Ansichtskarten

Unser Senf: Danke, dass ihr noch Ansichtskarten schreibt

Mittwoch, 19. Dezember 2018 / Lesedauer: ca. 3 Minuten

Unser Senf: Danke, dass ihr noch Ansichtskarten schreibt

Mittwoch, 19. Dezember 2018 / Lesedauer: ca. 3 Minuten
Weil ein bisschen Würze im Leben nie schaden kann, geben wir euch mit dieser Kolumne regelmäßig unseren Senf dazu: Wir erzählen euch, was uns beschäftigt, was uns nervt und was uns zum hysterischen Lachen bringt. Eure Käsekrainer könnt ihr zwar nicht darin eintunken, aber dafür ist unser Senf auch gratis. Dieses Mal erzählt unsere Redakteurin, warum sie all jene Menschen feiert, die immer noch Ansichtskarten verschicken.
von Viktoria Klimpfinger

Als Kind war das die beste Zeit im Familien-Skiurlaub: Ein, zwei Tage waren schon um und ein paar weitere würden noch folgen. Jetzt war es endlich an der Zeit, die passenden Ansichtskarten für die Daheimgebliebenen auszusuchen. Das Karten-Shoppen markierte für mich den Zeitpunkt im Urlaub, an dem wir uns schon an die Unterkunft und die neue Umgebung gewöhnt hatten. Gleichzeitig war kein Heimweh mehr nötig, denn in ein paar Tagen würden wir ohnehin wieder Richtung Zuhause düsen. Ab dem Besuch beim Kartenständer fing für mich also die gelöste Urlaubsstimmung erst richtig an. Ja, ich war ein komisches Kind.

Dank Whatsapp und Co, habe ich im Erwachsenenalter längst Ansichtskarten gegen Bequemlichkeit eingetauscht. Daher überkommt mich heute eine bacherlwarme Welle der Nostalgie, wenn ich an den quietschenden Drehständern mit den kitschigen Bildern darin vorbeigehe. Natürlich muss man bei jeder Nostalgie aufpassen, dass man nicht in Sepia-getränkte Vergangenheitsverklärung mit Heimatfilm-Ästhetik kippt: „Früher war alles besser.“ Nein, war es nicht, Omi, komm‘ drüber hinweg! Denn natürlich haben uns die fortschreitende Digitalisierung und die globale Vernetzung einiges erleichtert – wie zum Beispiel das Verschicken von Urlaubsgrüßen.

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Es lebe die Umständlichkeit

Im Vergleich zu einem Urlaubsschnappschuss, den ich heute über Whatsapp an meine Mutter schicke mit der Unterschrift „Mir geht’s gut. Bussi“, ist es um einiges umständlicher, Ansichtskarten zu senden. Zuerst muss man mal für jeden Charakter das passende Motiv auswählen. Ein Nackedei auf Skiern mit überdimensionalem Bierkrug ist vielleicht ein lustiger Gag unter Freunden. Sicher ist er aber nichts für die Oma, die jeden Tag sehnsüchtig den Briefkasten auf die Karte vom lieben Enkerl absucht und beim Anblick dieser Karte sicher aus den Gesundheitslatschen kippen würde. Dann muss man sich einen möglichst kreativen Kurztext ausdenken, der mit nur ein paar Sätzen alles sagt: Mir geht’s gut, die Unterkunft ist schön, das Essen ist gut, das Wetter auch. Bussi baba. Da hast du’s, Tante Bärbel! Nicht erst Twitter und Instagram haben uns unsere Sprache verknappt. Eigentlich sind die Ansichtskarten schuld. Rofl. Lol.

Hat man endlich seine lustigen Urlaubsgrüße zu Karton gebracht, muss man auch noch die passenden Briefmarken kaufen und einen Briefkasten finden – heutzutage gar nicht mehr so einfach. Oder eine andere Stelle im Urlaubsort, an der man sie aufgeben kann. Für mich als schüchternes, introvertiertes Kind war das damals ein Spießrutenlauf. Doch da zwang ich mich durch. Immerhin musste die Karte auf jeden Fall noch vor einem selbst zuhause ankommen. Das war Gesetz. Denn was macht eine Ansichtskarte für einen Sinn, die nach den Urlaubern eintrudelt? Dann wäre sie nichts mehr als ein Gruß aus der Vergangenheit, die sich schon längst mit Urlaubserzählungen und endlosen Foto-Diashows selbst überholt hat.

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Extra Aufwand, extra Freude

Aber gerade weil Ansichtskarten mit mehr Umständen verbunden sind als virtuelle Urlaubsgrüße, feiere ich die Menschen, die sich heute erhobenen Hauptes über die digitale Totaleffizienz hinwegsetzen. Als hätten sie es nicht nötig, sich die Dinge einfach zu machen. Als würden sie die Umständlichkeit des analogen Zeitalters locker bezwingen. Viel lockerer als ich etwa, die trauriger Weise schon bei einem normalen Brief zweimal überlegen muss, wo noch einmal die Marke hinkommt. Darin, dass sich da jemand im Urlaub tatsächlich die Mühe gemacht hat, eine passende Karte für mich auszusuchen, per Hand ein paar liebe Worte darauf zu schreiben, die Briefmarke sogar mit der eigenen Zunge abzulecken, hat etwas unglaublich Liebevolles, fast schon Intimes.

Vor allem, weil die Ansichtskarten-Schickerei heute eben längst kein Muss mehr ist, ja im Gegenteil: Weil einen eine Ansichtskarte im Briefkasten ziemlich überrascht. Heute hat man die allgemeinen Urlaubsgrüße mit einem Foto-Post im Whatsapp-Gruppenchat oder einer Instagram-Story in ein paar Sekunden erledigt. Doch ist besonders die öffentliche Zurschaustellung der Urlaubsidylle via Instagram und Facebook nicht vorrangig eine süße Art, Bescheid zu geben, dass man noch am Leben ist, sondern hauptsächlich Angeberei. Denn was sagt mehr „Ich bin im Urlaub und du nicht, Loser!“ als ein Foto von einem Rücken und einem nach hinten gestreckten Arm, an dem ein zweiter, anonymer hängt, vor einem verschneiten Winterwunderland?

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Sympathischeres Unter-die-Nase-Reiben

Natürlich sind auch Ansichtskarten in gewisser Weise Unter-die-Nase-Reiber, wenn auf der Rückseite einer pervers verschneiten Holzhütte steht: „Ich hoffe, du hast auch eine halbwegs schöne Zeit in Wien.“ Das kann im grauslich-gatschigen Wien nicht mehr sein als blanker Hohn. Aber wenigstens sind Ansichtskarten ein subtileres Angeben, ja, ein Angeben mit extra Aufwand. Deshalb lasse ich mich von einer sorgfältig ausgewählten Karte mit selbst abgeschleckter Briefmarke gerne eifersüchtig machen. So gerne, dass ich mir jede Einzelne an meine Kork-Pinnwand hänge, sollte ich im Abstand von ein paar Jahren mal wieder zufällig eine von einem dieser wunderbaren Menschen bekommen, die sich immer noch die Mühe machen. Und wenn das Leben mal wieder aus dem Lot gerät, schaue ich mir die Ansichtskarten an der Wand an und denke mir: So schlimm kann’s nicht stehen um die Welt, wenn es da draußen immer noch Menschen gibt, die bedacht genug sind, um anderen Ansichtskarten zu schicken. Bussi!

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Apropos Winterwunderland: Unsere Redakteurin erzählt, warum der erste Schnee in Wien immer der schönste ist. Zu viel Liebe? Dann taucht ein in den blanken Hass, den unsere Redakteurin auf Gesellschaftsspiele hat.

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