Unser Senf: Warum es verdammt unangenehm ist, mit den Eltern Sexszenen zu sehen

Donnerstag, 15. November 2018 / Lesedauer: ca. 4 Minuten

Unser Senf: Warum es verdammt unangenehm ist, mit den Eltern Sexszenen zu sehen

Donnerstag, 15. November 2018 / Lesedauer: ca. 4 Minuten

Weil ein bisschen Würze im Leben nie schaden kann, geben wir euch mit dieser Kolumne regelmäßig unseren Senf dazu: Wir erzählen euch, was uns beschäftigt, was uns nervt und was uns zum hysterischen Lachen bringt. Eure Käsekrainer könnt ihr zwar nicht darin eintunken, aber dafür ist unser Senf auch gratis. Dieses Mal erzählt unsere Redakteurin, warum das Sehen von erotischen Filmszenen gemeinsam mit ihrer Mutter das Unangenehmste überhaupt ist.

von Viktoria Klimpfinger

Als Kind war die Welt noch einfach: Keine Süßigkeiten vor dem Abendessen, die Klamotten wurden einem rausgelegt und bei expliziten Szenen hat meine Mutter einfach den Fernsehsender gewechselt. Ganz easy. Dass ich heute meine Süßigkeiten essen darf, wann ich will, und meine zerrissenen Jeans fast zu jedem Anlass trage ohne stundenlange Diskussionen, sind die Vorteile des Erwachsenwerdens. Wenn es hingegen um unerwartete Nacktszenen beim Familien-Fernsehabend geht, wünsche ich mir insgeheim, ich wäre wieder sieben und müsste mich gleich nach dem Sandmännchen ins Bett vertschüssen.

Die drei Stufen der „Nacktzeptanz“

Ich finde ja, dass sich an der Fernsehnacktheit ganz gut drei Stadien des Erwachsenwerdens ablesen lassen: Als Kind bekommst du noch gar nicht wirklich mit, warum deine Eltern jetzt hektisch nach der Fernbedienung schnappen und unabsichtlich auf eine russische Doku über Ziegenwettlauf schalten, sobald die Schöne und das Biest Gefahr laufen könnten, in heftige Dancefloor-Schmuserei auszuarten. Jedes Ringen um Erklärungen deinerseits wird ihrerseits mit den Worten abgetan: „Dafür bist du noch zu jung.“

Im Teenie-Alter bist du dann ständig damit beschäftigt, diese Prämisse zu entkräften: „Ich bin so gut wie erwachsen!“ Das zieht natürlich nicht. Sobald sich eine Vorahnung von nackter Haut oder gar der Austausch von Körperflüssigkeiten im TV ankündigt, verebbt der familiäre Fernsehabend wieder bei den russischen, um die Wette laufenden Ziegen. Mittlerweile ärgerst du dich allerdings darüber, dass dir deine Eltern zum einen das nötige Maß an Reife nicht zutrauen, zum anderen fragst du dich fieberhaft, was da wohl Heißes zu sehen gewesen wäre. Ein Kuss? Gefummel? Oder – sacre bleu – etwa Sex?! Hihihi.

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Fairerweise muss man aber dazusagen, dass man sich als Teenager wohl nicht darüber im Klaren war, was man da heraufbeschwörte. Denn das Sehen von Sexszenen wäre auch damals schon unangenehm gewesen, wären die Eltern daneben gesessen. Ich kann mich noch erinnern, als meine Horde von 16-jährigen Freundinnen und ich damals den Film „Love and other Drugs“ im Kino sehen wollten. Aus irgendeinem Grund ging eine Mutter von einer von uns mit. Vielleicht um uns vor den expliziten Szenen zu beschützen. Wie allerdings hätte sie uns vor Jake Gyllenhalls blankem Po auf überdimensionaler Leinwand abschotten wollen? Jedenfalls wurde es auch da schlagartig unangenehm in unserer Sitzreihe, als sich Gyllenhall über die ebenfalls spärlich bekleidete Anne Hathaway hermachte. Kein schrilles Gekreische, kein frenetisches Kichern. Nur betretenes Schweigen.

Peinliches Schweigen zu pornösem Stöhnen

Und dann gibt’s da noch das dritte Stadium des Erwachsenwerdens, in dem ich mich mittlerweile befinde: Ich weiß, was es da zu sehen gibt, und keiner schaltet mehr für mich auf wettlaufende Ziegen um. Die totale Freiheit. Die genieße ich, wenn ich alleine vor dem Fernseher sitze. Wenn ich aber mal wieder bei meiner Mutter auf dem Sofa versumpere und willenlos mit ihr „Ein Fall für Zwei“ schaue, wünsche ich mir in gewissen Momenten doch die elterliche Fernsehdiktatur meiner Kindheit zurück. Denn sobald sich eine erotische Szene ankündigt, erstarren meine Mutter und ich zur ratlosen Salzsäule. Irgendwie will keine von uns die Spießerin sein und den Kanal wechseln. Meine Mutter wohl nicht, weil sie redlich bemüht ist, mich wie eine Erwachsene zu behandeln. Und ich nicht, weil ich mir dieses Recht auf Fernsehsex ja jahrelang mühselig erkämpft hatte – allerdings nicht, um in Gegenwart meiner Mutter davon Gebrauch zu machen.

Also sitzen wir beide peinlich berührt vor der Glotze, während sich die Figuren darin gegenseitig ihrer Kleider entledigen. Grillen zirpen in meinem Kopf. Die Fummelei wird immer heftiger, unser Schweigen immer lauter. Verkrampft starren wir auf den Bildschirm, weil wir nicht wissen, wo wir sonst hinschauen sollen. Die Gesichtsausdrücke gleichen jenen der Zeugen eines Autounfalls. Also unsere, nicht die im Fernseher. Die stöhnen uns vor Ekstase verzerrt entgegen. Wir antworten mit verschämtem Räuspern. Die Peinlichkeit, die im Raum steht, tut körperlich weh. Es wirkt fast so, als würden wir uns darin battlen, wer sie länger aushält.

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Nicht cool genug für nackte Haut?

Erstaunlich, dass zwischen der Frau, in der ich neun Monate lang gewohnt habe, und mir ein derartiges Unbehagen überhaupt aufkommen kann. Warum ist da plötzlich so ein komischer Druck, Coolness zu beweisen und nicht als Erste umzuschalten? Immerhin gibt es zwischen meiner Mutter und mir keinerlei Coolness zu bewahren nach allem, was wir gemeinsam durchhaben: Geburt, Windeln wechseln, der große „Schneide-deinen-Barbies-nicht-die-Haare“-Streit von 1998, präpubertäre Wutanfälle, pubertäre Wutanfälle, postpubertäre Wutanfälle (ich war ein sehr wütendes Kind). Da wäre es doch ein Leichtes, einfach die Fernbedienung in die Hand zu nehmen und fieberhaft nach den Wettlauf-Ziegen in Russland zu suchen.

Tun wir aber nicht. Weil wir uns gegenseitig beweisen wollen, dass wir uns als Erwachsene respektieren und ganz auf Augenhöhe gemeinsam pornöse Filmsequenzen aushalten können. Und vielleicht gibt es ja einige Familien, bei denen das deutlich unverkrampfter abläuft, weil ihre Erziehungsmethoden die sexuelle Offenheit stärker gefördert haben, weil sie öfter betont haben, dass Sex etwas „total natürliches“ ist, wofür man sich „nicht zu schämen braucht“. Ist es auch. Und braucht man natürlich auch nicht. Normalerweise. Aber ich vermute mal, dass sogar Menschen mit dem größten tantrischen Einklang sich nicht unbedingt freiwillig zusammen mit ihren Eltern verschwitzte Sexszenen im Fernsehen geben.

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Erwachsensein heißt leiden

Wahrscheinlich sagt das Ganze schon etwas über den Grad an Verklemmtheit aus, der in einer Familie herrscht. Mit diesem Grad bin ich in meiner Familie allerdings durchaus zufrieden. In mir schwelt nicht unbedingt das gesteigerte Bedürfnis, öfter mit meiner Familie über Sex zu reden, Tantra-Workshops zu besuchen oder sich gemeinsam die Game-of-Thrones-Orgien reinzuziehen. Es gibt Dinge, die man besser mit Freunden teilt – oder einfach mit sich selbst.

Vielmehr hat der Fernseh-Krampf aber vermutlich damit zu tun, dass es eben gewisse familiäre Naturgesetze gibt, an denen man besser nicht rüttelt. Eines davon ist, dass ich die ausgeborgte Tupperware immer rechtzeitig retourniere, weil sonst eine Fehde biblischen Ausmaßes über mich hereinbricht. Und ein anderes ist eben, dass man sich beim gemeinsamen Fernsehen immer für den Film entscheidet, bei dem eskalative Sexszenen am unwahrscheinlichsten sind. Und sollte es doch mal so weit kommen, muss man da eben durch. Oder täuscht eine plötzliche Magen-Darm-Verstimmung vor und versteckt sich für die restliche Zeit des Films im Badezimmer. Für dieses Dilemma gibt es einfach keine elegante Lösung.

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Ihr wollt noch mehr von unserem Senf? Dann lest euch durch, warum Pia und ich uns nicht einig sind, ob wir schon bereit für Weihnachtsstimmung sind. Ihr seid doch eher die Zuckergoscherln? Dann versüßt euch doch mit einem Baumkuchen die Vorweihnachtszeit.

Facebook-Bild © Caleb Woods / Unsplash

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