Schnitzel lecker

Warum man sich in Österreich über „lecker“ so aufregt

Samstag, 18. April 2020 / Lesedauer: ca. 7 Minuten

Warum man sich in Österreich über „lecker“ so aufregt

Samstag, 18. April 2020 / Lesedauer: ca. 7 Minuten

Findet man etwas lecker, so führt das in Österreich schlagartig zu brüskierten Gesichtern. Aber wie kann ein kleines Wort mit sechs Buchstaben die Gemüter quer durch alle politischen und gesellschaftlichen Lager dermaßen erhitzen? Wir haben uns das mal genauer angeschaut.

von Viktoria Klimpfinger

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„Und, hat es dir geschmeckt?“ „Ja, danke, war sehr lecker.“ Betretenes Schweigen. In Österreich kann man sich über Vieles streiten: Politik, die richtige Zubereitung eines Schnitzels, Klopapier – aber in einem scheint man sich verdächtig einig zu sein: Lecker sagt man bei uns nicht. Das haben auch wir bei 1000things in der Vergangenheit immer wieder zu spüren bekommen. Da muss man nur einmal den Kapitalfehler begehen und einem Restaurant das Adjektiv „lecker“ zuschreiben, und schon kämpft man sich mit allen Mitteln der virtuellen Diplomatie gegen einen Shitstorm der Unwetterstufe 5 in den Facebook-Kommentaren. Aber wie kommt es, dass ein kleines Wörtchen mit sechs Buchstaben viele Österreicherinnen und Österreicher höher auf die Palme zu bringen scheint, als wenn man ihnen das Götz-Zitat entgegenschimpft? Wir haben bei Sprachwissenschaftler Manfred Glauninger* von der Universität Wien nachgefragt.

Zuerst müssen wir dem Wort lecker ein wenig den Rücken stärken: Du bist nicht allein. Überproportional flammender Hass auf einzelne Begriffe, die gemeinhin als „bundesdeutsch“ identifiziert werden, ist in der Alpenrepublik längst ein alter Hut. Erinnern wir uns nur daran, wie schwer es das joviale „Tschüss“ vor etwa 20 Jahren hatte. Vehement wurde uns eingetrichtert, dass „Tschüss“ ein Affront ist, der schon fast einer Beleidigung gleichkommt. Wahrscheinlich hätten viele damals „Schleich dich“ noch eher als angemessene Grußfloskel durchgehen lassen als „Tschüss“. Heute schert das keinen mehr. Aber warum wird es manchen Begriffen, die scheinbar aus Deutschland übergelaufen sind, so schwer gemacht?

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Konstruierte Identität

„Sprache transportiert immer eine soziale Bedeutung“, sagt Glauninger. „Und gerade das Verhältnis zwischen Deutschland und Österreich ist traditionell ein sehr besonderes.“ Und der Grund dafür liegt deutlich länger zurück als Hans Krankls entscheidendes Tor in Córdoba. „Die Vorstellung von einem österreichischen Deutsch im heutigen Sinn ist ein Kind der Zweiten österreichischen Republik. Das gab es davor nicht“, sagt Glauninger. So wurde nach Ende des Zweiten Weltkriegs alles daran gesetzt, sich von Deutschland abzugrenzen. Einerseits aus politischen Gründen: Die Opferthese war jahrzehntelang willkommenes Mittel, mit dem man in Österreich versuchte, sich von den Verbrechen des Nationalsozialismus‘ schuldfrei zu sprechen. Andererseits forderten die Besatzungsmächte eine klare Trennung der beiden Nationen ein: Ein erneutes Anschlussverbot zwischen Deutschland und Österreich, wie es bereits nach dem Ersten Weltkrieg erstmals in Kraft trat, ist im Österreichischen Staatsvertrag von 1955 explizit festgehalten. „Ein österreichisches Deutsch soll als Symbol für eine österreichische Nationalidentität dienen und war Teil des österreichischen Nation-Buildings“, erklärt Glauninger weiter.

Das bedeutet aber natürlich nicht, dass es die Debatte um eine spezifisch österreichische Sprache nicht schon vorher gab. Bis ins 18. Jahrhundert hinein galt die oberdeutsche Schreibsprache, die süddeutsche und bairisch-österreichische Eigenheiten berücksichtigte, im habsburgischen Österreich als Standard. Erst durch die Reformen Maria Theresias wurde es durch das Ostmitteldeutsche aus dem sächsischen Raum als schriftlicher Standard abgelöst. 1879 hielt man in Österreich die schriftsprachlichen Gewohnheiten etwa als „Regeln und Wörterverzeichnis für die deutsche Rechtschreibung“ fest und zeigte damit Abweichungen des Wortschatzes im Vergleich zu den nord- und mitteldeutschen Ländern auf. Später gab Ludwig Wittgenstein sogar ein österreichisches Wörterbuch heraus. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die österreichische Sprache also wieder verstärkt kodifiziert und sollte als Symbol eines neuen Österreichbewusstseins dienen. (Anm. der Redaktion: Dieser Absatz wurde im Nachhinein als Klarstellung ergänzt.)

Und dieser Plan ist offensichtlich über Generationen hinweg aufgegangen. Dass man einem historisch konstruierten Nationalismus – abgesehen von der offensichtlicheren Variante des Nationalchauvinismus – anheim fällt, wenn man so dogmatisch die österreichische gegen die deutsche Sprache ausspielt, ist den meisten nicht bewusst. Das erklärt auch, warum sich das Sprachgefeixe durch so ziemlich alle politischen und gesellschaftlichen Ebenen zieht. Wenn es um die Identität geht, ist scheinbar kaum ein politisches Lager, kaum ein sozioökonomischer Background davor gefeit. Immerhin gebe es nicht nur rechten, sondern auch linken Nationalismus, gibt Manfred Glauninger zu bedenken. „Sprache ist generell ein sehr wichtiges Werkzeug zur Konstruktion von Identität und wird seit dem 19. Jahrhundert mit Nationen in Verbindung gebracht.“

Kulinarisches Heiligtum

Sowohl Sprache als auch kollektive Identitätsbilder bauen meist auf einem Konzept von Inklusion und Exklusion auf. Anders gesagt: Sie beziehen die einen mit ein, schließen aber gleichzeitig andere bewusst aus – und werten dabei im schlimmsten Fall andere Identitäten ab. Beim Wort lecker kommt dann sogar noch eine weitere Ebene der nationalen Identifikation dazu: die Kulinarik. Denn wenn wir etwas lecker finden, haben wir es meistens entweder gerochen oder gegessen. In jedem Fall bezieht es sich also überwiegend aufs Essen. „Essen und Trinken gehören klischeehaft sehr stark zur österreichischen Identität. Vielleicht stört lecker gerade in diesem Kontext besonders“, vermutet Glauninger. Auch das können wir aus Erfahrung bestätigen: Nennt man ein paniertes Stück Schweinefleisch fälschlicherweise „Wiener Schnitzel“, kriegt man ziemlich sicher eine auf die Finger. Beschreibt man es dann auch noch als „lecker“, würde einem der virtuelle Heugabeln schwingende Online-Mob am liebsten gleich die ganze Hand abhacken. Das wird schriftlich noch viel deutlicher als mündlich, weil das geschriebene Wort meist bewusster wahrgenommen wird als das gesprochene.

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Paradeiser oder Tomate – Hauptsache lecker

Was als typisch deutsch oder typisch österreichisch empfunden wird, ist aber an sich kaum mehr als ein Netz von Stereotypen und Klischees. Vor allem sprachlich lässt sich das nämlich nicht so einfach festmachen, wie viele vielleicht annehmen. „Fast alle Phänomene der deutschen Sprache können an verschiedenen Ecken und Enden des deutschen Sprachraums auftauchen“, sagt Glauninger. Der deutsche Sprachraum ist eben ein weites Land, um es wie Arthur Schnitzler zu formulieren – weit und jahrhundertelang gewachsen. Wie brüchig die Identifikation eines einzelnen Wortes als typisch österreichisch ist, zeigt sich etwa an der guten, alten Paradeiser-Diskussion. „Österreich ist ein zentralistischer Staat. Das bedeutet, dass das, was als österreichisches Standarddeutsch politisch und linguistisch definiert wird, wienerisch geprägt ist“, erklärt Glauninger. Viele sogenannte Austriazismen werden also in Westösterreich gar nicht verwendet, wie eben auch die Bezeichnung für die rote Frucht mit grünem Stängel, die viele so vehement als Paradeiser verteidigen. In Westösterreich heißt sie Tomate.

Jede Standardsprache, ob österreichisch oder bundesdeutsch, ist also eine Form von festgesetzter Norm, die Abweichungen in der Praxis nicht ausschließt. Die Debatte um österreichisches und bundesdeutsches Standarddeutsch an sich ist aber ein weitreichender linguistischer Diskurs, den wir hier aus Gründen der Einfachheit bewusst außen vor lassen. Hier geht es lediglich um die historischen und sozialen Hintergründe dafür, dass bestimmte Begriffe die Gemüter oft hochkochen lassen und viele die österreichische Standardsprache dann schlagartig als undurchlässigen Grenzzaun vor sich hertragen. Denn es ist eine Sache, nationale sprachliche Eigenheiten zu pflegen und zu fördern – dass das gut und wichtig ist, stellen wir hier keineswegs infrage –, aber es ist eine ganz andere Sache, im selben Atemzug andere Sprachvarianten abzuwerten oder gar verbieten zu wollen. Im Fall von lecker bräuchte es jedenfalls erst einmal eine umfangreiche sprachhistorische Analyse, um feststellen zu können, wo das Wort seinen tatsächlichen Ursprung hat. Eines ist aber bereits klar: Es stammt vom Verb „lecken“ ab und trug bereits im Mittelhochdeutschen die Bedeutung „wohlschmeckend, appetitlich“. Und viel später berichtet sogar Johann Wolfgang von Goethe in seiner Italienischen Reise von „leckern Speisen“. Wenn das kein eloquenter Fürsprecher ist!

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Sprache verändert sich

Ob lecker nun tatsächlich typisch Deutschland ist oder womöglich auch schon in früheren Jahrhunderten in Österreich Verwendung fand, wird also vielleicht eines Tages die Wissenschaft für uns entscheiden. Tut in diesem Fall aber auch nicht wirklich etwas zur Sache. Es ist nun einmal in vielen Köpfen fest mit dem Deutschland-Stereotyp und damit auch mit einer gewissen Emotion gegenüber der eigenen Sprachidentität verknüpft. Dabei sollte man aber zwei Dinge bedenken. Erstens: Nur weil ein Wort nicht zum österreichischen Standarddeutsch zählt, heißt das noch lange nicht, dass man das Recht hat, es anderen ungefragt mit den Worten „Das sagt man bei uns nicht“ zu verbieten, die es – warum auch immer – dennoch gerne verwenden. Und zweitens unterliegt Sprache schon immer einem gewissen Wandel und ist viel flexibler als so manche Überzeugung. Vor allem dann, wenn bestimmte Begriffe schlichtweg sinnvoller sind als andere Wendungen. Nicht umsonst sagen wir inzwischen längst, dass wir „etwas googeln“ statt den umständlicheren Satz: „Wir geben etwas in eine Online-Suchmaschine ein und verlassen uns darauf, dass die Informationen, die sie ausspuckt, stimmen“, zu formulieren. Interessanter Weise verwenden viele den Begriff „googlen“, als hätte es ihn immer schon gegeben, während sie flammend gegen lecker anreden, als wäre es ein Schimpfwort. Dabei ist es gerade bei lecker gar nicht so einfach, einen ebenbürtig nonchalanten Begriff für etwas zu finden, das einigermaßen gut schmeckt, ohne die Phrase „schmeckt gut“ bis ins Bedeutungslose überzustrapazieren. Köstlich? Klingt nach Gourmet-Zeitschrift. Wohlschmeckend? Klingt nach Goethe. Dem Gaumen schmeichelnd? Klingt, als würde man Reifrock und Perücke tragen.

Kommt es zu so einem Sprachwandel, sind aber längst nicht nur Fernsehen und Medien dafür verantwortlich, wie man ihnen schon seit Jahren unterstellt. „Medien spielen immer eine Rolle im Sprachgebrauch“, sagt Glauninger. „Aber so einfach ist es nicht. Kinder können schon früh verschiedene Sprachwelten unterscheiden. Ich glaube nicht, dass Kinder einfach linear reproduzieren, was sie im Fernsehen hören.“ Faktoren wie die Internationalisierung, Globalisierung, das Internet und der EU-Binnenmarkt würden ebenfalls eine wichtige Rolle spielen.

Und Tschüss!

Und eigentlich sitzen gerade jene, die Wörter wie lecker so hartnäckig als nicht-österreichisch ausmachen, auf großem Potenzial. „Viele Österreicherinnen und Österreicher kennen die bundesdeutschen Ausdrücke, auch wenn sie sie nicht mögen. Umgekehrt ist das oft nicht der Fall“, sagt Glauninger. „Eigentlich haben sie damit also ein größeres Spektrum an Sprache zur Verfügung.“ Weil aber letztlich nichts durchsetzungskräftiger ist als der Wandel selbst, werden sich wohl auch die Wogen über der leidigen Lecker-Debatte irgendwann glätten. Manfred Glauninger setzt die vage Prognose, dass dieses Wort wahrscheinlich trotz aller Gegenwehr irgendwann in den alltäglichen Sprachgebrauch in Österreich übergehen wird. Wie Tschüss.

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*Manfred Glauninger ist Soziolinguist. Er forscht am Austrian Centre for Digital Humanities and Cultural Heritage (ACDH-CH) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und lehrt am Institut für Germanistik der Universität Wien.

Speziell den Wiener Dialekt haben wir uns übrigens genauer angesehen. Und euer eigenes Dialektwissen könnt ihr bei unserem Mundart-Quiz auf die Probe stellen.

 

(c) Beitragsbild | Reinhard Thrainer | Pixabay

(c) Facebook-Bild | Meme kreiert mit impflip

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