Salzburger Marionettentheater

Wo die Puppen zum Leben erwachen

Freitag, 24. August 2018 / Lesedauer: ca. 5 Minuten

Wo die Puppen zum Leben erwachen

Freitag, 24. August 2018 / Lesedauer: ca. 5 Minuten

Eines Tages werde ich ein richtiger Junge sein! Man hat ja gesehen, wohin das bei Pinocchio geführt hat. Die Figuren im Salzburger Marionettentheater benehmen sich zwar deutlich gehorsamer als der präpubertäre Holzkopf. Aber auch sie werden auf der Bühne fast jeden Abend lebendig. Wir haben uns angesehen, wer ihnen Leben einhaucht.

von Viktoria Klimpfinger

Auf der Hinterbühne wuselt es. Das Bühnenbild wird aufgestellt, das Licht ausgerichtet, Kostüme werden zurechtgezupft, Frisuren werden glattgestrichen. Es riecht nach Aufregung. In einer Stunde geht der Vorhang auf – dann werden hier die Puppen tanzen. Im Salzburger Marionettentheater ist das keine hinkende Metapher, sondern Aufführungspraxis. Die Puppenspieler hängen ihre hölzernen Alter Egos an einer Vorrichtung der Oberbühne auf, also in dem Bereich, der vom Zuschauerraum aus nicht sichtbar ist. Hier werden die Spieler später auf einem schmalen Steg stehen und ihren Marionetten Leben einhauchen. Ein Ensemble-Mitglied übernimmt an einem Abend schon mal bis zu acht verschiedene Rollen.

Salzburger Marionettentheater

(c) Ines Futterknecht

Im Raum mit lauter Puppen

Einer davon ist Philippe Brunner, der künstlerische Leiter des Theaters. Wir treffen ihn in einem Raum hinter der Oberbühne, der voller bunter Marionetten ist. Unzählige hölzerne Augenpaare sind auf uns gerichtet, während wir noch vorsichtig unsere Sitzgelegenheit zurechtrücken. Es ist ganz klar: Hier befinden wir uns im Reich der Marionetten, sind quasi nur zu Besuch und ihnen zahlenmäßig kratertief unterlegen. „In diesem Raum alleine befinden sich 500 bis 600 Marionetten“, sagt der 46-jährige Brunner. „Das sind aber nur die aktiven Puppen, die zurzeit in ungefähr zehn Produktionen verwendet werden. Darüber hinaus gibt es viele alte Figuren, die nicht mehr verwendet werden.“

Insgesamt bewohnen also über 1000 Puppen das Theaterhaus. Das klingt zwar wie das Setting eines verstörenden Horrorfilms, aber bei näherem Betrachten ist die Puppenarmada erstaunlich faszinierend: Keines der gut 600 Gesichter, die um uns herumhängen, gleicht dem anderen. In jedem lässt sich eine eigene Geschichte ablesen. Die geschnitzten Falten werfen fast so etwas wie biografische Landkarten auf den leblosen Antlitzen auf. Man könnte glatt vergessen, dass sie keine organische Alterserscheinung sind, sondern bloß Stilmittel. Moment – hat uns die alte Holzlady im Eck da grade zugezwinkert? Langsam wird uns doch etwas mulmig.

Salzburger Marionettentheater

(c) Ines Futterknecht

Zwischen Wirklichkeit und Illusion

Wir sind aber längst nicht die einzigen, denen es so geht. Die Illusion zu schaffen, die Figuren seien lebendig, ist Philippe Brunners täglich Brot: „Dass man uns Spieler selbst meist nicht sieht, schafft eine ganz besondere Welt der Illusion für die Zuschauer. Manche sind nachher fest davon überzeugt, dass eine Puppe den Mund bewegt oder mit den Augen gezwinkert hat.“ Brunner lächelt, fasziniert über die Kraft der Fantasie. Denn sie ist geheimer Hauptakteur der Marionettenvorstellungen. Gestik, Gang und Position der Holzprotagonisten lenken die Puppenspieler von oben, Musik und Gesang kommen vom Band. Aber das Einlassen auf die Erzählung übernimmt die Vorstellungskraft.

Marionettentheater Salzburg

(c) Ines Futterknecht

Wir bitten Brunner um eine kleine Demonstration. Sorgfältig überlegt er, welche der Marionetten er aus ihrem Stand-by-Modus reißt. Schließlich lässt er einen kleinen Holzjungen auf der Sitzbank aufmarschieren. Er schlendert, hüpft, hockt sich an den Rand der Bank, und springt wieder auf. Schon haben wir fast vergessen, dass Philippe Brunner dafür verantwortlich ist. Erstaunlich; immerhin steht er doch mit leicht gekrümmtem Rücken, festem Stand und hochgezogenen Armen genau hinter dem kleinen, geschreinerten Racker und steuert mit feinen, aber präzisen Bewegungen die Holzkreuze, an denen die Fäden hängen.

Das klappt vor allem auch deshalb so lebensnah, weil die Puppen alle wesentlichen, größeren Gelenke besitzen, die auch der menschliche Körper aufweist „Handgelenke, Ellenbogen, Schultern – alles bewegt sich wie bei einem Menschen“; sagt Brunner. Bis diese Pinocchios allerdings durch die eigene Hand zu „richtigen Jungen“ – und Mädchen – werden, braucht es viel Übung. Laut Philippe Brunner dauert es gut sechs bis acht Jahre, bis man wirklich frei ist im Umgang mit dem Steuerkreuz. Als würde man ein Instrument erlernen. Nur dass man hier nicht auf Tasten klopft oder an Saiten zupft, sondern an Fäden zieht.

Marionetten Salzburg

Philippe Brunner und seine Kollegen zeigen als Vorspiel zur „Zauberflöte“ eine Akkordeon-spielende Ratte im Foyer. (c) Ines Futterknecht

Marionettenliebe ein Leben lang

Schon als Kind war Brunner von Marionetten fasziniert. Er war jedes Jahr in Salzburg auf Urlaub und besonders das Marionettentheater hinterließ einen bleibenden Eindruck. So bleibend sogar, dass er in Berlin ein eigenes gründete. Nach seinem Studium der Musikwissenschaften und der englischen Literatur arbeitete er zunächst in München bei einer Schallplattenfirma. Aber das Puppenspiel hat ihn nie losgelassen: „Dann wurde hier zum Glück eine Stelle frei“, sagt er. „Das war vor 15 Jahren.“

Zwar hat Brunner als künstlerischer Leiter vor allem organisatorische Aufgaben inne. Aber die restlichen Puppenspieler des Ensembles sind aus wirtschaftlichen Gründen selbst in den Werkstätten zu Gange. „Manchmal juckt es mich schon auch in den Fingern“, gibt Brunner zu, der seine Puppen früher auch selbst gebaut hat. Schließlich begleiten die Spieler hier ihre Figuren vom Holzscheit bis zum spielfertigen Darsteller. Dazu braucht man allerdings das nötige Know-How: „Wir engagieren hauptsächlich Leute mit einer fertigen handwerklichen Ausbildung“, sagt Brunner.

Marionetten Puppenspiel

In der Werkstatt. (c) Ines Futterknecht

Marionetten hausgemacht

Die einen modellieren also die Holzköpfe, die nächsten setzen die Puppen zusammen und verbinden sie mit dem Steuerkreuz und wieder andere schneidern die Kostüme. Als wir uns in der großen Werkstatt unter der Bühne umsehen, entdecken wir Emmanuel Paulus, der gerade einen Marionettenkörper zusammensetzt. Er ist seit 2007 Puppenspieler hier am Haus und hat ursprünglich eine Ausbildung zum Maler und Anstreicher gemacht. Als wir ihm über die Schulter schauen, schleift er gerade Holzfinger zurecht und zieht Fäden durch die Gelenke. Er baut die Figur des kleinen Prinzen nach, für einen Privatkunden. Auch das macht das Theater ab und zu, um sich etwas dazuzuverdienen.

Salzburger Marionettentheater

Emmanuel Paulus arbeitet am kleinen Prinzen. (c) Ines Futterknecht

In einem anderen Raum stehen eine Handvoll Puppenköpfe in zwei Reihen. Zieht man an einem Faden, bewegen sie sich alle gleichzeitig ruckartig nach rechts und links. Später werden sie mal ein Chor, der auf der Bühne im Kollektiv agieren kann, ausgelöst durch nur einen Spieler. In ihrem jetzigen körperlosen Stadium wirken sie aber hauptsächlich schaurig.

„Wie eine Figur aufgebaut ist, muss man natürlich trotzdem lernen. Aber unsere Puppenbauer haben sich das hier vor allem autodidaktisch beigebracht oder halten sich an die überlieferte Tradition des Hauses“, sagt Philippe Brunner zurück in der Puppenkammer. Und die geht auf immerhin 105 Jahre Bau- und Spielerfahrung zurück. Jedenfalls ist durch die Mitarbeit bei der Entstehung die Bindung zwischen Spieler und Puppe vorstellbar eng. Wenn man die fertige Figur dann endlich in Bewegung versetzt, ist es für Philippe Brunner so, als würde man sie zum Leben erwecken. Wie Meister Gepetto seinen Pinocchio.

Marionettentheater Salzburg

Chorköpfe. (c) Ines Futterknecht

Opernhaus à miniature

Bis dahin dauert es allerdings eine ganze Weile. Die Vorbereitungen, bevor die Proben zu einer neuen Inszenierung überhaupt starten können, nehmen bis zu eineinhalb Jahre in Anspruch. „Immerhin spielen wir neben der Arbeit in den Werkstätten auch noch 170 Vorstellungen im Jahr“, gibt Brunner zu bedenken. Da kann sich die Marionettenproduktion schon mal etwas hinziehen. Vor allem bei so detailverliebten und individuellen Exemplaren wie jenen, die uns hier umringen. Sind die Akteure fertig designt, geht’s aber auch hier ans Proben wie in jedem anderen Theater. Ein Regisseur kommt ans Haus und erarbeitet in ungefähr sechs Wochen mit den Spielern eine Inszenierung. Figurencharaktere werden erarbeitet, Auftritte werden getimt und Szenen geprobt. Immer wieder, bis alles sitzt.

Sitzt alles, geht auch schon der Vorhang auf. Dahinter spielen sich am Salzburger Marionettentheater vornehmlich Opern ab. Doch das Ensemble tritt nicht nur hier auf, sondern bespielt mit seinen Figuren die Bühnen der ganzen Welt. Seit 2016 gilt die Spielpraxis des Theaters als „Immaterielles Kulturerbe Österreichs“. Als wir Philippe Brunner besucht haben, stand abends die Zauberflöte auf dem Programm. Dass sie dieses Jahr parallel auch bei den Salzburger Festspielen inszeniert wurde, ist aber reiner Zufall. Denn die Marionettenversion gibt es bereits seit über 60 Jahren. Damit ist sie wahrscheinlich die längste durchgehend aufgeführte Zauberflöteninszenierung überhaupt, lacht Brunner. Nun wird es langsam ernst und wir überlassen Philippe Brunner seinen Vorbereitungen. Als wir von der Oberbühne hinabsteigen, nicken wir dem kleinen, gefiederten Puppenpapageno zu, der schon ungeduldig in Position hängt. Wir könnten schwören, er hat zurückgenickt.

Salzburger Marionettentheater Ausschnitte aus der Zauberflöte

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Beitrags- und Facebook-Bild (c) Ines Futterknecht

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