Shades Tours Flucht

SHADES TOURS: Die Stationen der Geflüchteten in Wien

Samstag, 8. Dezember 2018 / Lesedauer: ca. 5 Minuten

SHADES TOURS: Die Stationen der Geflüchteten in Wien

Samstag, 8. Dezember 2018 / Lesedauer: ca. 5 Minuten

Angefangen haben die SHADES TOURS damit, dass (ehemalige) Obdachlose zu ihren wichtigsten Stationen in Wien führen. Die neue, zweite Tour heißt Flucht und Asyl und führt zu unterschiedlichen Orten, die für Geflüchtete in Wien von der Ankunft bis zum Ankommen in der Gesellschaft relevant sind. Wir haben den frischgebackenen Tourguide Kenan und seine Gruppe dabei begleitet.

von Viktoria Klimpfinger

Kenan ist 21 und kommt aus Syrien. Proteste gegen die Regierung führten schließlich dazu, dass 2011 die Revolution ausbrach. Auch Kenan nahm an Demos teil und postete immer wieder in den sozialen Medien regierungskritische Statements. Als die Lage schließlich eskalierte, musste er fliehen. Zuerst verschlug es ihn in ein kleines Dorf nahe der israelischen Grenze. Zwei Jahre wartete er dort darauf, dass sich die Stimmung wieder beruhigt. Doch die Revolution mündete in den großen Krieg. Das alles erzählt Kenan uns offen und noch etwas nervös in einer Ecke am Wiener Hauptbahnhof. Denn das hier ist die erste Station der neuen Tour zum Thema „Flucht und Integration“ von Shades Tours, bei der Geflüchtete zu sechs Plätzen in der Stadt führen, anhand derer sie die Stationen ihrer eigenen Fluchtgeschichte und die von vielen anderen vor Augen führen – von der Ankunft in Wien bis zum Ankommen in der Gesellschaft. Noch dazu ist es Kenans Bewährungsprobe: Die Betreiberin Perrine Schober von SHADES TOURS ist dabei, um am Ende zu entscheiden, ob Kenan endgültig ins Team aufgenommen wird.

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Mit Kenan am Hauptbahnhof. (c) Ines Futterknecht

Kenans Fluchtgeschichte

Seit September 2015 lebt er in Österreich. Auch er wurde damals von den Freiwilligen des Train of Hope am Hauptbahnhof empfangen und half auch selbst mit, etwa beim Übersetzen vom Arabischen ins Englische. Deutsch konnte er damals noch nicht. Nachdem der Krieg in Syrien ausgebrochen war, ging Kenan zunächst nach Saudi-Arabien zu seinem Bruder. Dort machte er seine Matura. Nachdem sein Visum ausgelaufen war, flog er in die Türkei. Von da aus setzte er in einem maroden, überfüllten Boot neun Stunden lang nach Griechenland über. „Von Griechenland nach Österreich war es dann relativ einfach, weil die Grenzen damals noch offen waren“, erzählt er. „Das hat nur acht Tage gedauert.“ Eigentlich wollte er ursprünglich nach Deutschland, weil ein Onkel von ihm dort lebt. Aber in Österreich fühlte er sich so wohl, dass er blieb.

Wir wechseln vom Hauptbahnhof zur zweiten Station der Führung: zum Erste Bank Campus und damit zum Thema „Unterkunft“. Ab dem 12. September 2015 stellte der Generaldirektor der Erste Bank den Erste Bank Campus als Notschlafstelle zur Verfügung, der sich damals noch im Rohbau befand. Angestellte der Ersten Bank, des Samariter-Bunds und Freiwillige versorgten dort bis zu 250 Schutzsuchende pro Nacht. Nachdem sie den Asylantrag gestellt haben, gibt es für Geflüchtete in Österreich zwei Arten der Unterbringung: in einer organisierten Unterkunft oder privat. In einem betreuten Heim in Wien bekommt man als Einzelperson 40 Euro Taschengeld und 10 Euro Freizeitgeld pro Monat, 5,50 Euro pro Essensgeld pro Tag und eine E-Card für die medizinische Versorgung.

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Kenan in der Eingangshalle des Erste Bank Campus. (c) Ines Futterknecht

Wo unterkommen?

Kenan kam nach seiner Ankunft in Österreich erst mal in einer Notunterkunft in einer Kirche im Burgenland unter. Dort lernte er eine Familie kennen, bei der er dann eineinhalb Jahre lebte. Zuerst in Korneuburg, dann zogen sie gemeinsam nach Prellenkirchen. Weil er privat unterkam, bekam er ungefähr 365 Euro monatlich für Miete, Verpflegung und alles andere, auch eine E-Card. Auch wenn Kenan mittlerweile in einer Wohnung in Wien wohnt, trifft er die Familie einmal im Monat oder verbringt auch mal ein Wochenende bei ihr.

Sofort nachdem ihn die Familie damals aufgenommen hat, fing er mit einem Deutschkurs an. Jetzt, drei Jahre später, als er uns quer durch Wien führt, könnte man kaum glauben, dass er vor drei Jahren noch kein einziges Wort Deutsch kannte. Geholfen beim Lernen hat ihm vor allem, dass er durch den heute 24-jährigen Sohn seiner Gastfamilie, der damals schon in Wien wohnte, neue Freundschaften geknüpft hat. Wir verlassen den Erste Bank Campus in die verregnete, eiskalte Dunkelheit und steigen zusammen in den 18er. Kenan wird immer lockerer. Die manchmal sehr direkten Fragen aus der Gruppe scheinen ihm kaum etwas auszumachen. Offen und detailliert erzählt er von seiner Geschichte, von den Schwierigkeiten, aber auch von den guten Seiten. Kenan findet, dass es wichtig ist, über heikle Themen zu sprechen, gerade wenn es um Flucht geht. Damit auch die Menschen, die nie aus ihrer Heimat flüchten mussten, ein bisschen besser verstehen. Denn manchen der lauten Marktschreier gegen die zynisch angeprangerte „Willkommenskultur“ nimmt man vielleicht schon mit ein bisschen mehr Information den Wind aus den aufgeblähten Segeln.

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Kenan steht mit uns in der Einfahrt des Bundesamts für Fremdenwesen und Asyl. (c) Ines Futterknecht

Zwei Interviews für den Asylbescheid

Nicht nur persönliche Details teilt Kenan mit uns, sondern auch einige bürokratische. Nicht jeder Einheimische weiß zum Beispiel, dass Geflüchtete zu zwei Interviews beim Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl geladen werden, in dessen Garageneinfahrt im dritten Bezirk sich die Gruppe nun um Kenan versammelt. Mit dem ersten Interview beginnt das Asylverfahren, das zweite entscheidet endgültig, ob man bleiben darf oder gehen muss, erzählt er. Das Problem: Die Wartezeit zwischen beiden Terminen kann schon mal bis zu zwei Jahre dauern. Kenan musste nur sieben Monate warten, bis er ein zweites Mal vom BFA befragt wurde. Bis zu fünf Stunden wird haarklein besprochen, warum man auf der Flucht ist, warum man nach Österreich gekommen ist. Aber auch, wie etwa die Straße heißt, in der man im Ausgangsland gewohnt hat, um festzustellen, ob man auch wirklich herkommt, von wo man behauptet, dass man herkommt. Eine Woche nach seinem zweiten Interview bekam Kenan den positiven Asylbescheid.

Wir marschieren weiter zum Rochusmarkt, wo es ums Thema Essen geht. Kenan verteilt kleine Kekse, die man in Syrien bevorzugt isst und nach denen er hier lange gesucht hat. Er erzählt uns auch, dass er eigentlich kaum Fleisch isst, vor allem kein Schweinefleisch. Aber nicht aus religiösen Gründen: „Ich bin nicht religiös“, sagt er. „Ich habe ein Problem mit Religion generell.“ Sondern weil es ihm oft nicht schmeckt. Außer Leberkäse, der schmeckt ihm sehr, grinst er in die Runde und die Runde lacht zurück. Die Tour geht weiter zum Integrationsfonds Wien auf der Landstraßer Hauptstraße, wo uns Kenan von Deutschkursen und Wertekursen erzählt. Schließlich enden wir windgeschützt unter der Mall bei Wien Mitte. Dieser Ort soll vor allem als Metapher dafür dienen, dass Flüchtlinge in der Mitte der Gesellschaft ankommen sollen, und nicht am Rand zurückbleiben.

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Kenan zeigt uns Bilder von der Notschlafstelle am Erste Bank Campus. (c) Ines Futterknecht

Ein Blick in die Zukunft

Hier antwortet Kenan schließlich stolz auf die Frage, die er seit zwei Stunden auf später vertröstet hat: Wie stellt er sich seine Zukunft vor? Einige Monate zuvor hat er die Studienberechtigungsprüfung abgelegt, weil seine Matura nicht auf Deutsch war und er daher einige Fächer nachmachen musste. Jetzt will er Biomedical Engineering studieren, wurde dieses Jahr aber nicht angenommen. „Ich warte bis nächstes Jahr“, sagt er zuversichtlich. Einstweilen arbeitet er bei SHADES TOURS und macht ein Praktikum in einem Kindergarten. „Ich passe auf die Kinder auf – oder sie auf mich.“ Die Gruppe lacht. Als jüngster in seiner Familie war Kenan es gewohnt, auf die Kinder seiner Geschwister aufzupassen. Das fehlt ihm hier sehr.

Abgesehen davon fühlt er sich mittlerweile aber in Wien zuhause. Natürlich plagt ihn ab und zu das Heimweh, aber nach Syrien zurückgehen, will er erst mal nicht. Immerhin würde er dann sofort zur Armee eingezogen werden, weil in Syrien Wehrpflicht für alle Männer besteht. Es gibt zwar die Möglichkeit, sich daraus freizukaufen, aber das steht für Kenan nicht zur Debatte: „Ich glaube, mit meinem Studium könnte ich in Syrien ohnehin nicht arbeiten.“ Ob er bei den Wiener SHADES TOURS weitermachen kann, klärt sich jetzt, am Ende der Tour: Die Gruppe ist begeistert, die Chefin ist zufrieden. Er kann, zweifellos.

Wie es zu dem Namen Shades Tours kam

Weitere spannende Sozialprojekte findet ihr in unserem Artikel über unterstützenswerte Projekte in Wien. Wie ihr in Wien sonst noch aktiv werden könnt, verraten euch unsere To Do’s.

Beitragsbild (c) Ines Futterknecht

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