Queens Brunch

Queens Brunch: Zum Frühstück bei den Drag Queens

Freitag, 28. August 2020 / Lesedauer: ca. 7 Minuten

Queens Brunch: Zum Frühstück bei den Drag Queens

Freitag, 28. August 2020 / Lesedauer: ca. 7 Minuten

Seit einem Jahr wird beim Queens Brunch im Villa Vida Café wöchentlich ein feines Frühstücksbuffet genossen. Der besondere Twist – neben knusprigen Semmerln und allerlei Törtchen wird das Frühstück begleitet von einer wöchentlich wechselnden Dragshow. Wir haben die nach dem Lockdown wiedereröffnete Veranstaltung besucht und mit den Kunstschaffenden gesprochen.

von Magdalena Mösenlechner

Laute 90er-Jahre-Popmusik dröhnt aus den Boxen. Auf der kleinen Bühne wirbeln die Queens herum, tanzen, singen und begeistern das Publikum. Zwischendurch wird sich bei leiseren Nummern auf der Theke geräkelt und anerkennendes Pfeifen und Zurufen erklingt nicht nur ein Mal. Von wallenden Abendkleidern über bunte Pailletten-Oberteile bis hin zu fetzigen Cowboyhüten gibt es neben den Performances so einiges zu bewundern. Nein, die beschriebene Show findet nicht zu später Stunde und in Begleitung mehrerer Cocktails in einer Bar statt, sondern um zehn Uhr morgens im hellen Villa Vida Café bei Mimosas, Gebäck und Brunchbuffet. Der Drag-tastische Queens Brunch lädt jedes Wochenende zwei Mal täglich zum Schmausen und Staunen.

Eine Dragshow – und das tagsüber

Der aus New Jersey stammende Gründer und Artistic Director Stephane Magloire wählte bewusst dieses Konzept. „Wenn ich sehe, dass etwas fehlt, dann versuche ich diese Lücke zu füllen“, erklärt Stephane. Die Wiener LGBTIQ+ Szene sei schon recht bunt, aber was Stephane vermisste, waren Veranstaltungen, die tagsüber stattfinden. Bis auf die Pride-Parade, die nur einmal jährlich gefeiert wird, werde da nicht viel geboten. Die Community würde deshalb seiner Meinung nach oftmals bloß mit dem Nachtleben in Verbindung gebracht, weil sie im tagsüber nicht präsent genug sei. So wurde die Idee zum Queens Brunch geboren, um eine Art Safe Space für die Szene zu schaffen, wo man auch untertags genauso sein kann, wie man möchte. „Ich bin homosexuell und möchte mich nicht dafür entschuldigen. Dass bedeutet zwar nicht, dass ich persönlich rumlaufe und mich benehme wie eine Queen. Aber es heißt, dass ich gerne an einem Ort sein möchte, wo ich mich sicher und repräsentiert fühle. Und nicht an einem Ort, an dem ich nur darauf hoffe, sicher zu sein.“

Queens Brunch

Gründer und Artistic Director Stephane Magloire mit Drag Artists in der Villa Vida (c) Queensbrunch

Villa Vida Café

Und wo könnte so ein Brunch besser hinpassen als in das Wiener Fundament der LGBTIQ+ Community? Im 6. Bezirk in der Türkis Rosa Lila Villa wird seit über 35 Jahren die Vielfalt zelebriert, mit vielen Selbsthilfegruppen und kollektiven Wohnmöglichkeiten, die bereitgestellt werden. Das Café Villa Vida wurde vor einem Jahr von Denize Vandecruze eröffnet und ganz neu gestaltet. So fand Stephane eine geeignete Stätte für seinen bunten Queens Brunch. Doch bei der Organisation war er in dieser Saison nicht alleine. Bei dem allerersten Drag-Frühstück, das er ausrichtete, saß Sofija Galogaza im Publikum. Eigentlich war der Besuch ein Geschenk an ihren Mann, doch die Show inspirierte sie so sehr, dass sie in den letzten Monaten zusammen mit Stephane als Managerin an dem Brunch mitarbeitete. Sofija kümmert sich in dieser Saison um die Kunstschaffenden, probt vor den Auftritten mit ihnen und berät sie in punkto Looks und Styling.

Queens Brunch

Vorne Links mit dem Fächer: Stephane Magloire, Creator – rechts daneben Denize Van De Cruze und Sofija Galogaza, (c) Queens Brunch

Auf die Plätze, fertig, Brunch!

Nun sitzt man also in der knallbunten Villa Vida im 5. Bezirk, nippt an bottomless Mimosas, also endlos Sekt-Orange, und kostet sich durch das Brunchbuffet. Croissants, Pitabrot, Shakshuka und Törtchen. Egal ob Fleischtiger oder vegan lebend, hier findet sich für jeden und jede etwas. Nachholen kann man sich, so oft es beliebt, was übrigens auch für den Kaffee und die Mimosas gilt.

Queensbrunch

Brunch in der Villa Vida (c) Jacqueline Huber | 1000things

YAAAS, QUEEN!

Bevor die Show der Dragqueens beginnt, erfolgt noch eine kurze Instruktion von Stephane. Denn während der Auftritte ist weniger nicht mehr, auch nicht seitens des Publikums. Eine kleine Einführung in den Jargon der Drag Artists und die Ermutigung jederzeit mitzusingen oder zu jubeln, lockern die noch recht ruhigen Bruncher und Bruncherinnen etwas auf. Um die Performenden zu bestärken, darf schon mal ein beherztes „YAAAS QUEENS“ fallen. Und das Wort Bitch ist in der Welt der Dragqueens etwa keine Beleidigung, sondern dient der Motivation und der Selbstermächtigung. Hier stehen die einzelnen Buchstaben jeweils für ein Wort: „Being In Total Control, Honey“. Dieser selbstbestimmte und autonome Umgang mit einem ehemals belastenden Begriff gibt ihnen die Macht über diesen Ausdruck und seine Wirkung zurück.

Endlich ist der Moment gekommen: Die drei Queens, die an diesem Wochenende performen, betreten den Raum in bodenlangen Abendkleidern. Sie tragen die Farben der Grande Nation – rot, weiß und blau –, denn sie stammen aus Paris.

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Von links nach rechts: Sciatique, Catherine Pine O’Noir und Ruby On The Nail (c) Queens Brunch

The international House of Drag

Diesen Sommer wurden jedes Wochenende Drag Artists aus anderen Ländern eingeflogen. Der Queens Brunch möchte so Kunstschaffende unterstützen und auch Bewusstsein schaffen, was die Quarantäne für Arbeitende im Kultursektor und speziell im performativen Bereich bedeutete. Denn auch Dragqueens traf der Lockdown unvorbereitet, leben sie doch unter anderem von ihren Auftritten, und sie verloren teilweise aufgrund der Krise auch noch ihre Zweitjobs.

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Catherine Pine O’Noir bei ihrem Auftritt in der Villa Vida (c) Magdalena Mösenlechner | 1000things

Grande Nation

Auch eine der Frühstücksqueens an diesem Wochenende, Catherine Pine O’Noir, verlor ihre Freelancing-Stelle bei einem französischen Medium. Catherine hatte dennoch Glück im Unglück, denn Erspartes und Unterstützung von der Familie halfen ihr, über die Runden zu kommen. Manchen Drag Artists ging es noch um einiges schlechter, denn Catherine hörte von anderen aus der Community viel über Depressionen und sogar Suizid-Gedanken während der Quarantäne. Ein Grund mehr, warum Veranstaltungen wie der Queens Brunch in diesen Zeiten immer wichtiger werden. Der Zusammenhalt in Krisensituationen sei groß, das bestätigt auch Sciatique, eine weitere Queen, die dieses Wochenende auftritt. In Paris leben und arbeiten mittlerweile über 100 Dragqueens. Für Sciatique sei Drag nicht nur wegen der vielen Vorteile wichtig, wie etwa das schnelle Passieren von langen Schlangen vor Clubs oder auch der viele Applaus, der einem vom Publikum entgegen gebracht würde, sondern auch wegen der Community und der gemeinsamen Geschichte. Ein besonderer Moment war für Sciatique, als im November 2019 über 80 Drag Artists durch die Straßen von Paris marschierten, um Geld für die Forschung an HIV zu sammeln.

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Sciatique, Ruby und Catherine im Cafe Villa Vida (c) Magdalena Mösenlechner | 1000things

Für Ruby On The Nail, die dritte Queen de jour, ist es ebenfalls von großer Bedeutung, dass Drag Artists eine Möglichkeit haben, sich zu zeigen. Seit der beliebten Veröffentlichung der Serie RuPaul’s Drag Race versuchen sich immer mehr an Drag Make-Up und die Sichtbarkeit von Queens im Mainstream ist dadurch immens gestiegen. „Wenn du performst, tanzt, singst oder eine Show moderierst, dann bist du für mich eine Dragqueen. Wenn man sich nur schminkt und damit zu Hause bleibt, dann ist man eher ein Make-up Artist. Das ist natürlich vollkommen in Ordnung, aber es ist ein bedeutender Unterschied“, erklärt Catherine Pine O’Noir.

C’est le dessert!

Auf das Performen kommt es also an, und das können sie tatsächlich. Aufgeweckt und fröhlich wirbeln sie durch das Café zu den bunten Klängen von Lios quietschiger Nummer Le Banana Split. Eine klare Struktur herrscht in dem französischen Trio mit sich ergänzenden Rollen. Catherine Pine O’Noir etwa wirkt zu Beginn leicht reserviert, bis ihre Auftritte bei jedem Lied immer mehr an Dramatik gewinnen. Langsam schwingt sie sich von der Theke und platziert sich grazil auf einem Stuhl. Ihre Art, sich zur Musik zu bewegen, gleicht fast mehr einem Schauspiel als reinem Tanz. Das merkt man auch, als Catherine bei dem Klassiker aus Dreamgirls It’s all over gleich beide Rollen, sowohl Beyoncé, als auch Jamie Foxx, übernimmt.

Queens Brunch

Catherine Pine O’Noir performt zu React – Pussycat Dolls, (c) Queens Brunch

Ruby On The Nail hingegen begeistert auf ganz andere Weise. Sie springt, sie hüpft, sie rollt wie ein Ball voller Energie zwischen der Theke, dem Brunchbuffet und den Gästen hin und her. Bei einer besonders zackigen Nummer schafft Ruby es sogar, einen Teil der kleinen Bühne mit ihren High Heels und ihrem Enthusiasmus zu zertrümmern. Von den Veranstaltenden wird dieser kleine Vorfall aber nur mit einem Lachen quittiert. Sciatique rundet mit ihrer humorvollen und frechen Country-Darbietung samt Cowboy-Hut den Auftritt ab.

Queens Brunch

Ruby On The Nail bei ihrer Performance in der Villa Vida, (c) Queens Brunch

Jede Queen ist schön

So unterschiedlich die drei französischen Queens sich auch geben, haben sie doch etwas gemeinsam: ihre Einstellung zu Body Positivity. Denn sie sehen auch im Drag keinen Zwang zu bestimmten Körpernormen, immerhin sollen ja eigentlich gerade Drag die Geschlechterstereotype bewusst verschwimmen. Alle drei verzichten auf das Tragen von gefütterten BHs und halten nichts von dem Entfernen ihrer Körperbehaarung. „Manchmal sprechen Leute uns an und sagen, dass meine Brustbehaarung bei mir als Frau seltsam wirkt. Aber ich bin keine Frau, sondern eine Dragqueen, also eine Kunstfigur. Und außerdem sollte es auch bei Frauen niemanden interessieren, ob sie Körperbehaarung haben oder nicht. Jeder sollte das so tragen, wie er oder sie möchte“, erläutert Sciatique.

Queens Brunch

Cinthya Fama – aus Ungarn, (c) Magdalena Mösenlechner | 1000things

Queens Brunch TV

Während der Auftritte spürt man die surrende Energie der Queens. Kein Wunder, immerhin verbrachten auch sie mehrere Monate im Lockdown und ohne Auftrittsmöglichkeiten zu Hause. Stephane, der Veranstalter, wollte die vielen Wochen während der Quarantäne dennoch nicht umtätig rumsitzen. Und so wurde die Idee des Queens Brunch TV geboren, einem Youtube-Channel, auf dem wöchentlich Brunch-Performances von Drag Artists veröffentlicht wurden. Statt in der Villa Vida konnte man so den Drag Brunch gemütlich in den eigenen vier Wänden genießen. In Zusammenarbeit mit der UN gab es dazu einen Fundraiser in acht Ländern, mit dem es möglich war, 25 verschiedene Dragqueens während dieser Zeit zu unterstützen.

Drag-tastisches Finish

Nach zwei Stunden geballter Ladung Drag, unzähligen Mimosas und einem ausgiebigen Brunch geht die Show zu Ende. Noch schnell ein paar Fotos mit den Queens geknippst, und ab durch die Mitte. Überdreht, begeistert und voll positiver Energie verlassen wir das knallige, rosa-violette Café und freuen uns auf ein nächstes Mal. Denn wir kommen definitiv wieder, um in diese flirrende Welt und ihre glühende Selbstbestimmung erneut einzutauchen.

Queens Brunch

Dragqueens aus Ungarn waren auch schon zu Besuch (c) Magdalena Mösenlechner | 1000things

Wir haben außerdem für euch zusammengefasst, wo Wien das ganze Jahr über Pride zeigt. Wahlweise könnt ihr euch auch durch verschiedene Frühstücks-Locations in Wien kosten.

(c) Beitragsbild | Queens Brunch

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