Mechitaristen: Mechitharine

Die Mönche und ihr vergessener Likör

Montag, 12. Februar 2018 / Lesedauer: ca. 5 Minuten

Die Mönche und ihr vergessener Likör

Montag, 12. Februar 2018 / Lesedauer: ca. 5 Minuten

Vor über 200 Jahren haben sich die armenisch-katholischen Mönche des Mechitaristenordens im 7. Bezirk in Wien niedergelassen. Seitdem brauen sie hinter unscheinbaren Mauern ihren einzigartigen Kräuterlikör. Leider gibt es aber ein Problem mit dem Rezept und der Mechitharine-Vorrat wird langsam knapp. Warum? Das haben wir uns mal genauer angesehen.

Schon das Betätigen der Klingel des Mechitaristenklosters im 7. Bezirk fühlt sich irgendwie geheimnisvoll an. Offensichtlich schützen diese unscheinbaren Pforten aus Massivholz das stille Klosterleben bewusst vor dem lärmenden Trubel des Neustiftviertels. Als sich die Tür öffnet und uns ein erster skeptischer Blick streift, ist klar, dass wir hier für kurze Zeit, mitten in der Stadt eine ganz eigene Welt betreten. In den verwinkelten Gängen des Klosters atmet alles, vom reich ausgestatteten Museum bis zum Speisesaal der Patres, armenische Tradition. Mehr noch: Hier lässt sie sich sogar trinken. Und zwar in Form des Kräuterlikörs, den die armenisch-katholischen Mönche selbst brauen. Leider ist das geheimnisumwobene Rezept dieser sogenannten Mechitharine gleichzeitig aber auch Sinnbild dafür, dass Traditionspflege und Alltag sich manchmal gegenseitig ein Bein stellen.

Das ursprüngliche Likörrezept stammt aus dem 17. Jahrhundert. Angeblich hat es Ordensgründer Mechitar damals selbst von Konstantinopel nach Venedig gebracht. Seit die Mechitaristen sich 1811 in Wien niedergelassen haben, verfeinerten sie es aber stetig, ohne wichtige Details wie die Simmerzeiten der Kräuter oder schriftlich festzuhalten. Das alleine wäre ja noch nicht tragisch, wüsste die versammelte Paterschaft Bescheid. Aber dann hätten wir es hier auch nicht mit einem die Neugierde ankurbelnden Geheimnis zu tun, sondern mit einem schlichten Familienrezept. Nein, die Tradition verlangt, dass immer nur zwei Mönche mit der mysteriösen Likörerzeugung betraut sind. Als vor einiger Zeit einer der beiden aktuellen Likör-Patres verstarb, hütete der zweite das Rezept allein. Tragischer Weise konnte er keinen neuen Pater in die rätselhafte Kunst des Mechitharine-Brauens einführen, bevor er im vergangenen Jahr an Demenz erkrankte. Das Rezept entglitt.

Der Hoffnungsschimmer

Damit wollen sich die fünf Mechitaristen, die das Kloster in Wien dauerhaft bewohnen, aber partout nicht abfinden. Müssen sie wahrscheinlich auch nicht. „Das Rezept aus dem 17. Jahrhundert ist erhalten“, erzählt Klosterpfarrer Pater Vahan, während er uns bereitwillig durchs Kloster führt. Es gibt also noch Hoffnung. Natürlich würde eine Mechitharine aus diesem alten Rezept nicht wie der heutige, süß bis würzige Likör schmecken. Aber auch aus dieser Not machen sich die Patres gekonnt eine Tugend: „Wir wollen die Mechitharine darauf zurückbringen, wie sie früher war“, sagt Pater Vahan. „Und dann vielleicht wieder weiterentwickeln.“ Außerdem recherchieren die Patres in ihrem Archiv. Auch da gibt es einige Hinweise auf die Zusammensetzung ihres hochprozentigen Klosterstolzes. Das alleine ist aber noch kein Grund zur Erleichterung: „Selbst wenn man die ganze Liste an Zutaten hat, kann man nicht gleich loslegen. Man muss zuerst wissen, wie lange die Kräuter angesetzt werden müssen“, erklärt Pater Vahan.

Ganz im Sinne der mysteriösen Brautradition drauf los zu experimentieren, ist aber nur begrenzt möglich. Die Zeit drängt. Immerhin neigt sich der Vorrat der von den letzten beiden Patres verfeinerten Mechitharine-Version im Laufe dieses Jahres langsam dem Ende zu. Und damit auch eine wesentliche Einnahmequelle des Klosters: Seit 1889 verkauften die Mechitaristen ihren einzigartigen Kräuterlikör in alle Welt. Was die braubegabten Ordensbrüder früher sogar in einem eigenen Geschäft nahe ihres Klosters unter die Leute brachten, wird heute nur mehr aus einem einzigen, spintähnlichen Schrank verkauft – Ab-Klosterhof.

Unabhängigkeit vom Staat

Die Geschäftstüchtigkeit der Mechitaristen rührt vor allem daher, dass Kaiser Franz I. die Einquartierung des armenisch-katholischen Konvents in dem ehemaligen Kapuzinerkloster an eine Auflage geknüpft hat: Sie durften „seinem Staate in keinem Stück zur Last fallen“, schreibt die Zeit. Gesagt, getan, setzten die ersten Mechitaristen Wiens umgehend alles auf den Buchdruck: Bereits 1812 wurde das erste Buch produziert: Die Biographie der Mutter Gottes. „Man konnte bei uns in mindestens 50 Sprachen drucken“, erzählt Pater Vahan stolz, wenn auch mit etwas Wehmut in der Stimme. Denn die Druckerei war seit der Niederlassung in Wien die Haupteinnahmequelle des Konvents. Nun ist sie bereits seit fast 20 Jahren geschlossen, weil sie sich nicht mehr rentierte. Der linke Trakt des Klosters steht seitdem leer – und erinnert an monetär fruchtbarere Zeiten.

Mechitaristen: Pater Vahan

Pater Vahan Hovagimian. © Alexander Redl

Bevor Fragen nach einer möglichen Zwischennutzung der brachliegenden Räumlichkeiten die Führung ins Stocken bringen, lotst uns Pater Vahan weiter durch das verschachtelte Gebäude. Es ist offensichtlich, dass er den Besuchern des Klosters ein möglichst umfassendes Gesamtbild seiner Schätze vermitteln will. Die Mechitaristen rein auf ihre Mechitharine zu reduzieren, wäre tatsächlich ziemlich kurzsichtig. Allein schon die umfangreiche Sammlung des hauseigenen Museums verlangt nach einem separaten Besuch: Es bräuchte wohl Tage, um sich die alten armenischen Trachten, handgewebten Wandteppiche und die erstaunlichen Münz- und Gesteinssammlungen wirklich genau anzusehen, die sich in diesem unscheinbaren Haus in der Mechitaristengasse verbergen. Für den Moment muss ein Überblick reichen.

Versteckte Schätze

Nur in einem Raum verweilen wir etwas länger. Hier wird der kleine, quirlige Pater plötzlich fast feierlich. Er schlägt mit theatralem Schwung die vergilbte Überwurfdecke über etwas zurück, das davor noch aussah wie eine Kommode. Was sich darunter verbirgt, ist aber alles andere als eine profane Sockenschublade: Hier liegt in einem Glaskasten eine echte ägyptische Mumie in einem bunten Sarkophag. „Ein Armenier, der in Ägypten lebte und dort sogar Außenminister war, hat sie uns testamentarisch vermacht, damit sie hier für wissenschaftliche Zwecke ausgestellt wird.“ Die hell-sonore, behutsam-surrende Stimme Pater Vahans unterstreicht diesen unerwarteten Moment zwischen Mythischem und Skurrilem. Zweites überwiegt, als auf den zweiten Blick eine mumifizierte Katze in einem anderen Glaskasten ins Auge fällt. Sie sollte wohl mit ihrem damaligen Besitzer gemeinsam den Weg alles Irdischen antreten.

Mechitaristen: Maria Schutz

Die Kirche Maria Schutz in der Neustiftgasse. © Alexander Redl

Vielseitige Begabung

Ein kurzes Staunen der Verblüfften. Und schon geht’s weiter. Während Pater Vahan mit uns in die Bibliothek des Klosters marschiert, erzählt er mit verschmitztem Augenzwinkern, dass die Armenier übrigens nicht nur Kräuterlikör können. Sie sollen angeblich sogar das Bier erfunden haben: „Ein römischer Geschichtsschreiber kam nach Armenien und sah, dass man Bambusrohre in unterirdische Krüge gesteckt hatte. Er berichtet, dass man daraus Gerstenwasser getrunken hat, also eigentlich Bier!“ Als wäre das nicht schon an sich Standing-Ovations in jedem Beisel wert, setzt der launige Pfarrer noch eins drauf: „Es wird sogar anekdotisch erzählt, dass das Gebiet des heutigen Armeniens vor der Sintflut gerettet wurde, um dort Wein anzubauen. Also haben die Armenier angeblich auch den Wein erfunden!“ Ja, dem einen oder anderen mag jetzt ein ungläubiges „Jetzt reicht’s aber“ rausrutschen. Doch zumindest zeugt das Händchen der armenischen Patres für ihren Kräuterlikör von gewissem Know-How auf diesem Gebiet.

Selbst dem skeptischsten Besucher versetzt aber spätestens die Bibliothek einen Tritt gegen die Kinnlade. Insgesamt birgt sie über eine halbe Million Werke, darunter Handschriften, Bücher und – fast zu schade für eine bloße Nebenbemerkung – die größte armenische Zeitschriftensammlung der Welt. Ein verspielt geschnitzter Holzschrein im Herzen des Papierblattwaldes und das weiche, gelbe Licht hüllen uns zum Abschied in eine Parallelwelt, die mehr mit zauberhaftem Märchensetting als mit der Betonrealität draußen zu tun hat, in die wir gleich wieder stolpern. Aber nicht ohne mit Pater Vahan anzustoßen und einen kräftigen Schluck von der wärmenden Mechitharine mit in die Kälte zu nehmen. Wir hoffen, es bleibt nicht der letzte.

Ihr wollt mehr Mysteriöses über Wien erfahren? Dann seid ihr bei unseren Wiener Geheimnissen auf einer guten Spur.

Titelbild (c) Alexander Redl

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