Gesellschaftsspiele

Unser Senf: Warum ich Gesellschaftsspiele furchtbar finde

Donnerstag, 13. Dezember 2018 / Lesedauer: ca. 4 Minuten

Unser Senf: Warum ich Gesellschaftsspiele furchtbar finde

Donnerstag, 13. Dezember 2018 / Lesedauer: ca. 4 Minuten

Weil ein bisschen Würze im Leben nie schaden kann, geben wir euch mit dieser Kolumne regelmäßig unseren Senf dazu: Wir erzählen euch, was uns beschäftigt, was uns nervt und was uns zum hysterischen Lachen bringt. Eure Käsekrainer könnt ihr zwar nicht darin eintunken, aber dafür ist unser Senf auch gratis. Dieses Mal erzählt unsere Redakteurin von ihrer Abneigung gegen Gesellschaftsspiele.

von Viktoria Klimpfinger

Wenn die hässliche Bauchredner-Puppe von „Saw“ auf mich zuradeln und schnarren würde: „Ich möchte ein Spiel spielen“, würde ich antworten: „Ich aber nicht!“ und sie von ihrem lächerlichen Dreirad stoßen. Ja, ich hasse Gesellschaftsspiele, jetzt ist es raus. Eigenartigerweise hat es lange gedauert, bis ich mich getraut habe, mich zu meiner flammenden Ablehnung zu bekennen. Immerhin stehen Gesellschaftsspiele ja offenbar für so etwas wie Sozialkompetenz und Gewinner-Mentalität. Und die Einladungen zu Spieleabenden nehmen seit geraumer Zeit deutlich zu.

Doch je öfter ich durch diese hartnäckigen Einladungen dazu gezwungen bin, meine „Ich will nicht mitspielen“-Rede zu halten, desto mehr Menschen in meinem Umfeld bekennen sich dankbar ebenfalls zu ihrer Gesellschaftsspiel-Abneigung. Vielleicht ist die steif lächelnde Sympathie mit Brettspielen und Co also bloß anerzogen durch unzählige endlose Familienspielabende, vielleicht ist sie auch nur ein Mythos – und vielleicht stecken wieder mal die Illuminati dahinter. Gut, gegen die Illuminati komme ich wohl nicht an. Aber weil ich immer dafür bin, gegen gesellschaftliche Diktate zu revoltieren, betrachte ich mich mittlerweile als eine Art Botschafterin gegen den allgemeinen sozialen Zwang, in jeder größeren Runde ein Spiel spielen zu wollen. Das hier geht also an alle meine Mit-Verweigerer da draußen: Ihr seid nicht allein!

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Gesellschaftsspiele sind Gesprächskiller

Immer wieder passiert es, dass ich mit meinen Freunden nett zusammensitze – es wird geplaudert, gelacht, getrunken –, und schon läutet jemand das Ende der Gemütlichkeit ein mit den Worten: „Wollen wir was spielen?“ Da brutal Nein zu sagen, wenn die anderen schon verkrampft lächeln und nicken, ist schwer. Immerhin will ich ja auch nicht der Buhmann des Abends sein. Und selbst wenn ich mich dazu durchringe, herrscht danach erst mal betretenes Schweigen. Als ob wir, sobald die Idee aufkommt, ein Spiel zu spielen, nicht mehr wüssten, was wir sonst mit unserer gemeinsamen Zeit anfangen sollen. Die Rückkehr zum normalen Quatschen scheint vom Tisch. Vielleicht ist sie ja zu profan gegenüber dem Schieben von Plastikhütchen über ein Kartonbrett. Wer weiß.

Es ist ja auch nicht so, dass ich per se einen abartigen Hass gegen Spiele aller Art hege. Nur haben mir diese in Schachteln verpackte Ärgernisse schon den einen oder anderen lockeren Abend versaut, an dem ich am liebsten bis spät in der Nacht mit meinen Freunden gequatscht hätte. Immerhin befinden wir uns ja bereits längst in einem Alter, in dem der Satz „Jetzt haben wir uns aber auch schon ewig nicht mehr gesehen“ zum universalen Gesprächsöffner geworden ist. Und weil man sich schon so „ewig“ nicht mehr gesehen hat, gibt’s wahnsinnig viel zu bereden: Wer hat einen neuen Partner? Wer hat einen neuen Job? Bei all diesen Gesprächen gibt es eine Frage, die niemals in meinem Repertoire auftaucht: Wer hat ein neues Brettspiel? Doch sobald jemand das „Mensch ärgere dich nicht“ aus der Lade zieht, ist es vorbei mit dem gegenseitigen Updaten. Dann wird gespielt.

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Kein Ehrgeiz für neue Spielregeln

Die Misere fängt schon bei so etwas Banalem wie „UNO“ an. Obwohl fast jeder die Regeln kennt, muss man am Anfang klären, ob man die extreme, Freundschaften zerstörende „UNO“-Variante spielt oder doch die herkömmliche. Entscheidet man sich für extremes Karten-aufeinander-Werfen, kommt natürlich jeder mit seinen eigenen Regeln daher. „Bei 0 tauschen wir die Karten im Uhrzeigersinn.“ „Nein, gegen den Uhrzeigersinn.“ „Oder doch mit dem Gegenüber?“ Am besten, wir legen bei 0 einfach alle Karten zurück in die Schachtel und vergessen dieses Armutszeugnis eines Samstagabends.

Allerdings besteht die Chance, sich bei Altbewährtem nebenher noch ansatzweise miteinander unterhalten zu können. „Und, wie läuft’s im neuen Job?“ „Richtungswechsel! Danke gut, und bei dir?“ Viel gesprächskillender sind neue Spiele, die nur einer in der Runde kennt. Oder schlimmer: keiner! Dann lesen erst mal alle angestrengt die Spielanleitung, bewegen die Lippen dabei zuckend, als würden sie sich durch „Krieg und Frieden“ kämpfen. Nur um dann im Kollektiv zu beschließen: „Probieren wir’s doch einfach mal. Offene Runde!“ An diesem Punkt bin ich meistens längst schon ausgestiegen. Ich besitze eben einfach keinen Ehrgeiz, wenn es um Gesellschaftsspiele geht. Und erst recht nicht, wenn es darum geht, mir neue Spielregeln anzueignen. Daher ist es mir auch ziemlich Blutwurst, wie ich bei „Werwolf“ möglichst lange überlebe. Geht es überhaupt darum? Egal!

Leider gibt es aber Typen von Menschen, denen das so gar nicht egal ist. Im Gegenteil: Die wollen gewinnen, komme was wolle. Und sobald sie merken, dass Leute wie ich sich die Regeln nicht gemerkt haben oder bei der Pantomime in „Activity“ nicht bereit sind, in Sachen schauspielerischer Raffinesse bis zum Kindheitstrauma zurückzugreifen, werden sie z’wider. Das geht sogar so weit, dass sie, wie eine Freundin von mir neulich, mit der Hand über das Spielbrett von „Zug um Zug“ fahren und alle aufgestellten Spielzüge durcheinanderbringen, nur um der drohenden Schmach der Niederlage zu entgehen. Spätestens dann ist das gemütliche Beisammensein zu einem Horrorabend mittlerer Stufe ausgeartet. Kann bitte jemand endlich das Spielbrett wegpacken?

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Ich lasse mir von keinem Spiel vorschreiben, wann ich trinken darf

Und dann gibt es da noch die Hofnarren-Klasse unter der Zwangsbespaßung: Trinkspiele! Bei jedem Gelage, jeder Homeparty gibt es mindestens einen, der leicht lallend in die Runde röhrt: „Spiel’ ma ein Trinkspiel, Leute!“ Als müssten wir uns unseren Alkoholkonsum mit sinnlosen Spielen verdienen. Wenn ich mir vom Gesundheitsministerium nicht vorschreiben lasse, wie viel Wein am Tag gesund ist, werde ich mir meinen Rausch erst recht nicht von Schnapskarten beim „Busfahren“ oder kunstvoll auf den Tisch geworfenen Zigarettenpackerln bei „Buffalo“ rationieren lassen. Daran, dass ich mit diesen Spielen namentlich bekannt bin, merkt man schon: Spielen musste ich sie doch. Aber als kleiner Anarcho, der ich bin, spiele ich sie auf meine Weise: Ich trinke, wann’s mir passt. Diese Art der Revolte gegen die Regeln würde bei nüchteneren Spieleabenden wahrscheinlich herbe Proteste auslösen. Aber wenn die Uhr schon mal auf „Trinkspiel“ steht, bekomme ich meistens nicht mehr Gegenwind als die Tequila getränkte Fahne vom Sitznachbarn: „He, oida, du darfst nicht trinken.“ Darf ich doch, Justin. Ich bin 25.

Von den obligatorischen Trinkspiel-Exzessen auf Partys mal abgesehen, befördern die immer öfter eintrudelnden Einladungen zu lockeren Spieleabenden neben meiner persönlichen Spiele-Abneigung auch irgendwie eine allgemeine Veränderung ans Tageslicht. Als hätten wir uns mit Mitte 20 nicht mehr so viel zu sagen wie noch mit 16. Da wären wir niemals auf die Idee gekommen, einen Samstagabend lang über „Trivial Pursuit“ zu brüten und uns danach saudumm zu fühlen. Als müssten wir dem Gruppenspaß mittlerweile mit künstlichen Mitteln auf die Sprünge helfen, ähnlich wie die Animateure in All-inclusive-Clubs. Aber nicht mit mir. Wenn das nächste Mal die Spieleschublade aufgeht, spiele ich mein eigenes Spiel. Es heißt: Verstecken. Geeignet für Kinder jeden Alters.

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Warum unsere Autorin aber nicht nur Spieleabende nicht mag, sondern auch in den Öffis regelmäßig einem Nervenzusammenbruch nahe ist, könnt ihr in diesem Beitrag nachlesen.

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