Seestern allein am Seegrund

Unser Senf: Warum es vollkommen okay ist, in den Zwanzigern single zu sein

Donnerstag, 1. August 2019 / Lesedauer: ca. 4 Minuten

Unser Senf: Warum es vollkommen okay ist, in den Zwanzigern single zu sein

Donnerstag, 1. August 2019 / Lesedauer: ca. 4 Minuten

Weil ein bisschen Würze im Leben nie schaden kann, geben wir euch mit dieser Kolumne regelmäßig unseren Senf dazu: Wir erzählen euch, was uns beschäftigt, was uns nervt und was uns zum hysterischen Lachen bringt. Eure Käsekrainer könnt ihr zwar nicht darin eintunken, aber dafür ist unser Senf auch gratis. Diese Woche erklärt unsere Redakteurin, wieso es unnötig ist, sie für ihr Singledasein zu bemitleiden.

von Pia Miller-Aichholz

Ich bin Mitte 20 und single. In der mentalen Themenbox für Konversationen mit Menschen wie mir – Mitte bis Ende 20 und single – findet sich in den Konversationscharts unter den Top 3 die Frage: „Und, wie schaut’s aus in der Liebe?“ So oder so ähnlich. Darauf ich seit über einem Jahr: „Tut sich nicht viel.“ Die Top 3 der darauf folgenden Reaktionen: Häufig werde ich mit einem mitleidigen Blick und einem verlegenen Lächeln beschenkt – danke dafür. Manchmal folgt ein verbales Schulterklopfen, in etwa lautend: „Oh, oje, aber da kommt bestimmt bald wer.“

Die absurdeste Reaktion ist meiner Ansicht nach aber, wenn mein Gegenüber die Augen aufreißt, als wäre das die Überraschung des Jahrhunderts, und sagt: „Ein Mädel so hübsch und g’scheit wie du? Wie gibt’s denn das?“ Aha, darauf kommt’s also an. An dieser Stelle möchte ich gerne das wortgewandte kommunistische Känguru von Marc-Uwe Kling zitieren. Hübsch? G’scheit? „Das sind ja bürgerliche Kategorien!“ Abgesehen davon: Danke für die Blumen, aber es gehören immer zwei zu einer Beziehung. Jemand anderer muss wollen und – nachdem das Leben zum Glück keine Herrenwahl beim Elmayer ist – vor allem muss ich wollen. Jedenfalls ist meine Situation weder ungewöhnlich noch automatisch ein Grund für Bedauern.

In meinem Boot sitzen viele

Nicht nur ich führe solche oder ähnliche Unterhaltungen. Meine beste Freundin ist gerade 30 Jahre alt geworden und ist schon länger single. Auf ihrer Geburtstagsfeier wurde sie von Verwandten gefragt, ob sie denn einen Freund hätte. „Endlich“ wurde nicht ausgesprochen, war aber impliziert. Nein, hat sie nicht. Als nächstes kam die Frage, ob nicht ich ihre Freundin – also Freundin-Freundin – wäre. Sie könne es ruhig sagen, man sei ja offen. Lang single zu sein und eine enge Freundin zu haben, weckt offenbar die Vermutung, man sei heimlich ein Paar.

Netter Versuch, Möchtegern-Sherlocks. Offensichtlich haben die Überzeugungen unserer Gesellschaft noch nicht mit den Fakten aufgeholt, die seit Jahren in Studien und Medien veröffentlicht werden. Mit den Jahrgängen 1994 und 1989 gehören meine Freundin und ich zu den Millennials. Das ist die Generation, die zwischen 1981 und 1996 auf die Welt gekommen ist. Verglichen mit früheren Generationen gründen wir später eine Familie, sind älter, wenn wir heiraten, und gehen überhaupt seltener eine Ehe ein.

99 problems, but being single ain’t one

Während es in den Sechzigern vollkommen normal war, Anfang 20 zu heiraten und kurz darauf das erste Kind zu bekommen, war ich mit 20 gerade dabei, mein erstes Studium abzubrechen und tief in eine Sinnkrise zu fallen – good times. Mit fast 21 Jahren kam ich mit meinem ersten Freund zusammen. Ich war weit davon entfernt zu wissen, was ich im und vom Leben will, weit davon entfernt mit Selbstvertrauen und -sicherheit auf einen soliden Fundament von Überzeugungen und Prinzipien im Leben zu stehen. Wie kann ich denn dann wissen, mit wem ich längerfristig mein Bett und mein Leben teilen will? Dann habe ich also derzeit keinen Freund. Wer sagt, dass mir dadurch was fehlen muss? Ich bin gesund, habe Freunde, Hobbys, und habe mir noch keine einzige Katze angeschafft. Ich bin also weit davon entfernt, eine schrullige, zurückgezogene Katzenlady zu sein, deren einziger humaner Sozialkontakt darauf beruht, Menschen auf der Straße zu beobachten und sie anzuschreien, wenn sie auf die Straße spucken.

Freiheit kennt Grenzen, aber keinen Kompromiss

Ich bin nicht bereit dazu, meine eigene Freiheit für die meines Partners aufzugeben. Manche finden vielleicht, das sei kompromissfaul. Falsch, ich bin in dieser Frage sogar kompromisslos. Das ist sicherlich auch ein Grund dafür, dass es länger braucht, bis ich eine Beziehung eingehe. Der einzige Kompromiss, der mich in einer Beziehung interessiert, ist der, dass wir an einem Abend in sein Lieblingslokal gehen, an einem anderen dafür in meines. Ich werde niemals langfristig meine Ziele und Bedürfnisse hinter die meines Partners stellen. Nicht weil ich, wie uns Millennials oft nachgesagt wird, eine unverbesserliche Individualistin bin, sondern weil ich weiß, dass mich das unglücklich machen würde und die Beziehung daran scheitern würde.

Ich bin ich …

Ich bin also nicht bereit, mich in die Schablone einer vermeintlich perfekten – Achtung, bürgerliche Kategorie! – Partnerin zu zwängen. In den vergangenen Jahren habe ich immer wieder an eines der meiner Ansicht nach weitsichtigsten und intelligentesten Kinderbücher aller Zeiten denken müssen: das kleine Ich-bin-Ich von Mira Lobe und Susi Weigel. In dieser simplen Geschichte für Kinder steckt eine der komplexesten Aufgaben jedes Menschenlebens: sich selbst kennen und lieben zu lernen und sich, mit allem was man ist, nicht zu verstecken. Früh übt sich, wie man so schön sagt. Die Schläge in die Selbstbewusstseins-Magengrube kommen bestimmt.

… und ich bin single.

Mein Ich hat viele Facetten, die ich kennenlernen muss, bevor jemand anderer das tun kann. Erst muss ich mich selbst so lieben, wie ich bin, bevor ich mich von jemandem anderen lieben lassen kann. Für die Zukunft habe ich mir etwas vorgenommen. Wenn ich gefragt werde, ob sich in meinem Liebesleben was tut, werde ich nie mehr sagen: „Leider nein.“ Nach einigem Nachdenken habe ich nämlich festgestellt, dass das Leider immer etwas war, das ich für mein Gegenüber beigefügt habe – fast entschuldigend. Klar sehne ich mich ab und an nach der Nähe, die mir ein Partner gibt, nach der Intimität, den Hoch- und Tiefgefühlen. Wenn der Punkt kommt, an dem ich bereit für eine Beziehung bin und gleichzeitig ein Mann auftaucht, mit dem ich gut zusammenpasse, dann wird sich mein Beziehungsstatus ändern. Gute Partnerschaften gibt es nicht an jeder Straßenecke und ich warte tausend Mal lieber auf den echt guten Herzens-Stoff, als Energie für halbe Sachen zu verschwenden. Das gilt übrigens für jedes Lebensalter. Ob die Menschen um mich herum denken, dass es an der Zeit wäre, eine feste Beziehung einzugehen, kann mir herzlich egal sein. Also nein: Ich bin nicht leider single. Ich bin single.

Wenn man dann einen Partner oder eine Partnerin hat, kommt vielleicht mal die Idee für ein romantisches Bad zu zweit auf. Unsere Redakteurin Viki hat das zweisame Baden unter die Lupe genommen und festgestellt: Sie findet es ziemlich unromantisch.

(c) Beitragsbild | Amy Humphries | Unsplash

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