Öffis hinsetzen

Unser Senf: Warum ich mich in den Öffis nicht mehr hinsetze

Freitag, 19. Oktober 2018 / Lesedauer: ca. 5 Minuten

Unser Senf: Warum ich mich in den Öffis nicht mehr hinsetze

Freitag, 19. Oktober 2018 / Lesedauer: ca. 5 Minuten

Weil ein bisschen Würze im Leben nie schaden kann, geben wir euch mit dieser Kolumne regelmäßig unseren Senf dazu: Wir erzählen euch, was uns beschäftigt, was uns nervt und was uns zum hysterischen Lachen bringt. Eure Käsekrainer könnt ihr zwar nicht darin eintunken, aber dafür ist unser Senf auch gratis. Dieses Mal erzählt unsere Redakteurin, warum das Hinsetzen in den Öffis für sie zum Dilemma geworden ist. Dabei könnte es so einfach sein.

von Viktoria Klimpfinger

Ich bin in Wien geboren und aufgewachsen, also bin ich quasi mit den Öffis gefahren, noch bevor ich laufen konnte. Routiniert steige ich jeden Morgen in Bim oder U-Bahn ein, suche mir einen Platz und liefere mir mit anderen grantigen Anti-Morgen-Menschen einen stoischen Starrwettbewerb. Wenn mich einer zu sehr niederstarrt, nicke ich schon mal aufmüpfig mit dem Kinn oder schaue kopfschüttelnd und undefinierbar murmelnd aus dem Fenster. Das Übliche eben. In die Klischee-Lacke des Wiener Grantlers hüpfe ich morgens zwischen 8 und 9 Uhr in der U-Bahn wie ein Olympia-Turmspringer.

Aufstehen für die Älteren

Genauso typisch für die Wiener Öffi-Community ist aber auch das Gemeckere, wenn junge Leute nicht rechtzeitig den Platz räumen für ältere, gebrechliche Semester. Verstehe ich total, haben sie sich ihren Sitzplatz doch allein schon aufgrund der Tatsache verdient, dass sie deutlich länger als die jungen Hüpfer auf dieser Erde wandeln. So viel länger, dass das Wandeln bereits zum Wackeln wurde. Und natürlich hüpfe auch ich, egal wie grantig und wütend vor mich hingrummelnd, von meinem Sitzplatz und trällere in viel zu hohen Registern: „Möchten Sie sich hinsetzen?“ Manche bedanken sich herzlich, manche sind regelrecht von den Socken, dass es so etwas wie Aufmerksamkeit noch gibt, manche plumpsen aber auch einfach ebenso grummelnd wie ich auf den Sessel und ärgern sich, dass ich nicht schon aufgesprungen bin, als ich sie draußen in der Station stehen gesehen habe. Egal, für mich sind das in jedem Fall Karma-Punkte. Immerhin erinnern mich ältere Menschen regelmäßig an meine eigenen Großeltern. Und wenn ich mir vorstelle, dass die beiden in einer rappelvollen Straßenbahn stehen, den Fliehkräften auf Gedeih und Verderb ausgeliefert, würde ich am liebsten sogar jetzt beim Schreiben aufstehen. Vorsorglich. Präventiv quasi.

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Unabsichtlich sitzenbleiben…

Letztens ist es mir aber doch passiert, dass ich eine ältere Lady schlichtweg übersehen habe. Okay, eigentlich ist es mir leider schon öfter passiert, also fungiert die eine wütende Seniorin jetzt mal stellvertretend für ihre ebenfalls von mir unabsichtlich verärgerten Alterskollegen. Da starrt man eine Minute zu lange gedankenverloren aus dem Straßenbahnfenster, und schon bricht hinter einem das vorwurfsvolle Gemurmel los: „Unverschämtheit! Kein Benehmen! Dass ausgerechnet die Jungen immer sitzen müssen. Und dann picken’s auch noch am Handy.“ Hey, Moment mal, ich war doch gar nicht am Handy!? Aber diskutieren ist in so einer Situation denkbar unnötig. Ich springe also beschämt auf und murmle mit hochrotem Kopf so etwas wie: „Verzeihung… hab’ Sie nicht gleich ge… Wollen Sie sich denn…?“ Und schon schiebt mich eine Einkaufstasche, die für die Ü-80-Besitzerin erstaunlich schwer ist, zur Seite. Das Gemurmel geht natürlich weiter. Und das ausgerechnet mir, wo ich doch sogar gerade präventiv für meine Großeltern vom Schreibtisch aufgestanden bin. Am liebsten würde ich im Boden versinken bis zu den Schienen. Aber kein bedauernswertes Lächeln, kein entschuldigendes Mundverziehen nutzt – meine großmütterliche Gegenspielerin ist „brennhaß“, wie der Wiener sagt. Und auch sie. Sie sagt das selber mitten in ihrem wütenden Wortschwall, den sie gegen die Fensterscheibe brabbelt.

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…und es bei der falschen Zielgruppe wieder gutmachen wollen

Vor lauter Schamgefühl und schlechtem Gewissen bin ich dann auch noch viel zu früh ausgestiegen. Ja, der geballte Grant des gesamten Waggons hat mich langsam nach draußen gedrängt. Wie peinlich. Verständlich also, dass ich die nächsten Male, sobald eine Person fortgeschrittenen Alters ein öffentliches Verkehrsmittel betrat, in dem ich mich befand, aufsprang wie von der Tarantel gestochen und motiviert wie ein Animateur in einem Magic-Life-Club meinen Platz anbot. Auch das ist aber nicht immer gern gesehen, bedenkt man, dass ich nicht unbedingt gut darin bin, das Alter meiner Mitmenschen einzuschätzen. Kinder sind für mich immer sieben, Senioren sind für mich immer 80 und Eltern um die 40. Punkt.

Dann gibt es da aber auch die coolen Grown-Ups, die total selbstbewusst ihre grauen Haare tragen, aber gleichzeitig von ihren Enkerln mit dem Vornamen angesprochen werden wollen. Solche Exemplare verwirren mich und meine – zugegeben lückenhafte – Altersskala. Denn schon einige Male ist es mir in meinem Übereifer passiert, dass ich mich massiv im Alter verschätzt habe oder meine Zielperson einfach nicht einordenbar war. Graue Haare, Birkenstocks und ein Jutebeutel – wie soll ich damit arbeiten? Pro forma aufstehen? Keine gute Idee. Wenn man dieser coolen Fraktion nämlich lautstark den Sitzplatz anbietet, wird es unschön. „Was denken Sie denn, wie alt ich bin?“ In meinem Kopf schreit plötzlich eine militärisch klingende Stimme: „Rückzug! Rückzuuug!!!“ Ich stehe wie angewurzelt da, die Ü50-Hipsterdame und ich starren uns an. Ich verängstigt, sie erzürnt. Hinsetzen kann ich mich jetzt auch nicht mehr, würde ja komisch wirken. Es folgt ein langes, peinliches Schweigen. Die Grillen zirpen in meinem Kopf, als ich mich dafür entscheide, unter beleidigten Blicken betont lässig zur Tür zu wandern, den Fahrplanaushang über der Tür akribisch zu studieren und bei der nächsten Station, egal welche es auch sein möge, das Weite zu suchen.

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„Darf ich mich hinsetzen?“

Wie man es auch macht, man macht es falsch. Dass dieser Sager auch bei einem simplen Thema wie dem Anbieten eines Sitzplatzes zutrifft, schockiert mich. Andererseits passt das alles auch wieder in dieses vermaledeite Grantler-Klischee, dass die Wiener erst noch abschütteln müssen. Allerdings geht es hier längst nicht nur um Grant. Nein, hier geht es um eine perverse Mischung aus Grant und Höflichkeit, dem grantigen Einfordern der Höflichkeit nämlich, was bei Panikmenschen wie mir dazu führt, dass sie mit ihrer Höflichkeit herumschmeißen wie mit einem Squash-Ball.

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Das alles ist ungefähr genauso heikel wie der Satz „Steigen Sie aus?“, der zwischen „Steigen Sie eh aus und falls nicht: Darf ich vorbei?“ und „Schleich dich, Arschloch, oder ich knipse dir das Licht aus!“ so ziemlich alles bedeuten kann.

Mittlerweile bleibe ich im Zweifelsfall lieber gleich stehen – man weiß ja nie. Im Nachhinein denke ich mir allerdings, dass es wohl einiges erleichtern würde, würde ein Mensch, der einen Sitzplatz braucht, das auch direkt adressieren, und nicht schnaubend oder grummelnd darauf warten, dass einer der Sitzenden seine ärgerliche Situation bemerkt. Es wäre so viel einfacher, würde man nicht gleich davon ausgehen, dass der junge Mensch, der da sitzt und aus dem Fenster starrt, sicher mit Absicht seine Kopfhörer in den Ohren hat und einen genüsslich ignoriert. Denn vielleicht hat er einfach nicht bemerkt, dass jemand eingestiegen ist, der den Sitzplatz dringender benötigt als er selbst. Was dann folgen sollte, ist nicht die grantige, passiv-aggressive Aufforderung zur obligatorischen Höflichkeit, sondern ein Tippen auf die Schulter und die Frage: „Darf ich mich hinsetzen?“ Das würde verdammt viel unterschwelligen sozialen Leistungsdruck von unseren Schultern nehmen. Es könnte so einfach sein.

Öffis Wien

Die 1er-Linie.

Ihr wollt noch mehr von unserem Senf? Dann lest euch durch, wie ich mir ein lebenslanges Oktoberfest-Trauma eingefangen habe. Statt Senf lieber Action? Dann stöbert doch in unseren To Do’s für ganz Österreich.

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