geschichten erzählt werden, damit sich etwas verändert.“

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Der Rassismus, den die beiden Frauen erfahren, beschränkt sich nun nicht mehr auf ihr Privatleben, sondern begegnet ihnen auch über die Postfächer ihrer öffentlichen Instagram-Accounts, über das Kontaktformular auf der Website, über das anonym Geschichten eingeschickt werden können, und via jener E-Mail-Adressen, die sie für ihre Plattformen eingerichtet haben. Negative Rückmeldungen kommen meistens von weißen Personen die fänden, das sei alles überheblich, man dürfe gar nichts mehr sagen und die Betroffenen drückten auf die Tränendrüse, erzählt Barbara Abieyuwa. „Und das finde ich halt sehr schade, denn es ist nicht einfach, über seine rassistischen Erfahrungen zu sprechen.“ Das damit verbundene Trauma, das bereits in einer Schublade verstaut worden sei, komme dadurch wieder hoch. Immer wieder stehen unter den Posts auch Hasskommentare. Die löscht Camila möglichst rasch, denn Re-Define Racism soll „ein Ort des Verständnisses und der Liebe sein.“ Barbara Abieyuwa versucht ihrer Community grundsätzlich zu vermitteln, dass sie nicht provozieren lassen und möglichst positiv bleiben soll, „weil ich halt auch so gepolt bin. Weil sonst, glaube ich, wäre ich vielleicht auch schon krank.“ So wie jene Leute, die ihr erzählen, dass sie Opfer rassistischer Gewalt geworden und wegen ihres Traumas nun in psychiatrischer Behandlung seien.

Solidarität und Reflexion

Nicht nur für die BIPOC-Community sind Re-Define Racism und zuoftgehoert ein Ort der Solidarität geworden, und nicht nur für Angehörige der weißen, privilegierten Bevölkerungsgruppe ein Ort der Reflexion. „Bei vielen Erfahrungen oder Reflexionen von Leuten denke ich mir: ‚Wow, so ging’s mir auch, aber ich hab das gar nicht so gesehen!‘“, erzählt Camila. Etwa, wenn man sich in der Öffentlichkeit in seiner Muttersprache unterhält und bemerkt, dass einige Leute starren und man dann zwischendurch perfekte deutsche Sätze fallen lässt, um zu beweisen, dass man es eh kann – ein Schutzmechanismus, der Alltag geworden ist. Die beiden erhalten auch viele Nachrichten, in denen ihnen für ihre Arbeit und ihre Inhalte gedankt wird. In den Kommentaren tauschen sich Betroffene untereinander aus, sind erleichtert, nicht allein zu sein mit ihren Erfahrungen. Immer wieder zu sehen, dass sie nicht allein mit ihren Erfahrungen sind, tut auch den beiden Frauen gut – selbst wenn es nicht leicht ist, anstatt mit den eigenen Erfahrungen auch noch mit jenen so vieler anderer konfrontiert zu werden. An schlechten Tagen wird alles zu viel, sagt Camila. Dann legt sie das Handy, das ständig vibriert, einen Tag lang weg. Oder sie redet mit anderen über die Dinge, die sie auf dem Herzen hat.

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Barbara Abieyuwa und Camila telefonieren regelmäßig, tauschen sich untereinander aus, aber auch mit anderen Personen, die sich öffentlich gegen Diskriminierung engagieren. Sie posten seit Monaten mehrmals wöchentlich, manchmal mehrmals täglich auf ihren Accounts und teilen Videos, Statements und Ratschläge in ihren Instagram-Stories. Als Aktivistinnen lassen sich die beiden aber nicht gerne bezeichnen. Sie tun sich schwer damit, ihre Initiative in den sozialen Medien mit den eigenen Erwartungen an den Begriff zu vereinen. Im Grunde ist es auch vollkommen egal, als was man die beiden Frauen bezeichnet. Schon damit, dass sie über Rassismus aufklären, haben sie eines ihrer Ziele erreicht. Sie sind vielleicht keine Aktivistinnen. Aber sie sind aktiv geworden.

Wenn ihr euch zum Thema Rassismus weiter fortbilden wollt, könnt ihr einen Blick auf unsere Buchempfehlungen zum Thema werfen. Apropos Sexismus: Inwiefern Catcalling den Alltag von Frauen beeinträchtigt, lest ihr nun ebenfalls auf unserem Blog.

(c) Beitragsbild | @redefineracism & @zu.oft.gehoert | Instagram | Bearbeitung: 1000things (Collage aus Posts auf den beiden Plattformen)

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