Böhmischer Prater

Der Böhmische Prater und seine weißen Pferde

Freitag, 20. Juli 2018 / Lesedauer: ca. 5 Minuten

Der Böhmische Prater und seine weißen Pferde

Freitag, 20. Juli 2018 / Lesedauer: ca. 5 Minuten

Auf geht’s in den Prater! Aber nein, nicht in den Wiener Prater – in den Böhmischen! Versteckt im Laaer Wald, kriecht zwischen historischen Holzpferden und gebackenen Mäusen die Nostalgie aus jeder Ritze. Ein bisschen verschlafen träumt alles hier von früher. Was es im Böhmischen Prater zu erleben gibt und warum die Pferde auf Europas ältestem Ringelspiel eigentlich wippen, erfahrt ihr hier.

von Viktoria Klimpfinger

Mitten durch das Erholungsgebiet des Laaer Waldes zieht sich eine kleine Straße voller Schießbuden und Ringelspiele. Irgendwie hat das Ganze etwas von den aufmüpfigen Galliern, die sich statt den Römern partout nicht der Rationalisierung beugen wollen. Denn man findet ihn nur schwer, den Böhmischen Prater, wenn man nicht weiß, wo man mit dem Auto abbiegen muss. Aber die Stammklientel aus dem 10. und 11. Bezirk, die weiß das sowieso.

Aufgewachsen im Böhmischen Prater

Auch Ernst Hrabalek gehört zu dieser Stammklientel. Ich treffe ihn im Park Hrabalek, ein Platz mit ein paar Ringelspielen und einer Geisterbahn, den er selbst im Böhmischen Prater angelegt hat. Im 10. Bezirk sei er aufgewachsen, erzählt er, während uns leise „Mandy“ von einem Fahrgeschäft entgegenhallt. Sein Vater war Fahrdienstleiter bei der Bahn in Oberlaa, seine Mutter „Bedienerin“ bei Bürgermeister, später Bundespräsident, Franz Jonas zuhause. Während die Eltern arbeiteten, vertrieb sich Klein Hrabalek mit seinen Freunden regelmäßig im Böhmischen Prater die Zeit. „Ich hatte den Schlüssel um den Hals und bin mehr oder weniger auf der Straße aufgewachsen“, erklärt er schulterzuckend.

Das älteste Ringelspiel Europas

Ein Fahrgeschäft ist ihm offenbar besonders ans Herz gewachsen. „Es ist das älteste Ringelspiel Europas, das noch funktioniert. 1890 wurde es gebaut. Heute steht es unter Denkmalschutz“, erzählt Hrabalek stolz. Stolz vor allem auch deshalb, weil es jetzt ihm gehört. 2016 erfuhr der heute 73-Jährige, dass das Ringelspiel verkauft werden sollte: „Ich habe mir meinen Kindheitstraum erfüllt und mir das Ringelspiel gekauft, mit dem ich mit fünf zum ersten Mal gefahren bin.“

Natürlich hat man das Karussell seit 1890 einige Mal renoviert, auch Hrabalek selbst. Im Zweiten Weltkrieg wurde es fast völlig zerstört, „da Brandbomben den Böhmischen Prater in Schutt und Asche legten.“ Einiges wurde erneuert, dazugebaut und ersetzt. „Der Keller des Ringelspiels ist ungefähr drei Meter tief“, erklärt Hrabalek. „Früher haben dort unten vier Leute das Ganze mit der Hand zum Drehen gebracht.“ Das ist heute natürlich auch anders. Zeitzeugen von damals sind vor allem die weißen Holzpferde – restaurierte Originale aus 1890, jedes selbstverständlich mit eigenem Namen. Ausgeklügeltes Detail: Sie können wippen wie Schaukelpferde. Das ist aber nicht bloß ein cooler Effekt, sondern ebenfalls ein Relikt aus früheren Zeiten. Hrabalek erzählt mir, dass damals Erwachsene auf diesen Pferden Zielübungen machten, indem sie mit Holzstöcken Ringe auf Haken an den Wänden des Ringelspiels warfen. Dazu musste man präzise kalkulieren, wann man mit dem Pferd nach hinten wippte, um rechtzeitig mit der Drehung nach vorne zu kippen und so die Wurfdistanz möglichst zu verringern. Heute kostet eine Fahrt für Kinder € 2,50 und für Erwachsene € 3,50. Die Preise des nostalgischen Jahrmarkts reißen generell kein Loch ins Börserl.

Die Ziegelarbeiter der Monarchie

1883 ist der Böhmische Prater entstanden, weil sich die sogenannten „Ziegelböhmen“ in der Gegend angesiedelt hatten. Die Arbeiter, die überwiegend aus Böhmen und Mähren stammten, stellten hier Lehmziegel für das k.k.-Österreich her – unter größtenteils verheerenden Lebensbedingungen. Ziegel, die die gesamte Bausubstanz für die Wiener Ringstraße und ihre Prachtbauten stellten. „Sechs Tage lang mussten sie arbeiten, und am siebten Tag, am Sonntag, hatten sie hier ihr kleines Vergnügen“, sagt Hrabalek. Übrigens kommt auch der Wiener Ausdruck „Sandler“ von den Ziegeleien: Die „Sandler“ streuten Sand in die Ziegelformen, damit der Lehm nicht darin kleben blieb. Dieses Jahr im Winter wird es im Park Hrabalek an den Adventwochenenden erstmals einen original böhmischen Weihnachtsmarkt geben – authentische tschechische Handwerkskunst, keine 0815-Industrieware.

Einen Rummel im Vorgarten

Auch heute noch scheint der ganze Jahrmarkt Vergangenes auszuatmen wie die Nebelmaschinen in der Geisterbahn den kalten Dampf. Zwischen Dosenschießständen und neuen, blitzblank polierten Fahrgeschäften finden sich immer wieder historische Jahrmarktsattraktionen: Die Raupe gleich zu Beginn der Rummelstraße fährt zwar nur im Schritttempo im Kreis auf und ab, ist dafür aber auch schon an die hundert Jahre alt.

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Sie steht nebenbei bemerkt auf dem Grundstück von Familie H. Geissler, Nachfahren der Gründerfamilie des Böhmischen Praters, die heute noch dort lebt. Die bunt zusammengewürfelten Karusselle und Attraktionen wirken fast so, als würden sie in ihrem Vorgarten herumstehen. Tun sie eigentlich auch. Denn während die Besucher vorne mit der Raupe ein paar Runden drehen oder die historische Karussellorgel bewundern, sieht man die Familie im Hintergrund manchmal beim gemeinsamen Essen unter der Gartenlaube. „Es gibt einige Leute, die hier wohnen“, sagt Hrabalek. „Meistens sind das Schaustellerfamilien, die schon sehr lange hier angesiedelt sind.“ Der Vorteil, hier zu wohnen, liegt laut ihm auch darin, dass man die Fahrgeschäfte je nach Bedarf in Betrieb nehmen könne. Denn unter der Woche steppt der Bär hier nur auf Energiesparmodus. Dafür macht regelmäßig eine ortsansässige Ziege die Straße unsicher. Die gehört schon so sehr zum Inventar, dass längst keiner mehr danach fragt, wo sie eigentlich ausgebrochen ist.

Böhmischer Prater

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Zwischen täglich Brot und Sozialprojekt

Trotz unregelmäßiger Besucherzahlen leben die meisten Schausteller hier von ihren Fahrgeschäften, erzählt mir Hrabalek. Zumindest während der Saison von März bis Oktober, da der Prater von Ende Oktober bis Anfang März Winterpause macht. Er selbst muss aber nicht davon leben, er ist in Pension. Für ihn ist sein Park ein reines Herzensprojekt. Ein Wiederbelebungsversuch des Böhmischen Praters, wenn man so will. „Die letzten 20 Jahre hat dieser Park geschlafen“, sagt er energisch. „Es gibt immer noch kein eigenes öffentliches WC hier. Die Leute gehen zum Teil in den Wald.“ Ja, diese Vergnügungsstraße ist wohl wirklich ein Guckkasten in eine andere Zeit. Außerdem hat der Park Hrabalek auch sozialen Anspruch: Alles, was an Geld von den Fahrgeschäften am Ende des Jahres übrig ist, soll einem Kinderspital im 10. Bezirk gespendet werden. Das ist allerdings nicht ganz so einfach, weil Hrabalek seit fast zwei Jahren auf die Genehmigungen für die meisten seiner Fahrgeschäfte wartet und auf den Magistraten im Quadrat rotiert.

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Alltagsversteck für jeden Guster

Abgesehen davon blickt Hrabalek aber zuversichtlich in die Zukunft: „Ich bin positiv gestimmt, dass sich einiges ändern wird und der Böhmische Prater wieder mehr Beachtung findet.“ Wobei zu viel Andrang dem kleinen Vergnügungspark mitten im Laaer Wald vielleicht seinen nostalgischen, leicht verschrobenen und improvisierten Charme mit der Zeit glattpolieren würde. Wobei: Da müsste man schon ziemlich lange polieren. Ein Besuch lohnt sich aber auf jeden Fall – ob für die gebackenen Mäuse und saftigen Stelzen beim Gasthaus „Werkelmann“, fürs Hutschen auf den weißen Pferden des historischen Ringelspiels oder für die Schokofrüchte aus der süßen Tram – einem echten Straßenbahnwagon voller Süßigkeiten. Der Jahrmarktsnostalgie kommt man hier jedenfalls nicht aus.

Süß.

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Ihr wollt weitere eigenwillige Sehenswürdigkeiten am Stadtrand? Wie wäre es denn zum Beispiel mit dem improvisierten Streichelzoo in Simmering? Oder doch lieber ein Besuch beim Puppendoktor in der Innenstadt?

Facebook- und Beitragsbild (c) Park Hrabalek

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