U6

Unser Senf: Warum die U6  viel besser ist als ihr Ruf

Mittwoch, 26. August 2020 / Lesedauer: ca. 4 Minuten

Unser Senf: Warum die U6  viel besser ist als ihr Ruf

Mittwoch, 26. August 2020 / Lesedauer: ca. 4 Minuten

Weil ein bisschen Würze im Leben nie schaden kann, geben wir euch mit dieser Kolumne regelmäßig unseren Senf dazu: Wir erzählen euch, was uns beschäftigt, was uns nervt und was uns zum hysterischen Lachen bringt. Eure Käsekrainer könnt ihr zwar nicht darin eintunken, aber dafür ist unser Senf auch gratis. Dieses Mal erzählt unsere Redakteurin, warum sie den Hass auf die Wiener U6 nicht versteht.

von Magdalena Mösenlechner

Bei der Frage nach Wiens unbeliebtester Öffi-Linie sind sich die meisten sofort einig, denn der Titel geht ganz klar an den Underdog schlechthin: die U6. Der Hass auf diese U-Bahn scheint schon mindestens so alt wie die Zeitrechnung und ist im wienerischen Kollektivgedächtnis regelrecht eingebrannt. Wenn die ockerfarbene U-Bahnlinie erwähnt wird, erntet man im besten Fall kollektive Seufzer und im schlimmsten Fall breite Schimpftiraden. Irgendeine Form von Beziehung zur U6 ist bei den meisten in Wien lebenden Personen aber auf jeden Fall vorhanden, denn sie ist neben der U1 die wohl am häufigsten genutzte Öffi-Linie. Etwas nur zu hassen, weil es der landläufigen Meinung entspricht, ist aber alles andere als fair. Denn die U6 ist bei Weitem nicht so schlimm wie ihr Ruf und sollte endlich eine zweite Chance bekommen.

Freie Sicht statt Tunnelblick

Stempelt mich jetzt ruhig als Landkind ab, aber U-Bahnen waren mir als nicht-in-der-Stadt-aufgewachsene Person anfangs doch sehr befremdlich. Mehrere Meter unter der Erde über längere Zeit herumzufahren, gehört selbst nach vielen Jahren in Wien noch nicht zu meinen Lieblingsbeschäftigungen. Aber auch eingefleischten Wienerinnen und Wienern ist Platzangst oder ein leichtes Stimmungstief bei einer Fahrt durch dunkle Tunnel kein unbekanntes Gefühl. Es verläuft zwar keine der Wiener U-Bahnen vollkommen unterirdisch, doch die U6 ist wohl mit Abstand die Linie, die am meisten Tageslicht abbekommt. Gerade die Gegend am Gürtel sieht man aus den Zugfenstern auf ganz neue Art und Weise. U-Bahn mit Aussicht – was will man also mehr?

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(c) Magdalena Mösenlechner | 1000things

Wer schon immer in Wien lebt, verliert vielleicht irgendwann den Blick für die Schönheit der Gebäude, aber für Nicht-Wienerinnen und Nicht-Wiener sieht die Sache schon etwas anders aus. Als ich eine Zeitlang öfter Couch-surfende Wien-Neulinge beherbergte, schwärmten diese immer von der U6, und Freunden und Freundinnen vom Land, die mich besuchen kommen, geht es da ganz ähnlich. Meine aus Tirol stammende Mama geht sogar so weit, die U6 als Aussichtsbahn zu bezeichnen, und sie ist ihr allemal lieber als jeder Hop-on-hop-off-Bus. Klar könnte man in der Bim auch rausschauen oder die Stadt einfach per pedes erkunden, aber hier geht es ja darum, die U6 ein wenig aufzupeppeln, und nicht um die Wahl des aussichtsreichen Nahverkehrsmittels.

Die wunderschönen und erst kürzlich restaurierten Stationen im Jugendstil von Otto Wagner sind ein zusätzliches Plus in puncto Ästhetik. Traditionell gehaltene Treppenaufgänge, helle Wände mit grünen Elementen und altertümliche Schriftzüge sorgen bei mir morgens für weniger Müdigkeit und begeistern auch nach Jahren noch meine Netzhaut. Außerdem bieten die U6-Stationen auch eine sehr günstige Alternative, um an Silvester ins neue Jahr zu feiern. Gerade am Gürtel hat man von dort aus eine wunderbare Sicht auf die Feuerwerke, die in und um die Stadt den Himmel erleuchten. Die U6 ist eben mein billiger Rooftop-Bar-Ersatz.

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(c) Magdalena Mösenlechner | 1000things

Sonnenlicht ohne Hitze

Ein Grund, warum viele die U6 verunglimpfen, ist ihre Temperatur. Eh klar, eine Bahn, die die meiste Zeit im prallen Sonnenlicht dahintuckert, heizt sich in den Sommermonaten in der Wiener Steppenhitze schon gerne mal etwas auf. Aber auch dieses Problem ist seit dem Juli 2020 Geschichte, denn mittlerweile sind alle Züge der U6 vollständig klimatisiert. Ein Privileg, das übrigens nicht allen U-Bahnlinien zuteil wurde. Nun hat man trotz der nicht sehr unterirdischen U-Bahn in der U6 nicht mehr das Problem, an einem Hitzschlag zu vergehen oder schweißgebadet auszusteigen. Da wir gerade von Schweiß sprechen, auch das klassische Sommer-Odeur der U6, hervorgerufen durch überhitzte Leiber und einer Unmenge Deo an eben jenen, ist seit der Klimatisierung der Züge ein kaum spürbares Problem.

Döner Ade – scheiden tut nicht weh

Apropos Odeur – ein weiteres vielgehasstes Feature der Wiener U6 ist ihr Essensgeruch. Entlang der Strecke finden sich sehr viele Dönerbuden und Würstelstandln, und beim Betreten der Linie springt einem in den meisten Fällen gleich der Geruch dieser pikanten Speisen entgegen. Jedenfalls war das früher einmal so, doch seit 2019 ist nun essen in den Wiener Öffis verboten. Ich liebe Käsekrainer und ich fahre regelmäßig mit der U-Bahn, aber wahrscheinlich ist dieses Verbot zu unserem Besten. Wer versteckt ein Snickers mümmelt, wird wohl auch heute eher weniger mit bösen Blicken bestraft, doch bei den geruchsintensiven Snackereien von Döner bis Leberkässemmerl können wir uns die fünf Minuten an der Imbisstheke zum Verzehr schon mal einräumen. Der angenehme Nebeneffekt: Die U6 mausert sich so geruchstechnisch in eine äußerst akzeptable Liga hinauf.

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Nie ohne U6

Es mag sein, dass ich eine etwas eigene Beziehung zu Wiens verhasstester U-Bahnlinie habe. Seit über vier Jahren wohne ich jetzt schon an der U6 und sie begleitete mich vor allem während des Studiums durch meine gesamte Wiener Anfangszeit. Selbst diesen Artikel tippe ich, während ich vom Schreibtisch aus den Ausblick auf die Stadtbahnbögen genieße.

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(c) Magdalena Mösenlechner | 1000things

Und deshalb muss ich hervorheben, was die Gegend um die zweitlängste U-Bahnstrecke so alles zu bieten hat. Sei es nun an einem lauen Sommerabend auf den Treppen vor der Stadtbücherei an der Burggasse zu sitzen, den lässigen Konzerten in den Gürtellokalen oder der Stadthalle zu lauschen, einen kompletten Absturz als Erstsemester im Loco zu feiern oder gemütlich in der Neuen Donau zu planschen. All diese Erlebnisse gehen fast immer mit mindestens einer Fahrt in der U6 einher.

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Versteht mich nicht falsch: nichts gegen den Wiener Grant, der sich vom Wetter bis zur U-Bahnlinie auf so ziemlich alles richten kann. Denn auch den habe ich in den vergangenen Jahren fast schon lieb gewonnen. Ich finde nur, dass diese ungeliebteste U-Bahn eine zweite Chance verdient hat. Wir sollten aufhören, die U6 als das schwarze Schaf der Öffi-Familie zu betrachten. Vielleicht könnte sie stattdessen irgendwann zu der leicht schrulligen, aber unterschätzten Großtante werden, die einem immerhin ab und zu einen Zehner zusteckt und durchs Alter mittlerweile etwas milder geworden ist. Denn die U6 schafft es einfach, uns so richtig zu erden.

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Ihr wollt mehr Würze im Leben? Dann gönnt euch noch mehr Senf! Wir haben darüber geschrieben, wieso wir den Sommer hassen. Apropos Sommer, wir finden es außerdem sehr befremdlich, dass immer mehr Hotels ihre Badezimmer verglasen.

(c) Beitragsbild | Magdalena Mösenlechner | 1000things

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