Gewürze in Glasbehältern

Zero Waste: Einmal abfüllen, bitte!

Freitag, 30. November 2018 / Lesedauer: ca. 7 Minuten

Zero Waste: Einmal abfüllen, bitte!

Freitag, 30. November 2018 / Lesedauer: ca. 7 Minuten

Das Bedürfnis, Verpackungsmaterial beim Einkaufen möglichst zu vermeiden und auch Lebensmittelabfälle zu reduzieren, breitet sich immer stärker aus. In den klassischen Supermärkten kommt die Idee in baby steps an. Eine Handvoll Läden in Wien bieten eine Alternative. Hier könnt ihr eigene Behälter mitbringen und nur so viel mitnehmen, wie ihr benötigt.

von Pia Miller-Aichholz

*Die Corona-Krise hat uns nach wie vor fest im Griff. Wir bemühen uns, unsere Artikel möglichst aktuell und unsere Tipps Covid-konform zu halten. Da sich die Maßnahmen aber laufend ändern, zählen wir ebenso stark auf eure Eigenverantwortung und Solidarität. Tragt eure Masken und haltet Abstand, damit wir diese Krise möglichst schnell überwinden und danach wieder umso ausgelassener zusammen feiern können.

UPDATE: September 2020

2013 hat Bea Johnson das Konzept von Zero Waste mit dem Buch Zero Waste Home zu ihrem gleichnamigen Blog einer breiteren Öffentlichkeit näher gebracht und zum Gesprächsstoff gemacht. Mittlerweile gibt es auch in Wien einige Geschäfte, die sich an dieser Idee orientieren und Kunden und Kundinnen eine Alternative zu den herkömmlichen Supermärkten bieten – zur Müllvermeidung, zugunsten der Umwelt. Wir haben dort vorbeigeschaut. Das Konzept ist grundsätzlich immer dasselbe: Zuerst wiegt man die selbst mitgebrachten oder vor Ort gekauften Behälter samt Deckel ab, dann druckt man das Etikett aus und klebt es auf das jeweilige Gefäß. Nun kann man es selbstständig befüllen. An der Kasse wird das gefüllte Gefäß gewogen und das auf dem Etikett ausgewiesene Gewicht abgezogen.

Lunzers Maß-Greißlerei

Im Jänner 2014 hat Andrea Lunzer den ersten Laden in Wien und überhaupt ganz Österreichs eröffnet, der sich an der Zero-Waste-Philosophie orientiert. Andrea Lunzer war früher im Marketing in der Bio-Lebensmittelbranche tätig. Irgendwann hat sie festgestellt: Bei vielen Dingen ist eine Verpackung unnötig. „Obst, zum Beispiel, hat schon eine feste Schale“, sagt sie. „Wozu also noch einmal Plastik darüber stülpen?“, hat sie sich gefragt, und als nächstes: „Wie war das eigentlich früher?“ Bei der Konzeption ihrer Maß-Greißlerei war ihre Großmutter eine wichtige Informationsquelle. Dabei war das Geschäft anfangs nur ein Experiment, wie sie selbst sagt, da das Konzept noch vollkommen unerprobt war. Es hätte natürlich schiefgehen können. Ist es aber nicht. 2016 hat Andrea Lunzer es sogar in das New York Times Styles Magazine geschafft. Lunzer’s Maß-Greißlerei liegt nur ein paar Minuten zu Fuß vom Praterstern entfernt in der Heinestraße. Entweder man bringt selbst Behältnisse mit oder man kauft vor Ort welche. Es gibt auch Papiersäckchen, die man befüllen kann.

Wenn man Produkte fertig abgefüllt kauf, befinden sich die ausschließlich in Pfandbehältern – etwa Joghurt oder Milch. Das einzige Einweggebinde – Lunzer nennt es ihr „schwarzes Schaf“ – ist der Wein, denn es gibt noch keine österreichischen Winzer, die Mehrwegflaschen verwenden. Lunzer bietet ein breites Sortiment. Nicht nur die persönliche Betreuung ihrer Kunden und Kundinnen durch ihr Verkaufsteam, sondern auch ein fairer Umgang mit Lieferanten und Lieferantinnen ist ihr ein Anliegen. Deshalb kosten viele der ausschließlich biologischen Produkte auch mehr, als wenn man ein entsprechendes Produkt im Supermarkt kauft. „Mir ist es wichtig, dass niemand denkt, wir schrauben die Preise rauf und lassen es uns gut gehen“, sagt Andrea Lunzer. Sie habe weder die Macht, noch die Intention, ihre Lieferpartner und -partnerinnen auszuquetschen, wie es große Konzerne oft täten. Lunzer legt neben biologischer Herstellung an sich viel Wert auf Regionalität, wie sie sagt, aber bestimmte Ware, wie Cashew-Nüsse, bekommt sie nur in weiter entfernten Ländern. Neben Nahrungsmitteln bekommt man in ihrer Maß-Greißlerei Haushaltsgegenstände wie Waschmittel und Seife zum Abfüllen, aber auch Holz-Zahnbürsten, Menstruationskappen und andere Alternativen, die dabei helfen, den Abfall im Alltag zu reduzieren. Aber nicht nur einkaufen kann man in hier, sondern sich auch zu Mittag mit kleinen Snacks stärken oder Bio-Kaffee trinken und dazu eine Mehlspeise vernaschen. Seit dem Frühjahr neu im Sortiment: Soja-Produkte im Glas.

Heinestraße 33, 1020

Geschäftsansicht

(c) Markus (KRO) | Lunzer’s Maß-Greißlerei

Elmira

Bevor Elmira Bertagnoli 2017 ihren kleinen veganen Laden mit Bistro eröffnet hat, war sie bereits als Ernährungsberaterin tätig, lebte mit ihrem Mann zusammen vegan und verkaufte Produkte ihrer Bio-Lebensmittelmarke Lemberona. Mit ihrem Bistro wollte sie primär beweisen, dass auch vegane Speisen gut schmecken und außerdem den Ruf von Hülsenfrüchten verbessern, denen oft nachgesagt wird, sie verursachten Blähungen. Elmira behauptet sich seitdem mitten von langgezogenen Wohnbauten auf der Vorgartenstraße neben Eurospar, Billa und Penny. Bisher läuft es gut. Es gibt sogar schon Stammkunden. Wer zum Einkaufen vorbeikommt bringt entweder selbst Gefäße mit oder kauft Papiersäckchen zum Abfüllen. Zwar ist die unverpackte Ware eine Nebenschiene, die Auswahl ist aber mittlerweile dennoch groß. Daneben gibt es verpackte Bio- und Fairtrade-Ware, aber auch gelegtes Obst und Gemüse. Das alles kostet mehr als in anderen Märkten, aber für Elmira Bertagnoli ist Sparen bei Lebensmittel-Qualität Sparen am falschen Ende: „Jeder fragt, warum Bio- und Fairtrade-Produkte teuer sind. Aber niemand fragt, wieso andere Produkte so billig sind.“ Im Bistro gibt es wöchentlich ein Mittagsmenü und sonst eine fixe Speise- und Getränkekarte.

Vorgartenstraße 129-143, 1020

Elmira Ladenansicht

(c) Pia Miller-Aichholz | 1000things

Warenhandlung Wenighofer & Wanits

Die beiden Schwestern Christiane Wenighofer-Wanits und Stephanie Wanits haben beide zuerst im Cateringbereich gearbeitet und wollten irgendwann ihr eigenes Ding machen. Also haben sie sich zusammengetan und ihre Warenhandlung in der Marxergasse eröffnet. Geplant waren zuerst eigentlich nur ein Café und eine Bäckerei – Stephanie Wanits ist Konditorin. Nachdem sie sich selbst mit dem Thema Zero Waste auseinandergesetzt hatten, erweiterten sie ihr Konzept um eine Greißlerei, auch dank des geräumigen Geschäftslokals, das sie gefunden hatten. Die Warenhandlung ist nun vieles: gemütliches Bäckerei-Café, Concept Store mit Kochbüchern, Dekorations-Artikeln, aber etwa auch Seifen, Taschen und Blumen, und eben Greißlerei mit einer Auswahl an unverpackter Ware und Produkten in Einweg-Gläsern. Daneben gibt es aber auch noch ein paar Produkte, die in Plastik verpackt ist. Viele der Produkte sind bio, aber nicht alle. Wieso das alles so ist, erklären die Schwestern auf ihrer Website.

Obst und Gemüse sind an sich verfügbar, es kann aber vorkommen, dass die Ernte schlecht ausfällt und deshalb keine Lieferungen ankommen. „Das kennen wir heutzutage durch das Überangebot in Supermärkten gar nicht mehr“, sagt Christiane Wenighofer-Wanits. Aber früher wäre das normal gewesen. Ganz wichtig ist den Schwestern, dass sie direkten Kontakt zu den Produzenten und Produzentinnen haben und sie fair mit Ab-Hof-Preisen bezahlen. Deswegen kostet die Ware auch eine Spur mehr, als im Supermarkt. „Man weiß eigentlich nicht mehr, was bestimmte Dinge kosten müssten, weil große Unternehmen die Preise drücken“, sagt Wenighofer-Wanits. Den Kaffee gibt’s übrigens auch zum Mitnehmen, allerdings für 40 Cent Aufpreis auf den ausgeschriebenen Preis, wenn man nicht einen eigenen Becher mitbringt.

Marxergasse 13, 1030

Warenhandlung

Christiane Wenighofer-Wanits und ihre Schwester Stephanie Wanits betreiben im 3. Bezirk ein Bäckerei-Café mit angeschlossener Greißlerei. (c) Pia Miller-Aichholz | 1000things

Lieber Ohne

Markus Ivany arbeitete lange in der IT-Branche, bevor er im November 2017 seinen Zero-Waste-Laden Lieber Ohne eröffnete. hatte Lebensmittelverschwendung und Verpackungsmüll satt und hat besonders auf Reisen festgestellt, was für ein großes Problem sie darstellen. „In Österreich ist es ja eher ein verstecktes Problem.“ Da läge der Müll nicht so offensichtlich auf der Straße herum. Ivany hatte also die Idee, einen Zero-Waste-Laden aufzumachen und eine gemeinsame Bekannte hat daraufhin den Kontakt zu Köchin Claudia Mäser hergestellt. Diese verkocht täglich nicht verkauftes Obst und Gemüse zu frischen Speisen. Eine Handvoll Tische bilden das kleine Bistrot, in dem man sie genießen kann. Gleich beim Betreten von Lieber Ohne fällt das große Sortiment auf. Mit Bio-Ware aus dem herkömmlichen Supermarkt kann der Laden preislich zwar meist nicht mithalten. Dafür ist die Ware zum großen Teil regional. Ausnahmen sind beispielsweise die Gewürze, Bananen (aus Peru), Öle (Olivenöl aus Griechenland) und Tee (der Grüntee ist aus China). In den meisten Fällen richtet sich das Obst- und Gemüseangebot nach der Saison. Daneben bekommt man hier auch Bio-Kosmetik, Waschmittel und Seifen zum Abfüllen sowie Alltagsgegenstände, die Alternativen zu Plastikprodukten sind – bis hin zu nachhaltigen Wattestäbchen. Fleisch kann bis Dienstag Abend beziehungsweise bis Freitag Abend vorbestellt werden und ist dann ab Freitag Mittag beziehungsweise Dienstag Mittag abzuholen – vakuumverpackt, in diesem Fall geht es nicht ohne Plastik. Die Fleischwaren stammen von österreichischen Höfen. Markus Ivany ist sich dessen bewusst, dass das Einkaufen in kleinen Läden wie seinem eine Einkommensfrage ist. Er wünscht sich daher mehr politische Unterstützung für Bio-Hersteller, damit die Produkte erschwinglicher werden.

Otto-Bauer-Gasse 10, 1060

Markus Ivany und Claudia Mäser im Geschäft

Für sein Geschäft Lieber Ohne holte Markus Ivany die Köchin Claudia Mäser ins Boot. (c) Pia Miller-Aichholz | 1000things

MaranVEGAN

Josefine und Stefan Maran sind Bio-Supermarkt-Urgesteine. Zwölf Jahre lang führten sie ihre BioMaran-Läden in Wien. Nach einer kurzen Pause, in der sie selbst vegan wurden, haben sie 2013 einen veganen Supermarkt mit Bistro eröffnet. Der Großteil der Ware ist verpackt, aber Nüsse, getrocknete Beeren, Obst, Gemüse und Hülsenfrüchte gibt es zum Selbstabfüllen beziehungsweise unverpackt. Deshalb darf MaranVEGAN in dieser Aufzählung nicht fehlen.

Stumpergasse 57, 1060

Supermarkt MaranVEGAN

(c) Pia Miller-Aichholz | 1000things

Der Greißler

2016 eröffnete Alex Obsieger mit nur 25 Jahren seine Greißlerei in der Albertgasse. Seit August gibt es nun auch einen Ableger im 4. Bezirk. Vor seiner Greißler-Laufbahn war er auf dem besten Weg dahin, Binnenschifffahrtskapitän zu werden. Aber er fasste den Beschluss, etwas zum Erhalt der Umwelt beizutragen, anstatt „im Kreis herum zu fahren“ und mit der Schifffahrt seinen ökologischen Fußabdruck zu vergrößern. Er wollte mit seiner Energie noch mehr machen als als Kapitän nur mehr Gehaltsstufen hinaufzusteigen. Also stieg er nach zehn Jahren auf dem Wasser um und wurde Greißler. Die Idee war, einen ökologischen Betrieb aufzubauen und sich mit seinem Angebot von herkömmlichen Supermärkten abzuheben. Zum Teil tut er das, indem er auf Verpackung verzichtet. Auch hier kostet die Ware mehr als im herkömmlichen Supermarkt nebenan. Und Obsieger begründet das ebenfalls mit der Qualität seines umfangreichen Sortiments und damit, dass die Produzenten und Produzentinnen fair bezahlt werden. Denn eines müsse man schon bedenken: „Für die billige Ware im Supermarkt zahlt auf alle Fälle jemand den Preis, den der Kunde nicht zahlt.“

Alex Obsieger legt Wert auf auf regionale und saisonale Ware, mit Ausnahme von Produkten, die man nur in bestimmten Regionen bekommt – zum Beispiel Bananen und Cashew-Nüsse. Überreife Früchte bekommt man hier schon einmal etwas billiger, fleckige Bananen etwa kosten halb so viel wie ihre noch rein-gelben Kolleginnen. Was nicht rechtzeitig weg kommt, verkocht im 9. Bezirk wöchentlich das thailändische Restaurant Mamamon nebenan. Dieses Zero-Waste-Menü ist dann in der Greißlerei zu haben solange der Vorrat reicht – und zwar für den Preis, der dem Kunden oder der Kundin das Essen wert ist. Obsieger sagt, er versuche, seiner Kundschaft mehr zu bieten als schlichtes Einkaufen. Deswegen sei er „der Leiwandste“ unter den Zero-Waste-Läden, sagt er und lacht. Das fänden auch die Kunden und Kundinnen. Sie dürfen kosten, sollen sich Zeit nehmen, bewusst kaufen und können im Greißler auch Kaffee trinken. Fleisch gibt es auf Bestellung. Entweder man bestellt am Dienstag und bekommt das Fleisch am Freitag, oder anders herum. Über einen Whatsapp-Service informiert Obsieger seine Kunden über frisch eingetroffene Ware.
Für den Fall, dass man kein Gefäß mithat, hat Alex Obsieger Einweg-Behälter auf Lager, die Kunden und Kundinnen ausgewaschen vorbeibringen. Damit sein Vorrat nicht ausgeht, bittet er immer wieder darum, dass man saubere Behälter vorbeibringt, die man nicht mehr benötigt.

Margaretenstraße 44/ Ecke Heumühlgasse, 1040 | Albertgasse 19, 1090

Alex Obsieger hinter der Theke in der Greißlerei

Statt Kapitän wurde Alex Obsieger Greißler im 9. Bezirk. (c) Pia Miller-Aichholz | 1000things

Auch in Niederösterreich habt ihr ein paar Möglichkeiten, unverpackte Ware einzukaufen. Aber nicht nur beim Einkaufen könnt ihr euren ökologischen Fußabdruck verkleinern.

(c) Beitragsbild | Julia Fuchs | Lunzer’s Maß-Greißlerei

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