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Tipps für Tage, an denen alles zu viel wird

Mittwoch, 4. November 2020 / Lesedauer: ca. 3 Minuten

Tipps für Tage, an denen alles zu viel wird

Mittwoch, 4. November 2020 / Lesedauer: ca. 3 Minuten

2020 hat’s in sich. Was tun, wenn süßer Tierbaby-Content und eine herrlich wienerische Antwort auf einen Terroranschlag das eigene Ohnmachtsgefühl, Ängste und Verzweiflung nicht mehr übertrumpfen können? Wir haben um Rat gefragt und vor allem eines wiederholt gehört: Es ist wichtig, professionelle Hilfe anzunehmen.

von Pia Miller-Aichholz

*Wir wollen euch auch während des zweiten Lockdowns inspirieren und versuchen, unsere Artikel laufend Covid-konform upzudaten. Bitte haltet euch weiterhin an die Maßnahmen. Nur wenn wir jetzt zusammenhalten und aufeinander schauen, können wir möglichst bald wieder all diese Inspiration gemeinsam genießen und zu einem halbwegs normalen Alltag zurückkehren.

Ein solches Jahr hat noch niemand von uns erlebt. Die Unsicherheit durch die weltweite Gesundheitskrise und die damit verbundenen Sorgen und Belastungen sind stete Begleiterinnen geworden. Dazu kommen internationale Ereignisse, die zusätzliche psychische Herausforderungen sind. Ein dramatischer Tiefpunkt des Jahres war zuletzt der Terroranschlag in Wien am Vorabend des zweiten Lockdowns. Wir haben bei einer Expertin und einem Experten nachgefragt, wie man sich und anderen helfen kann, wenn einmal alles zu viel wird. Stefanie Jäger ist Mitbegründerin der Helferzone, einer Beratungsstelle für Einsatzkräfte und all jene, die während der Corona-Krise an vorderster Front sind. Sie ist selbst Polizistin und darüber hinaus psychologische Beraterin in Ausbildung unter Supervision. Dr. Georg Psota ist Chefarzt der Psychosozialen Dienste Wien. Wir haben den Text außerdem mit Bildern illustriert, die in dieser schwierigen Zeit Hoffnung, Trost und Freude spenden und die überwältigende Solidarität der vergangenen Tage zeigen.

Die Informationsflut regulieren

Wenn wie im Fall des Anschlags laufend neue Informationen kursieren, ob über die sozialen oder die klassischen Medien, sei das eine Reizüberflutung, sagt Stefanie Jäger. Dr. Georg Psota rät, in solchen Fällen die Berichterstattung „interessiert, aber wohldosiert“ zu konsumieren, up-do-date zu bleiben, „aber sich nicht Negativ-Nachrichten ohne Ende reinzuziehen.“

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Es ist generell ratsam, den Informationsfluss auch mal zu unterbrechen und sich ganz bewusst etwas anderem zu widmen. Was in den sozialen Medien und manchen Medien kursierende Aufnahmen von Opfern und Ähnliches betrifft, solle man versuchen, die eigene Neugier zu bändigen, „so wie das an sich kommuniziert wurde“, sagt Jäger. Gelingt das nicht, seien Schock und Ekel erst einmal natürliche Reaktionen, die man auch zulassen solle. Wenn die Bilder immer wieder auftauchen und einen nicht loslassen, soll man sich professionelle Hilfe holen, stimmen Jäger und Psota überein.

Realitätscheck durchführen

Am Tag nach einem erschreckenden Ereignis wie dem Terroranschlag soll man es sich ruhig eingestehen, wenn man verunsichert ist, sagt Dr. Georg Psota. „Wenn die Verunsicherung sehr groß ist, kann man ihr einen Tag lang auch gern einmal nachgeben.“ Aber ansonsten rät er von Vermeidungsverhalten ab und plädiert dafür, sich nicht von den eigenen Vorhaben abhalten zu lassen und wieder in seinen Tagesrhythmus hineinzufinden. Empfehlenswert sei es auch, sich die tatsächliche aktuelle Lage vor Augen zu führen – im Fall des Terrorangriffs etwa, dass die Sicherheitskräfte einen enormen Aufwand betreiben, um die Stadt zu sichern. Auch der Austausch mit anderen Menschen darüber, wie sie mit der Situation umgehen, kann helfen, ein mulmiges Gefühl loszuwerden.

Um professionelle Hilfe bitten

Grundsätzlich sind offene Gespräche wichtig und Personen, die einem nahestehen, wertvolle erste Anlaufstellen, wenn es einem nicht gut geht, sagt Stefanie Jäger. „Aber das kann für die natürlich auch belastend sein.“ Deswegen ist es wichtig, sich rechtzeitig professionelle Hilfe zu holen. Stefanie Jäger kritisiert, dass die Inanspruchnahme psychologischer Hilfe in Österreich nach wie vor ein schlechtes Image hat. In den USA sei das ganz normal, da würde man eher schief angesehen, wenn man nicht in Psychotherapie ist. Hierzulande sei das umgekehrt. Besonders unter Einsatzkräften, die mit bestimmten gesellschaftlichen Erwartungen konfrontiert sind, die diejenigen sind, die ins brennende Haus gehen, die auf eine bewaffnete Person zugehen, sei psychologische Betreuung nach wie vor ein Tabu und mit einem Stigma verbunden. „Im Einsatz selbst funktioniert man gut, dank Adrenalin und weil man dafür ausgebildet ist. Aber nachher stellt man dann fest, dass man über Grenzen gegangen ist und sich das einzugestehen ist nicht leicht.“

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Schönes planen und bewusst wahrnehmen

Stefanie Jäger rät jenen, die sich momentan schwertun, Positives wahrzunehmen, am Anfang des Tages aufzuschreiben, was einem Schönes passieren könnte und Highlights zu planen, auf die man sich freuen kann. „Das können ganz verschiedene Dinge sein, zum Beispiel, dass man sich etwas Gutes zum Essen kocht oder etwas bestellt.“ Am Ende des Tages könne man versuchen aufzuschreiben, was an dem Tag Positives passiert sei und was man Schönes erlebt oder gesehen hätte. Das kann einem dabei helfen, die eigene Wahrnehmung umzuprogrammieren. Dr. Georg Psota rät, proaktiv in die Solidarität zu gehen, denn „das Gefühl der Ohnmacht taucht dann auf, wenn wir nicht im Handeln sind oder Handlungsmöglichkeiten nicht erkennen können.“ Tut man anderen etwas Gutes, bekämpft man das eigene Ohnmachtsgefühl.

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Betroffenen die Kontrolle zurückgeben und einfach da sein

Angehörige können Betroffenen vor allem helfen, indem sie einfach da sind und sie nicht zum Reden zwingen. „Das ist für Angehörige natürlich auch nicht leicht“, weiß Stefanie Jäger. Es sei aber ganz wichtig, der traumatisierten Person die Kontrolle zurückzugeben, von der sie fühlt, sie verloren zu haben. Dr. Georg Psota betont, dass es schwierig sei, eine allgemein gültige Methode zu finden, weil der richtige Zugang je nach Person sehr unterschiedlich sein könne. Wichtig sei auf alle Fälle die ernst gemeinte Frage: „Wie geht es dir?“ Wenn die betroffene Person sich zurückzieht, solle man ihr versichern, dass es in Ordnung sei, wenn sie in der Sekunde nicht ausführlich reden möchte und betonen, dass man da sei, sobald sie bereit ist – ganz ohne Druck.

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Neben der Helferzone und den Psychosozialen Diensten Wien sind in ganz Österreich verschiedene Anlaufstellen für euch erreichbar, häufig rund um die Uhr. Eine Mitarbeiterin des Psychosozialen Dienstes Schwechat spricht im Podcast Wege zur psychischen Gesundheit darüber, was psychische Gesundheit ist und behandelt verschiedenen Themen, die sie betreffen.

Wie wir mit der psychischen Belastung während der Corona-Krise umgehen, haben wir bereits im Frühjahr erzählt. Was wir übrigens wahnsinnig schön finden, ist wie Wiener Grant zum Symbol des Trotzes gegen den Terror wurde.

(c) Beitragsbild | Ali Yahya | Unsplash

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