Smalltalk

Unser Senf: Warum ich Smalltalk verweigere

Donnerstag, 21. März 2019 / Lesedauer: ca. 4 Minuten

Unser Senf: Warum ich Smalltalk verweigere

Donnerstag, 21. März 2019 / Lesedauer: ca. 4 Minuten

Weil ein bisschen Würze im Leben nie schaden kann, geben wir euch mit dieser Kolumne regelmäßig unseren Senf dazu: Wir erzählen euch, was uns beschäftigt, was uns nervt und was uns zum hysterischen Lachen bringt. Eure Käsekrainer könnt ihr zwar nicht darin eintunken, aber dafür ist unser Senf auch gratis. Dieses Mal beschließt unsere Redakteurin, dem leidigen Smalltalk in Zukunft aus dem Weg zu gehen.

von Viktoria Klimpfinger

„Schönes Wetter haben wir heute.“ Peinliches Schweigen. Peinliches Schweigen. Nervöses Kauen an der Unterlippe. Und schon befinden wir uns in meiner persönlichen Version der Vorhölle, dem Smalltalk – hereinspaziert! Hattet ihr eine gute Anreise? Wie geht’s der Familie? Wusstet ihr, dass Faultiermamas ihre Babys einfach sterben lassen, wenn sie vom Baum fallen, weil sie zu faul sind, sie aufzuheben? Und schon wechselt das Schweigen von peinlich zu schockiert. Denn schlimmer als Smalltalk ist eigentlich nur eins: schlechter Smalltalk. Leider ist das der einzige Smalltalk, den ich draufhabe. Besonders in Momenten, in denen Schweigen so viel angenehmer wäre, macht mir gezwungene Light-Konversation einen Strich durch die Rechnung und ich vergesse offenbar blackoutmäßig, wie ein normaler Mensch denkt, spricht, atmet und wie er seine Arme üblicherweise trägt. Aber nicht mit mir – da mache ich nicht mehr mit.

Es ist ja nicht so, als hätte ich nicht oft genug versucht, mich wie scheinbar jeder andere Erwachsene ganz beiläufig über Beiläufigkeiten zu unterhalten. Ja, irgendwie scheint die Fähigkeit, über Belangloses zu plaudern und Interesse zu heucheln, sogar ein nötiger Softskill des Erwachsenwerdens, den man irgendwo zwischen Puppen-Teekränzchen und der ersten Steuererklärung aufgabelt. Ist ja auch von Vorteil, solche Gespräche führen zu können, besonders beim „Netzwerken“. Die Menschen, für die man seine Netze auswirft, klettern scheinbar bereitwilliger hinein, wenn man sie mit freundlichen Plattitüden vollquatscht statt mit morbiden Facts aus der Tierwelt oder ähnlichem „disturbing content“.

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Schweigendes Schaukeln am Sessellift

Ich kann mich sogar noch an meinen allerersten Versuch erinnern, aus eigenem Antrieb ein bisschen Smalltalk anzuzetteln. Es war ein kalter Wintertag, die Sonne strahle über die Skipisten und machte aus dem Schnee einen Teppich aus schillerndem Kristall. Ich war 14 und mit meiner Familie im Skiurlaub. Am Vortag hatten wir eine andere Familie mit Jugendlichen in unserem Alter kennengelernt, inklusive sehr wortkargem Familienvater. Fröhlich schwangen wir uns in der Gruppe von Hang zu Hang und bremsten uns schließlich mitten im Nirgendwo vor einem uralten Zweiersessellift ein. Und weil das Schicksal nun einmal ein ausgekochter Sadist ist, staubte ich als Sitznachbarn prompt den kühl schweigenden Familienvater ab. Okay, alles halb so wild, wie lang kann so eine Liftfahrt wohl dauern? Ja, verdammt, wie lang wohl, wenn auf halber Strecke der Lift stecken bleibt und man für ungewisse Zeit über dem Abgrund baumelt. Schweigend. Wartend. Sich gegenseitig spürbar unsympathisch.

Schließlich hielt ich es nicht mehr aus, dass die einzigen Geräusche, die uns voneinander ablenkten, das Quietschen der fragilen Sessel und unser eigenes Ein- und Ausatmen war, und machte meinen ersten Smalltalk-Versuch: „Wenigstens haben wir schönes Wetter.“ Nervöses, immer hysterischer werdendes Gekicher meinerseits. Wachsendes Unbehagen familienvaterseits. Antwort: keine. Dachte ich vor ein paar Sekunden noch, das erste Schweigen wäre nicht mehr auszuhalten gewesen, holte es während meines verzweifelten Gesprächseinstiegs offenbar bloß aus, um danach noch viel härter zuzuschlagen. Es gibt nichts, das dir erbarmungsloser dein Versagen ins Gesicht schreit, als ein Gespräch, das abrupt in planlosem Schweigen verendet.

Als der Lift nach gefühlten Tagen des betretenen Schweigens und peinlich berührtem Räusperns endlich weiterzuckelte, stöhne mein Sitzpartner erleichtert auf. Wow. Für mich war’s auch keine Party, Günter! Endlich oben angekommen, blieb ein Teil von meiner unverstellten Kindheit für immer auf dem kalten Sitz des Sessellifts zurück. Bis heute höre ich das leise Quietschen des schaukelnden Sessellifts, wenn mich jemand fragt, „was ich so mache“. Quiiietsch, quiiietsch – mentale Embryostellung.

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Ungelenkes Gesprächsdribbeln

Die Kunst am Smalltalk ist also nicht nur, die Balance zwischen Freundlichkeit und Oberflächlichkeit auszutarieren, sondern vor allem, den mühsam und unorganisch hochgehievten Gesprächsball nicht so lange fallen zu lassen, bis er in die nächste Gulli-Öffnung platscht und nur mehr von einem psychisch gestörten Clown gerettet werden könnte. Deshalb gab ich mir stets redlich Mühe, zumindest halbherzig zurückzupassen, wenn mein Gegenüber nach dem dritten „Mhm“ meinerseits immer noch nicht lockerlässt. Denn hey: Wer wüsste besser, wie beschissen sich ein ignorierter Plauschversuch anfühlt, als ich?

Das gelingt manchmal gut, meistens flutscht’s aber leider weniger. Besonders in Situationen, in denen ich eigentlich wirklich lieber schweigen würde. Wenn ich etwa nach einer langen Partynacht alleine im Taxi sitze, wenn ich mir die Haare schneiden lasse oder wenn ich mit dem Aufzug fahre. Alles Situationen, in denen ich am liebsten meine Augenlider auf Halbmast stellen und mein Unterkiefer auf halbgeöffneten Entspannungsmodus schalten würde. Besonders wenn ich merke, dass mein Gegenüber eigentlich ebenso wenig Bock auf Konversation hat wie ich und nur um der sozialen Gepflogenheiten willen mit mir über das Wetter spricht. Erzwingt man dann von mir ebenso konversatorische Kunstgriffe, bekommt man meistens unzusammenhängende, hervorgestammelte Antworten, die irgendwie ins Leere führen und abgelenkt manövriere ich mich in Sätze, in die ich mich verstricke, bis ich nicht mehr weiß, wie ich sie beenden – Sandwich. Verdammt.

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„Smalltalk ist für viele das angenehmere Schweigen“

Doch daran muss sich endlich etwas ändern. Trotz Sessellift-Trauma und dem übertriebenen Wunsch nach sozialer Anerkennung habe ich mir vorgenommen, mir mein Schweigen zurückzuholen. Denn was ist Oberflächenplaudern schließlich anderes als das krampfhafte Bekämpfen des natürlichen Konversationsnirvanas zweier Personen, die sich nichts zu sagen haben?

Smalltalk ist zwar für viele offenbar das angenehmere Schweigen. Aber ich schweige mittlerweile doch lieber, nun ja, schweigend. Und das ist okay so. Immerhin ist gemeinsame Stille ja eigentlich erst dann peinlich, wenn man die Peinlichkeit zulässt, um lose Marshall aus How I Met Your Mother zu zitieren. Man muss nur lernen, mit dem Stillsein umzugehen, es nicht mit Dampfgeplaudere, das einem in solchen Situationen scheinbar automatisch aus dem Mund fällt, zu übertönen. Sondern die Stille einfach mal still sein lassen – oder den anderen reden. Die eigene Unsicherheit nicht durch Worte kaschieren wollen, sondern sich stattdessen fragen, warum einen das eigene Schweigen überhaupt so verunsichert.

Kurz gesagt: Nach all den Jahren konnte ich also doch einiges von Sessellift-Günter lernen. So wurde aus dem Unsympathler das Vorbild. Könnte ich noch einmal in die damalige Situation zurück, würde ich ihn selbstbewusst in Grund und Boden schweigen. Und wer weiß: Vielleicht werde auch ich irgendwann einmal ein Günter für irgendein verunsichertes 14-jähriges Mädel sein, das mich unbeholfen anquatscht. Der Kreislauf des Lebens.

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Ihr wollt weitere soziale Herausforderungen? Unsere Redakteurin erzählt euch, warum das Hinsetzen in den Wiener Öffis für sie ein sozialer Spießrutenlauf ist. Lieber ein bisschen süßeren Senf? Dann feiert mit uns das Ansichtskartenschreiben.

(c) Beitragsbild | Pixabay

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