Warum Darts für mich der sympathischste Sport der Welt ist

Sonntag, 31. Dezember 2017 / Lesedauer: ca. 3 Minuten

Warum Darts für mich der sympathischste Sport der Welt ist

Sonntag, 31. Dezember 2017 / Lesedauer: ca. 3 Minuten

Ihre Spieler verkörpern Unsportlichkeit in Person, gleichzeitig inszenieren sich sich als Champions: Einlaufsongs, Walk-On Girls und Spitznamen – dazu eine betrunkene grölende Menge. Willkommen bei der Darts WM! Eine Liebeserklärung an den womöglich unsportlichsten Sport der Welt.

von Eva Reisinger

Alle Lichtkegel sind auf ihn gerichtet. Die Menge grölt. Der Saal ist dunkel. Die Stimme kündigt ihn an: den Flying Scotsman – Gary Anderson – the Champion of the World. Er schlägt die Hände über seinem Kopf zusammen und sein Einlaufsong Jump Around von House of Pain ertönt. Er grinst in die Kamera:  rahmenlose Brille auf der Nase, sein Trikot weit aufgeknöpft, ein Goldkettchen blitzt hervor, die Arme voller Tattoos und die Haare voller Gel. Die Hände der Zuseher ringen nach ihm. Jeder will ihn berühren. Er klatscht Hände ab, küsst seine Frau, zwinkert der Blondine hinter ihm zu – im engen Kleid und mit tiefem Ausschnitt und betritt die Bühne.

Der bierbäuchige Sport wird immer beliebter

Anderson ist typisch dafür, was diesen Sport so sympathisch macht: Die Gegensätze, die dabei aufeinander prallen. Gary Anderson sieht nicht gerade wie ein Gewinner aus, er ist aber der Darts-Weltmeister 2016. Die Helden des Darts sind schräge Gestalten und inszenieren sich als Champions mit Walk-On-Girls, eigenen Namen und Songs.

Ihre Fans lieben sie dafür. Denn Darts zeigt Männer, wie sie eben auch mit am Stammtisch sitzen könnten. Gerade, weil die Sportler nicht wie Sportler aussehen und ihren Fans mehr ähneln als den aalglatten Athleten in den anderen Sportarten, liebe ich sie. Sie haben Bierbäuche, Männerbrüste, Doppelkinn und Glatze. Sie signalisieren den Zusehern: Schaut her, ihr könnt reich und erfolgreich werden, so wie wir!

Darts-WM Michael Van Gerwen

Der ehemalige Darts Weltmeister Van Gerwen bei der WM I Screenshot Youtube

Dieses Jahr fand die Darts WM in London vom 14. Dezember bis zum 1. Januar 2018 statt. Bereits beim Auftakt der WM brach sie mit 450.000 Zuschauer alleine im deutschsprachigen Raum ihre Rekord-Einschaltquote. Der unsportliche Sport gewinnt immer mehr an Beliebtheit und ich kann verstehen warum. Der Saal erinnert mit den Tischen und den Krügen eher an ein Oktoberfest, als an eine sportliche Weltmeisterschaft—und die saufenden Fans sind auch noch verkleidet: Affen, Trumps, Bananen, Shreks, Schweine, Kühe und Joker stemmen Doppelliter zwischen Teletubbies und Weihnachtsmännern, während die Spieler hochkonzentriert Pfeile werfen. Der schnellste Weg das Ziel zu erreichen, also 501 Punkte auf null zu bringen, ist das perfekte Spiel – der sogenannte Nine-Darter. Da die Fans vermutlich viel zu besoffen sind um genau zuzusehen, oder auch noch mitzuzählen, werden die Punkte im Saal ausgerufen. Und auch die sogenannten Caller genießen Kultstatus.

Zur Motivation stimmt das Publikum für ihre Helden immer wieder Hey Baby von DJ Ötzi an. Warum genau diesen Song, weiß keiner, aber er scheint ihnen zu gefallen. Ähnlich wie beim Boxen oder auch Wrestling hat jeder Spieler seinen Einlaufsong. Wahre Fans kennen die Songs ihrer Spieler auswendig. So betritt beispielsweise Gary Anderson immer die Halle zu Jump Around von House of Pain. Adrian Lewis hingegen zu Reach Upon Perfecto Allstarz. Aber nicht nur Proll-Musik wird gespielt. Manche Spieler laufen auch zu alternative Songs von Kasabian, Kanye West oder Kings of Leon ein. Genauso aber zu Tina Turner oder auch DJ Ötzi.

Alle bekannten Spieler haben neben ihrem Song auch einen eigenen Spitznamen wie Jackpot, Mighty Mike, Maximiser, The Dutch Destroyer, Snakebite oder Flying Scotsman.

Perfekter Zeitpunkt für Darts

Auch der Zeitpunkt der Darts-WM von Dezember bis ins Neujahr hinein scheint nicht zufällig gewählt: In einer Zeit, wo jeder mit seinem angefressenen Winter-Weihnachts-Speck vor dem Fernseher sitzt, tut es so gut, mal nicht auf Sixpacks und Striche in der Landschaft zu schauen. Der Guardian erklärte das Phänomen so: “Wenn Sie sich grotesk übergewichtig vorkommen und ausgelaugt sind von Besäufnissen, ist Darts schlicht der angemessene Sport, sich besser zu fühlen… Dickbäuchige Männer mit Hemden wie Zirkuszelte, passen in diesen Tagen einfach besser als athletische Asketen.“

In den Werbepausen reihen sich dann Clips von Internet-Dating-Plattformen und Glücksspiel aneinander. Vermutlich auch kein Zufall, die perfekte Zielgruppe eben.

Und weil sich die Spieler so geschickt inszenieren, hat jeder natürlich seine Lieblinge und hatet gegen alle anderen. Ich persönlich vergöttere Raymond van Barneveld. Mit seinem kugelrunden Kopf, den Geheimratsecken und dem viel zu großen Trickot, wirkt er furchtbar tollpatschig, gehört aber zu den ganz Großen Darts. Barney hat nicht nur selbst einen Spitznamen, sondern auch seine Fans tragen einen: die Barney Army. Egal, wo der Spieler im Land die Bühne betritt, seine Army folgt ihm, auch zur Darts WM.

Die Spieler duellieren sich in Runden und man fiebert mit seinem Liebling natürlich mit. Man würde es ja echt nicht denken, aber Darts ist ein verdammt spannender Sport. Gerade bei dieser WM zeigte sich, dass nicht gesetzte Newcomer, die also noch nicht mal auf der Weltrangliste sind die alteingesessenen Darts-Profis rauswerfen könnte. So wurden Adrian Lewis, Peter Wright und der letzte WM-Sieger Michael van Gerwen von Newcomern hinaus katapultiert. Auch der Österreicher Mensur Suljovic galt nach einer starken Saison als Favorit für die diesjährige WM. Der 23-jährige Dimitri van den Bergh Belgier bezwang den Österreicher jedoch.

Well what a final we are in for… #LoveTheDarts

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In diesem Sport inszenieren sich augenscheinliche Verliere zu Helden und dafür liebe ich Darts. Kaum ein Sport hat so viel Selbstironie und so sympathische Spieler. Die Inszenierung, der Humor und der Alkoholpegel der Fans, macht in meinen Augen die Darts WM sehr viel unterhaltsamer, als beispielsweise selbstverliebten Proleten beim Kicken zuzusehen.

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Titelbild: Screenshot von YouTube

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