Gewürze in Glasbehältern

Zero Waste: Einmal abfüllen, bitte!

Freitag, 30. November 2018 / Lesedauer: ca. 8 Minuten

Zero Waste: Einmal abfüllen, bitte!

Freitag, 30. November 2018 / Lesedauer: ca. 8 Minuten

Das Bedürfnis, unnötiges Verpackungsmaterial zu vermeiden, breitet sich immer stärker aus. In den klassischen Supermärkten ist es aber augenscheinlich immer noch nicht angekommen. Eine Handvoll Läden in Wien bieten eine Alternative. Hier könnt ihr eigene Behälter mitbringen und nur so viel mitnehmen, wie ihr benötigt – ohne Verpackungsmüll.

von Pia Miller-Aichholz

2013 hat Bea Johnson das Konzept Zero Waste mit dem Buch Zero Waste Home zu ihrem gleichnamigen Blog einer breiteren Öffentlichkeit näher gebracht und zum Gesprächsstoff gemacht. Mittlerweile gibt es auch in Wien einige Geschäfte, die sich an dieser Idee orientieren und Kunden eine Alternative zu den herkömmlichen Supermärkten bieten – zur Müllvermeidung, zugunsten der Umwelt. Wir haben dort vorbeigeschaut und mit den Gründern geplaudert.

Lunzers Maß-Greißlerei

Im Jänner 2014 hat Andrea Lunzer den ersten Laden in Wien und überhaupt ganz Österreichs eröffnet, der sich an der Zero-Waste-Philosophie orientiert. Dabei war das Geschäft anfangs nur ein „Experiment“, wie sie selbst sagt, da das Konzept noch vollkommen unerprobt war. Es hätte natürlich schiefgehen können. Ist es aber nicht. 2016 hat Andrea Lunzer es sogar in das New York Times Styles Magazine geschafft. Lunzer’s Maß-Greißlerei liegt nur ein paar Minuten zu Fuß vom Praterstern entfernt in der Heinestraße.

Wie funktioniert’s?

Entweder man bringt selbst Behältnisse mit oder man kauft vor Ort welche. Es gibt auch Papiersäckchen, die man befüllen kann. Zuerst wiegt man die Behälter samt Deckel ab, dann druckt man das Etikett aus und klebt es auf das jeweilige Behältnis. Nun kann man es selbstständig befüllen. An der Kasse wird das gefüllte Gefäß gewogen und das auf dem Etikett ausgewiesene Gewicht abgezogen.

Wie kam’s?

Andrea Lunzer war früher im Marketing in der Bio-Lebensmittelbranche tätig. Irgendwann hat sie festgestellt: Bei vielen Dingen ist eine Verpackung unnötig. „Obst, zum Beispiel, hat schon eine feste Schale“, sagt sie. „Wozu also noch einmal Plastik darüber stülpen?“, hat sie sich gefragt, und als nächstes: „Wie war das eigentlich früher?“ Bei der Konzeption des Geschäftes war ihre Großmutter eine wichtige Informationsquelle.

Was gibt’s?

Hier gibt es ausschließlich Pfandbehälter. Das einzige Einweggebinde – Lunzer nennt es ihr „schwarzes Schaf“ – ist der Wein, denn es gibt noch keine österreichischen Winzer, die Mehrwegflaschen verwenden. Lunzer bietet ein breites Sortiment. Nicht nur die persönliche Betreuung ihrer Kunden durch ihre Mitarbeiter, sondern auch ein fairer Umgang mit Lieferanten ist ihr ein Anliegen. Deshalb kosten viele der ausschließlich biologischen Produkte auch mehr, als wenn man ein entsprechendes Produkt im Supermarkt kauft. „Mir ist es wichtig, dass niemand denkt, wir schrauben die Preise rauf und lassen es uns gut gehen“, sagt Andrea Lunzer. Sie habe weder die Macht, noch die Intention, ihre Lieferanten auszuquetschen, wie es große Konzerne oft tun.

Lunzer legt neben biologischer Herstellung an sich viel Wert auf Regionalität, aber bestimmte Ware, wie Cashew-Nüsse, bekommt sie nur in weiter entfernten Ländern. Neben Nahrungsmitteln bekommt man hier auch Waschmittel und Seife zum Abfüllen, aber auch Holz-Zahnbürsten und andere Alternativen, die dabei helfen, den Abfall im Alltag zu reduzieren. Aber nicht nur einkaufen kann man hier, in Lunzer’s Maßgreißlerei, sondern auch sich zu Mittag mit kleinen Snacks stärken oder Bio-Kaffee trinken und dazu eine Mehlspeise vernaschen.

Heinestraße 33, 1020

Geschäftsansicht

© Lunzer’s Maß-Greißlerei | Markus (KRO)

Elmira

Bevor Elmira Bertagnoli 2017 ihren kleinen veganen Laden mit Bistro eröffnet hat, war sie bereits als Ernährungsberaterin tätig und verkaufte Produkte ihrer Bio-Lebensmittelmarke Lemberona. Elmira behauptet sich mitten in den langgezogenen Wohnbauten auf der Vorgartenstraße neben Eurospar, Billa und Penny. Bisher läuft es gut. Es gibt sogar schon Stammkunden.

Wie funktioniert’s?

Kunden können entweder ihre eigenen Gefäße mitnehmen, oder sie können die Ware in Papiersäckchen füllen, die allerdings etwas kosten. Zuerst wiegen sie die leeren Behälter ab, kleben dann das Etikett mit der Gewichtsangabe auf das Gebinde und befüllen es. An der Kasse wird der volle Behälter gewogen und das Eigengewicht abgezogen.

Wie kam’s?

Elmira Bertagnoli ist Ernährungsberaterin und lebt zusammen mit ihrem Mann vegan. Primär wollte sie mit ihrem Bistro beweisen, dass auch vegane Speisen gut schmecken. Sie möchte außerdem den Ruf von Hülsenfrüchten wiederherstellen, denen oft nachgesagt wird, dass sie Blähungen verursachen.

Was gibt’s?

Zwar ist die unverpackte Ware eigentlich eine Nebenschiene, die Auswahl ist aber mittlerweile dennoch groß. Ansonsten gibt es verpackte Bio- und Fairtrade-Ware, aber auch Obst und Gemüse. Das alles kostet zwar mehr als in anderen Märkten, aber für Elmira Bertagnoli ist Sparen bei Lebensmittel-Qualität Sparen am falschen Ende. Denn: „Jeder fragt, warum Bio- und Fairtrade-Produkte teuer sind. Aber niemand fragt, wieso andere Produkte so billig sind.“ Bertagnoli ist überzeugt, dass unsere Ernährung unsere Gesundheit unmittelbar beeinflusst. Im Bistro gibt es wöchentlich ein Mittagsmenü und sonst eine fixe Speise- und Getränkekarte.

Vorgartenstraße 129-143, 1020

Elmira Ladenansicht

© 1000things | Pia Miller-Aichholz

Warenhandlung

Zwei Schwestern haben sich zusammengetan und ihre eigene Warenhandlung in der Marxergasse eröffnet.

Wie kam’s?

Christiane Wenighofer-Wanits und Stephanie Wanits haben beide zuerst im Cateringbereich gearbeitet – Stephanie Wanits ist selbst Konditorin – und wollten irgendwann ihr eigenes Ding machen. Geplant waren zuerst eigentlich nur ein Café und eine Bäckerei. Nachdem sie sich selbst mit dem Thema Zero Waste auseinandergesetzt hatten, erweiterten sie ihr Konzept auch dank des geräumigen Geschäftslokals, das sie gefunden hatten, um eine Greißlerei.

Wie funktioniert’s?

Entweder man bringt eigene Behälter mit oder man kauft welche vor Ort. Die leeren Behälter wiegt man ab, bevor man sie befüllt. An der Kasse wird das auf dem Etikett ausgewiesene Gewicht vom Gesamtgewicht des vollen Gefäßes abgezogen.

Was gibt’s?

Die Warenhandlung ist vieles: gemütliches Bäckerei-Café, Concept Store mit Kochbüchern, Dekorations-Artikeln, aber auch Seifen und Taschen, und eben Greißlerei mit einer guten Auswahl an unverpackter Ware und Produkten in Einweg-Gläsern. Daneben gibt es aber auch noch Ware, die in Plastik verpackt ist. Viele der Produkte sind bio, aber nicht alle. Wieso das alles so ist, erklären die Schwestern auf ihrer Website. Obst und Gemüse ist an sich verfügbar, es kann aber vorkommen, dass die Ernte schlecht ausfällt und deshalb keine Lieferungen ankommen. Das kennen wir heutzutage durch das Überangebot in Supermärkten gar nicht mehr, sagt Christiane Wenighofer-Wanits. Aber früher war das normal.

Ganz wichtig ist den Schwestern, dass sie direkten Kontakt zu den Produzenten haben und sie fair mit Ab-Hof-Preisen bezahlen. Deswegen kostet die Ware auch eine Spur mehr. „Man weiß eigentlich nicht mehr, was bestimmte Dinge kosten müssten, weil große Unternehmen die Preise drücken“, sagt Wenighofer-Wanits. Den Kaffee gibt’s übrigens auch zum Mitnehmen, allerdings für 40 Cent Aufpreis, es sei denn, man bringt einen eigenen To-Go-Becher mit.

Marxergasse 13, 1030

Warenhandlung

Christiane Wenighofer-Wanits und ihre Schwester Stephanie Wanits betreiben im dritten Bezirk ein Bäckerei-Café mit angeschlossener Greißlerei. © 1000things | Pia Miller-Aichholz

Lieber Ohne

Markus Ivany hat in der IT-Branche gearbeitet, bevor er im November 2017 seinen Zero-Waste-Laden Lieber Ohne eröffnete. Er hat sich dafür mit der Köchin Claudia Mäser zusammengetan, die aus nicht verkauftem Obst und Gemüse täglich Speisen kocht. Eine Handvoll Tische bilden das kleine Bistrot.

Wie kam’s?

Markus Ivany hatte Lebensmittelverschwendung und Verpackungsmüll satt und hat besonders auf Reisen festgestellt, was für ein großes Problem sie darstellen. „In Österreich ist es ja eher ein verstecktes Problem.“ Da läge der Müll nicht so offensichtlich auf der Straße herum. Ivany hatte also die Idee, einen Zero-Waste-Laden aufzumachen und eine gemeinsame Bekannte hat daraufhin den Kontakt zu Claudia Mäser hergestellt. Ivany ist sich dessen bewusst, dass das Einkaufen in kleinen Läden wie seinem eine Einkommensfrage ist. Er wünscht sich mehr politische Unterstützung für Bio-Hersteller, damit die Produkte erschwinglicher werden.

Wie funktioniert’s?

Entweder man bringt eigene Behälter mit oder man kauft im Geschäft welche. Die leeren Gefäße wiegt man ab und befüllt sie dann. An der Kasse wird vom Gesamtgewicht das Eigengewicht abgezogen, das auf dem Etikett ausgewiesen ist.

Was gibt’s?

Gleich beim Betreten von Lieber Ohne fällt das große Sortiment auf. Mit Bio-Ware aus dem herkömmlichen Supermarkt kann der Laden preislich zwar meist nicht mithalten. Dafür ist die Ware zum großen Teil regional. Ausnahmen sind beispielsweise die Gewürze, Bananen (aus Peru), Öle (Olivenöl aus Griechenland) und Tee (der Grüntee ist aus China). In den meisten Fällen richtet sich das Obst- und Gemüseangebot nach der Saison. Daneben bekommt man hier auch Bio-Kosmetik, Waschmittel und Seifen zum Nachfüllen sowie Alltagsgegenstände, die Alternativen zu Plastikprodukten sind – bis hin zu nachhaltigen Wattestäbchen. Fleisch kann immer bis Freitag vorbestellt werden und wird dienstags geliefert – vakuumverpackt, in diesem Fall geht es nicht anders. Es stammt von österreichischen Höfen.

Otto-Bauer-Gasse 10, 1060

Markus Ivany und Claudia Mäser im Geschäft

Für sein Geschäft Lieber Ohne holte Markus Ivany die Köchin Claudia Mäser ins Boot, die aus nicht verkauften Lebensmitteln Gerichte für das kleine Bistrot kreiiert. © 1000things | Pia Miller-Aichholz

MaranVEGAN

Josefine und Stefan Maran sind Bio-Supermarkt-Urgesteine. Zwölf Jahre lang führten sie ihre BioMaran-Läden in Wien. Nach einer kurzen Pause, in der sie selbst vegan wurden, haben sie 2013 einen veganen Supermarkt mit Bistro eröffnet. Der Großteil der Ware ist verpackt, aber Nüsse, getrocknete Beeren, Obst, Gemüse und Hülsenfrüchte gibt es zum Selbstabfüllen. Deshalb darf MaranVEGAN in dieser Aufzählung nicht fehlen.

Stumpergasse 57, 1060

Supermarkt MaranVEGAN

© 1000things | Pia Miller-Aichholz

Der Greißler

2016 eröffnete Alex Obsieger mit nur 25 Jahren seine Greißlerei in der Albertgasse.

Wie kam’s?

Alex Obsieger war auf dem besten Weg dahin, Binnenschifffahrtskapitän zu werden, bevor er den Beschluss fasste, etwas zum Erhalt der Umwelt beizutragen, anstatt „im Kreis herum zu fahren“ und mit der Schifffahrt seinen ökologischen Fußabdruck zu vergrößern. Er wollte mit seiner Energie noch mehr machen als als Kapitän nur mehr Gehaltsstufen hinaufzusteigen. Also stieg er nach zehn Jahren auf dem Wasser um und wurde Greißler. Die Idee war, einen ökologischen Betrieb aufzubauen und sich mit seinem Angebot von herkömmlichen Supermärkten abzuheben. Einerseits tut er das, indem er auf Verpackung verzichtet.

Wie funktioniert’s?

Wer seinen eigenen Behälter mitnimmt, wiegt ihn ab und befüllt ihn. An der Kasse wird vom Gesamtgewicht das vorher gewogene Eigengewicht abgezogen. Für den Fall, dass man kein Gefäß mithat, hat Alex Obsieger Einweg-Behälter auf Lager, die Kunden ausgewaschen vorbeibringen. Damit sein Vorrat nicht ausgeht, bittet er immer wieder darum, dass Kunden saubere Behälter vorbeibringen, die sie nicht mehr benötigen.

Was gibt’s?

Auch hier kostet die Ware mehr als im herkömmlichen Supermarkt nebenan. Und auch Obsieger begründet das mit der Qualität seines umfangreichen Sortiments  und damit, dass die Produzenten fair bezahlt werden. Denn eines müsse man schon bedenken, sagt er: „Für die billige Ware im Supermarkt zahlt auf alle Fälle jemand den Preis, den der Kunde nicht zahlt.“ Alex Obsieger konzentriert sich auf regionale und saisonale Ware, mit Ausnahme von Bananen, die er das ganze Jahr über führt, und abgesehen von Produkten, die man nur in bestimmten Regionen bekommt – zum Beispiel Cashew-Nüsse. Überreife Früchte bekommt man hier schon einmal etwas billiger. Fleckige Bananen etwa sind um 50 Prozent billiger.

Was nicht rechtzeitig weg kommt, verkocht wöchentlich das thailändische Restaurant Mamamon nebenan. Dieses Zero-Waste-Menü ist dann in der Greißlerei zu haben, solange der Vorrat reicht – und zwar für den Preis, derdem Kunden das Essen wert ist. Obsieger sagt, er versuche, seinen Kunden mehr zu bieten als schlichtes Einkaufen. Deswegen ist er „der Leiwandste“, sagt er und lacht. Das fänden auch die Kunden. Sie dürfen kosten, sollen sich Zeit nehmen, bewusst kaufen und können im Greißler auch Kaffee trinken. Fleisch gibt es auf Bestellung. Entweder man bestellt am Dienstag und bekommt das Fleisch am Freitag, oder anders herum. Über einen Whatsapp-Service informiert Obsieger seine Kunden über frisch eingetroffene Ware. Zu Weihnachten dient der Whatsapp-Service gleichzeitig als Adventkalender.

Albertgasse 19, 1090

Alex Obsieger hinter der Theke in der Greißlerei

Anstatt Kapitän, wurde Alex Obsieger Greißler. © 1000things | Pia Miller-Aichholz

Interessiert euch auch unser Whatsapp-Service? Dann abonniert ihn doch gleich und lasst euch täglich von uns mit praktischen Informationen und tollen Beiträgen versorgen. Wir haben außerdem einige Tipps für euch gesammelt, wie ihr abgesehen vom Lebensmitteleinkauf im Alltag euren ökologischen Fußabdruck verkleinern könnt.

Beitragsbild: © Lunzer’s Maß-Greißlerei | Julia Fuchs

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