Ute Bock

Starke Wiener Frauen – das Weltfrauentag-Special

Donnerstag, 8. März 2018 / Lesedauer: ca. 7 Minuten

Starke Wiener Frauen – das Weltfrauentag-Special

Donnerstag, 8. März 2018 / Lesedauer: ca. 7 Minuten

Um es mit den Worten der US-amerikanischen Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Mary McCarthy zu sagen Wir sind die Heldinnen unsrer eigenen Geschichtewidmen wir diesen Blogbeitrag anlässlich des internationalen Weltfrauentags großartigen und starken Frauen, die Wien auf die unterschiedlichste Art geprägt haben. Diese Frauen und die von ihnen initiierten, großartigen Projekte, Veränderungen und Reformen wollen wir vor den Vorhang holen und huldigen. In diesem Sinne: Schönen Weltfrauentag euch allen!

von Marie Amenitsch

Anlässlich des Internationalen Frauentages am 8. März wollen wir mit diesem Blogbeitrag Bewusstsein schaffen für die bemerkenswerten Wiener Frauen, die unsere Lieblingsstadt und Österreich mit ihrem Tun und Wirken in den unterschiedlichsten Bereichen und Epochen geprägt haben beziehungsweise es immer noch tun. Natürlich ist diese Aufzählung weitaus nicht vollständig, soll jedoch einen breiten Querschnitt der unterschiedlichen Lebensbereiche darstellen.

Menschen-, Frauenrechte und Politik

Ute Bock (1942-2018)

„Ich habe einen Vogel, aber es gibt viele Leute, die meinen Vogel unterstützen.“ Den Anfang über bedeutsame und starke Frauen, die wir im Zuge des Weltfrauentages hervor heben möchten, ist die großartige Ute Bock. Wie keine andere hat sie sich bis zu ihrem Tod im Jänner 2018 als selbstlose Flüchtlingshelferin für Menschenrechte eingesetzt. So begann Bock ihr Schaffen ursprünglich als Sozialarbeiterin in einem Heim für schwer erziehbare Sonderschüler in Biedermannsdorf, bevor sie sich ab den 90er Jahren für jugendliche AsylwerberInnen einsetzte. Im Mai 2002 rief sie nach ihrer Pension den gemeinnützigen Verein „Flüchtlingsprojekt Ute Bock“ ins Leben, der sich bis heute auf die Hilfe für in Wien lebende und meist obdachlose Asylwerber und hilfsbedürftige Flüchtlinge fokussiert. Das Lichtermeer am Heldenplatz, das anlässlich ihres Todes am 2. Februar 2018 in Wien veranstaltet wurde, verdeutlicht einmal mehr, was für eine Grande Dame der Sozialgerechtigkeit Ute Bock war und dass sie in Zeiten wie diesen durch ihre Tugenden wie Zivilcourage, Solidarität und Menschlichkeit für uns alle ein Vorbild sein sollte.

Maria-Theresia (1717-1780)

Eine nicht minder bemerkenswerte Frau, die Wien auf ganz andere Art und Weise geprägt hat und vor allem auch maßgeblich an der Entwicklung Österreichs beteiligt war, wäre mit Maria-Theresia gefunden. Um das Wirken der bedeutendsten Herrscherin des aufgeklärten Absolutismus in vollem Ausmaß beschreiben zu können, fehlt uns hier der Raum. Immerhin können Chroniken mit den politischen Reformen der Erzherzogin gefüllt werden. Auch wenn sie nie zur Kaiserin gekrönt wurde, wurde Maria-Theresias Name meist im Zusammenhang mit dem Kaiser-Titel genannt. So galt ihr Mann zwar als offizieller Herrscher, doch die Regierungsgeschäfte wurden von ihr geführt. Die wohl wichtigste Errungenschaft Maria-Theresias wäre mit der Einführung der allgemeinen Unterrichtspflicht 1774 gefunden. Doch auch die Nummerierung der Häuser und die Errichtung von Burgtheater, Börse und der Porzellanmanufaktur im Augarten fallen ebenfalls unter ihre Regentschaft. Als 16-fache Mutter und bedeutendste Frau in der Habsburger-Dynastie war sie wohl zur damaligen Zeit schon eine wahre Powerfrau, die sich durch ihre Selbstbestimmtheit und Stärke auszeichnete. Noch heute erinnert das Maria-Theresien-Denkmal zwischen Natur- und Kunsthistorischen Museum an die Monarchin und gilt als wichtigstes Herrscherdenkmal der Habsburgermonarchie in Wien.

Johanna Dohnal (1939-2010)

„Solange mehrheitlich Männer darüber entscheiden können, was für Frauen, Kinder und sie selbst gut ist, wird es die erforderlichen substanziellen Quantensprünge nicht geben.“ Die im 14. Wiener Gemeindebezirk geborene Johanna Dohnal darf in unserer Aufzählung über starke Wiener Frauen nicht fehlen, immerhin war die SPÖ-Politikerin und bekennende Feministin ab 1990 die erste Frauenministerin Österreichs. Durch ihr unermüdliches politisches Engagement für  Gleichberechtigungspolitik holte Bruno Kreisky Dohnal 1979 als Staatssekretärin für allgemeine Frauenfragen in die Bundesregierung. Zahlreiche gesetzliche Verbesserungen vor allem für berufstätige Frauen verdanken wir ihr. Außerdem lagen ihr auch Anliegen der Friedens-, Bildungs- und Entwicklungspolitik sehr am Herzen. Die zweifache Mutter lebte nach ihrer Scheidung in einer Lebensgemeinschaft mit der SPÖ-Gemeinderätin Annemarie Aufreiter. Nach Inkrafttreten des „Eingetragene Partnerschaft-Gesetzes“ am 1. Jänner 2010 ließ auch sie als eine der ersten ihre Partnerschaft eintragen. Dohnals Tochter Ingrid ist für den Verein Wiener Frauenhäuser, dessen Ehrenvorsitzende Johanna Dohnal war, tätig.

Bertha von Suttner (1843-1914)

Die in Prag geborene Bertha von Suttner stammt aus einer böhmischen Adelsfamilie und kam als Gouvernante zur Familie Suttner nach Wien, wo sie sich in den um 7-Jahre jüngeren Sohn Arthur verliebte. Da dieser die Liebe erwiderte, dies aber von der Familie nicht akzeptiert wurde, enterbte man ihn. Die beiden gingen für einige Jahre nach Georgien, wo Suttner schriftstellerische und journalistische Erfahrungen sammelte. Auch nach ihrer Rückkehr nach Wien blieb Bertha von Suttner journalistisch sehr aktiv, wobei sie ihren Fokus auf eine friedlichere Gesellschaft, Gleichgerechtigkeit und Frauenrechte legte und sich dem Thema Pazifismus verschrieb. Besonders herausragend ist ihr pazifistischer Roman „Die Waffen nieder!„. 1905 wurde sie als erste Frau weltweit mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

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Kunst und Kultur

Christine Nöstlinger (*1936)

„Besser ein paar Brandblasen als ein ganzes Leben lang kalte Finger!“ Christine Nöstlinger hat als eine der bedeutendsten Kinder- und Jugendbuchautorinnen im deutschsprachigen Raum mit ihren Franz-Geschichten wohl so manchen von uns durch die Kindheit begleitet. Über 100 Bücher umfasst ihr literarisches Gesamtwerk, das vor allem auch von politischen und gesellschaftskritische Aspekten gekennzeichnet ist. Prägend dafür war ihre eigene Kindheit während des Zweiten Weltkriegs, den sie vor allem im Werk „Maikäfer flieg!“ aufarbeitet. Der autobiografische Roman wurde 2016 auch verfilmt und der österreichische Spielfilm, mit der großartigen Ursula Strauss in der Rolle von Nöstlingers Mutter, ist sehr zu empfehlen! Auch heute engagiert sich Nöstlinger für Sozialgerechtigkeit und setzt sich gegen Fremdenfeindlichkeit und rechtsextremistische Tendenzen in der österreichischen Politik ein: „…ob mich jemand Gutmensch nennt oder net is mir scheißegal“ , und sprach auch öffentlich ihre Unterstützung für Alexander Van der Bellen im Bundespräsidentschaftswahlkampf aus.

Erni Mangold (*1927)

Wer mit 90 Jahren noch wie das blühende Leben über die Bretter, die die Welt bedeuten, schwebt, hat definitiv einen Platz in unserer Aufzählung über starke Wiener Frauen verdient. So kann die Theater- und Schauspiellegende Erni Mangold stellvertretend als eine der vielen österreichischen Schauspielerinnen genannt werden, die die renommierte Theaterkultur zu dem machen, was sie ist. Egal ob Elfriede Ott, Hilde Spiel, Elfriede Irrall, Dolores Schmidinger oder Chris Lohner  – sie alle sind es, die mit ihrer Wandlungsfähigkeit, Stärke und Intensität den Wiener Theatern Leben einhauchen und für Gänsehautmomente sorgen. So blickt Erni Mangold auf 71 Jahren Bühnenerfahrung zurück und gab ihr Debüt  bereits mit 19 Jahren im Theater an der Josefstadt. Welche Rolle Geschlechtergerechtigkeit und hierarchische Verhältnisse jedoch auch im Theater spielen, darauf hat erst kürzlich der offene Brief von zahlreichen renommierte Burgschauspielern aufmerksam gemacht.

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Elfriede Jelinek (*1946)

„Meine Methode ist ungefähr die, dass ich die trivialen Tagespolitikfetzen ästhetisch sozusagen auflade wie in einer Steckdose“, so Elfriede Jelinek, die als eine der wichtigsten Vertreterinnen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur in unserer Aufzählung über bedeutsame Wiener Frauen nicht fehlen darf. Mit ihren Werken will sie Missstände und Ungerechtigkeiten im öffentlichen, politischen, aber auch im privaten Leben aufzeigen. Provokation und Sarkasmus sind hierbei die wichtigsten Stilmittel, ebenso wie das Brechen mit oft tabuisierten Inhalten. Dafür wurde sie im Jahr 2004 auch mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Besonderes Aufsehen erhielt sie für die Burgtheater-Produktion von ihrem Werk „Die Schutzbefohlenen“, das 2015 Premiere feiert und eiskalt mit der herrschenden Flüchtlingspolitik und ihren Folgen abrechnet.

Alma Mahler Werfel (1879-1964)

In Wien geboren ging Alma Mahler Werfel als „Frau von Welt“ in die Geschichte ein. So war sie nicht nur Gemahlin von Gustav Mahler, Walter Gropius, Franz Werfel und Geliebte von Oskar Kokoschka, sondern auch Gastgeberin für ihre renommierten literarischen Salons und auch selbst talentierte Dichterin. Auch wenn von ihrem eigenen Schaffen nur noch Auszüge erhalten sind, so gilt sie als eine der größten Musen und „Femme Fatale“ des 20. Jahrhunderts und um ihre spannende Person ranken sich zahlreiche Mythen und Geschichten.

Conchita (*2011)

Ganz bewusst zählt für uns auch Conchita (bis 2015 Conchita Wurst) zu jenen Frauen, die Wien oder vielmehr auch Österreich geprägt haben und es vor allem immer noch tun. Dies ist nicht nur auf ihren Sieg des Eurovision Song Contest 2014 zurückzuführen, sondern vielmehr auf die Tatsache, dass sie bewusst mit der natürlichen Zweigeschlechtlichkeit bricht und somit einmal mehr Judith Butlers Unterscheidung von Sex und Gender bestätigt, oder um es  mit Simone Beauvoirs Worte einmal etwas anders zu sagen, „Man wird nicht als Frau geboren, man wird es“ . Conchita unterscheidet sich – vor allem auch durch ihren Bart – bewusst von anderen Travestie-Figuren und ist vielmehr ein Mann-Frau bzw. eine Frau-Mann. Gut so!

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Wissenschaft und Wirtschaft

Ella Lingens-Reiner (1908-2002)

Die Wiener Juristin und Ärztin gilt als eine der wichtigsten Gegnerinnen des NS-Regimes und Fluchthelferin für jüdische Familien nach Ungarn, anderen wiederum gewährte sie gemeinsam mit ihrem Ehemann Dr. Kurt Lingens auch Unterstand in ihrem Haus am Rande Wiens. Dafür wurde sie 1942 von der Gestapo gefangen genommen 1943 bis 1945 im KZ-Auschwitz und KZ-Dachau inhaftiert. Sie überlebte das Konzentrationslager und hielt in ihrem Buch „Prisoners of Fear “ die Jahre des Widerstandes und der KZ-Gefangenschaft fest. Zudem beendete sie nach dem Krieg auch ihr Medizinstudium und arbeitete in mehreren Kliniken. Anfang März 1964 sagte Lingens als eine der wichtigsten Zeuginnen während des ersten Frankfurter Auschwitzprozesses aus. Nach ihrem Schaffen als Ministerialrätin im Bundesministerium für Gesundheit und Umweltschutz trat sie 1973 in den Ruhestand. Eine der ganz besonderen Wiener Frauen, der viel zu wenig Beachtung geschenkt wird, wie wir finden.

Maria Schaumayer (1931-2013)

Die geborene Steirerin Maria Schaumayer darf in unserer Aufzählung über außergewöhnliche Wiener Frauen nicht fehlen. Sie war nicht nur eine renommierte österreichische Wirtschaftswissenschaftlerin und als ÖVP-Politikerin außerdem in der Wiener Stadtregierung bzw. auch in der Landesregierung tätig. Besonders von Bedeutung ist nämlich, dass sie von 1990 bis 1995 zudem die Präsidentin der Österreichischen Nationalbank und somit die erste Frau weltweit in dieser Funktion war. Anlässlich ihres 60. Geburtstags gründete sie 1991 die Stiftung für Frauen in der Wirtschaft, die Förderpreise vergibt und Frauenkarrieren fördert.

Lise Meitner (1878-1968)

Eine weitere der bedeutenden und starken Wiener Frauen, der unserer Meinung nach viel zu wenig Beachtung geschenkt wird, wäre mit der Kernphysikerin Lise Meitner gefunden. Ihr Studium absolvierte die in der Leopoldstadt geborene Meitner an der Universität Wien. Und zwar studierte sie die Studiengänge Physik, Mathematik und Philosophie. Ihr wichtigster akademischer Lehrer dort wurde niemand geringerer als Ludwig Boltzmann. Nach erfolgreichem  Abschließen des Studiums ging sie jedoch nach Berlin, um ihren weiteren wissenschaftlichen Werdegang bei Max Planck zu vertiefen. Besonderen Ruhm verdankt sie der Veröffentlichung der ersten physikalisch-theoretischen Erklärung der Kernspaltung, die sie gemeinsam mit ihrem Neffen Otto Frisch herausbrachte.

​​Lise Meitner ​(1878​-1968) was an Austrian-Swedish physicist who worked on radioactivity and nuclear physics. ​. Wikipedia: Lise ​Meitner and Otto Hahn led the small group of scientists who first discovered nuclear fission of uranium when it absorbed an extra neutron; the results were published in early 1939​. Meitner and Otto Frisch understood that the fission process, which splits the atomic nucleus of uranium into two smaller nuclei, must be accompanied by an enormous release of energy. Nuclear fission is the process exploited by nuclear reactors to generate heat and, subsequently, electricity.​ ​This process is also the basis of the nuclear weapons that were developed in the U.S. during World War II and used against Japan in 1945. ​. Meitner spent most of her scientific career in Berlin, Germany, where she was a physics professor and a department head at the Kaiser Wilhelm Institute; she was the first woman to become a full professor of physics in Germany. She lost these positions in the 1930s because of the anti-Jewish Nuremberg Laws of Nazi Germany, and in 1938 she fled to Sweden, where she lived for many years, ultimately becoming a Swedish citizen. . Meitner received many awards and honors late in her life, but she did not share in the 1944 Nobel Prize in Chemistry for nuclear fission that was awarded exclusively to her long-time collaborator Otto Hahn. In the 1990s, the records of the committee that decided on that prize were opened. Based on this information, several scientists and journalists have called her exclusion "unjust", and Meitner has received a flurry of posthumous honors, including naming chemical element 109 meitnerium in 1992. ​​. #contemporaryscience #science #research #scientist #academia #lisemeitner #meitnerium #physicist #radioactivity #nuclearphysics #ondoubt #nobel #research #stem #nuclearfission

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Alexandra Kautzky-Willer (*1962)

Als eine der renommiertesten Ärztinnen Österreichs hat Alexandra Kautzky-Willer definitiv einen Platz in unserem Weltfrauentag-Special über bedeutsame Wiener Frauen verdient. Sie ist Absolventin der Medizinischen Universität Wien, an der sie seit 2010 Professorin für Gendermedizin ist und legt somit einen wesentlichen Meilenstein zur Geschlechtergerechtigkeit in der Medizin. Denn die geschlechtsabhängigen Unterschiede in der Medizin sind zwar teilweise offensichtlich, teilweise jedoch subtil und in vielen Bereichen vor allem noch wenig bekannt. Für ihre Forschungsansätze und wissenschaftlichen Publikationen wurde Kautzky-Willer auch schon mit zahlreichen Preisen geehrt, so wurde sie  2013 zu einer der „Women Inspiring Europe“ und 2016 zur „Wissenschaftlerin des Jahres“ ausgezeichnet.

In diesem Sinne wünschen wir euch allen einen schönen Weltfrauentag! Welche Events euch passend dazu in Wien erwarten könnt ihr in unserer Übersicht über spannende Programmpunkte nachlesen.

*mit  <3-licher Widmung an all die wundervollen Frauen in unserem 1000things-Office

(c) Beitragsbild / Melanie Romstorfer / flickr.com / CC BY-ND 2.0

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