Wiener Prater Tiergarten

Der längst vergessene Zoo im Wiener Prater

Dienstag, 10. April 2018 / Lesedauer: ca. 6 Minuten

Der längst vergessene Zoo im Wiener Prater

Dienstag, 10. April 2018 / Lesedauer: ca. 6 Minuten

Das Krokodil bei Fuß, die Schlange um den Hals – was heute klingt wie der Auftritt eines James-Bond-Bösewichts, war im Zoo des Wiener Praters Tagesgeschäft. Die Geschichte seines exotischen Durcheinanders ist nach seiner Schließung 1979 zwar in Vergessenheit geraten, aber wir lassen sie wieder aufleben.

von Viktoria Klimpfinger

„Das ist er, der Jerry“, sagt Gabriele Nemec. „Schön war er ja wirklich nicht. Aber immerhin ein afrikanischer Nackthund. Wo sieht man den heutzutage noch?“ Von 1946 bis 1979 betrieben ihr Onkel und ihre Tante im Wiener Prater einen Zoo: Wo jetzt das Blumenrad steht, war damals eine Halle voller Tiere. Heute erinnert kaum noch etwas daran. Außer die überdimensionalen Familienalben, die ihr Mann Fredo Nemec bedacht auf dem Küchentisch ausbreitet.

Wiener Prater: Tiergarten

Jerry, der afrikanische Nackthund. (c) Familie Nemec

Und der afrikanische Nackthund ist hier bei Weitem nicht das Letzte, womit man beim Foto-Blättern rechnet. Wuchtig prallt der Deckel des ersten Albums auf den Tisch und schon zwinkert einem Frau Nemec’ Onkel, Herr Feigel, entgegen – nicht alleine, nie alleine: Mit Riesenschlange Murli um den Hals steht er auf einem Podest im Prater Parade. So sagt man das. Paradestehen. Seine Lockrufe und die Schlange sollten die Besucher in den Tiergarten locken. Oder man sieht ihn lächelnd, Daumen nach oben über Krokodil Fritzi gebeugt, als wäre es nicht fähig, ihm den Daumen im nächsten Moment abzuschnappen. Sowas ist aber auch nie passiert, versichert Frau Nemec.

Wiener Prater: Zoo

Herr Feigel auf Parade mit Schlange Murli. (c) Familie Nemec

Eine Familie der besonderen Art(en)

Dass Exoten wie Krokodile oder Schimpansen nicht ab und zu ausrasteten in Käfigen aus einer Zeit, in der von Tier- und Artenschutz noch kaum die Rede sein konnte? Kaum vorstellbar. Aber die Feigels achteten eben behutsam auf ihre exotischen Untermieter: Ein Tierarzt ging bei ihnen ein und aus. Frau Feigel kümmerte sich um jedes Puma-Baby und Krokodil-Kind persönlich.

Wiener Prater Zoo

Feigel mit Leoparden-Babys. (c) Familie Nemec

Wahrscheinlich war es genau das Leben Schulter an Pfote an Huf, das die Big-Band-Ausgabe der Bremer Stadtmusikanten auf sonderbare Weise zusammenschweißte: „Weil die Käfige so beengt waren, waren die Tiere oft bei der Familie dabei. Meine Tante hat mit jedem Tier geredet, alle gekannt. Ich habe alle gekannt. Das war normal“, erinnert sich Frau Nemec. Und wenn in einem Käfig mit zwölf Affen doch mal die Rauferei losbrach, spritzte man sie eben mit dem Gartenschlauch wieder auseinander. Mit leichtem Kopfschütteln, Schulterzucken und einem manchmal über ihre eigenen Erinnerungen verwunderten Lächeln lässt Frau Nemec Revue passieren, was aus heutiger Sicht kaum mehr vorstellbar ist.

Prater-Zoo: Ansichtskarte

Ansichtskarte vom Prater-Tiergarten. (c) Familie Nemec

„Tiere bitte streicheln!“

Die Wiener nannten ihren skurrilen Tiergarten den Streichelzoo oder Taschenzoo von Wien. Denn auch die zahlreichen Besucher konnten dort fast alle Tiere betätscheln, sogar die exotischen. Berührungsängste gab es einfach nicht: „Wenn das Krokodil von A nach B musste, hat es einer vorne genommen und einer hinten am Schwanz – und geh ma!“ Frau Nemec grinst.

Prater Wien: Tiergarten

Junger Mann mit Krokodil Fritzl. (c) Familie Nemec

Mit der Riesenschlange machte man es sich deutlich leichter: Sie war gelegentlicher Co-Star von Tänzerin Marika Röck. Also packte man sie in den Rucksack, brachte sie quer durch Wien ins Theater, und nach der Show wieder retour. Damals ging das eben.

Marika Röck: Tiergarten Wiener Prater

Marika Röck mit der Schlange aus dem Prater-Zoo. (c) Familie Nemec

Wenn der Affe abpascht…

Doch so sehr Friede, Freude, Hundekuchen war schließlich auch nicht alles. Denn die locker-lässige Haltung der Exoten führte zu einigen schlagzeilenfüllenden Ausrissen: „Pansi suchte Zucker im Prater – Schimpanse riss aus Praterzoo aus“ titelt die Headline eines Zeitungsartikels im Familienalbum. Die beiden Nemec’ prusten bei der Erinnerung kurz auf. Passiert ist nie was, ein Mordstratra war’s jedes Mal. „Den Schimpansen haben sie einmal sogar erst am Praterstern gefunden“, erzählt Herr Nemec mit leichter Bewunderung – für den fest entschlossenen Ausreißer oder dafür, was damals alles möglich war. Gefunden wurden sie aber immer: „Wenn irgendwo ein Affe unterwegs war, konnte der nur zum Tiergarten gehören. Man hätte sich gar nicht gefragt, ob der vielleicht jemandem privat gehört. Heute ist das was anderes.“

Wiener Prater: Zoo

Schimpanse Pansi. (c) Familie Nemec

…oder mit Kot um sich wirft

Die Zoo-Leitung also alles andere als ein Zuckerwürfel-Schlecken. Schimpansin Susi zum Beispiel war so auf ihre Besitzer fixiert, dass sie aus Eifersucht andere Menschen wegekelte. Auch Frau Nemec, die als junges Mädchen viel Zeit bei Onkel und Tante im Zoo verbrachte: „Wenn ich in der Nähe war, hat sie sich in die Hand geschissen und gewartet, bis ich vorbeikomme. Dann hat sie mich abgeschossen.“

Prater Wien: Tiergarten

Schimpansin Susi. (c) Familie Nemec

Die enge Beziehung der Feigels zu ihren Tieren beruhte also in vielen Fällen auf Gegenseitigkeit. Das ist natürlich auch eine unglaubliche Verpflichtung. Wenn Frau Nemec von ihrer Tante erzählt, spürt man die große Ehrfurcht, die sie vor ihrer Hingabe an den Zoo hat. Leben auf großem Fuß oder auch nur mal ein Urlaub waren nicht drin. Und als die beiden endlich mal einen Abend frei nahmen und ausgingen, fanden sie bei der Rückkehr ihre Pferde, niedergestochen von wer weiß wem. „Ich sehe das heute noch vor mir“, sagt Frau Nemec bang. „Das waren fast nur weiße Lipizzaner, dampfend, überall das Blut.“ Glücklicherweise haben die Pferde die Attacke überlebt. Aufgeklärt hat sich das Ganze nie.

Alteingesessene im Wiener Prater

Mit dem Prater ist Familie Nemec bis heute fest verwurzelt. Sie betreibt dort das älteste Karussell: die Prater Marina. Unter Praterfamilien wird das Fahrgeschäft üblicherweise wie in großen Herrscherfamilien von Generation zu Generation weitergegeben.

Wiener Prater Zoo: Prater Marina

Vor der Prater Marina. (c) Familie Nemec

Aus einer dieser alteingesessenen Dynastien, der Feigel-Familie, stammte Frau Nemec’ Onkel. „Meine Tante hat ihn im Prater kennengelernt, sich verliebt und ihn geheiratet. Und dann hat sie sich ein Leben lang mit den Tieren abgerauft.“ Aber wie kommt man als Mitteleuropäerin in der Mitte des 20. Jahrhunderts überhaupt dazu, Puma-Babys mit dem Fläschchen aufzuziehen?

Wie alles begann

Angefangen hat alles mit einem Kärntner Bauernbuben und seinem Schimpansen. „Da Weberitsch“ hatte nämlich eine Schwäche für Tiere aller Art und hat alles, was kreucht und fleucht, bei sich zuhause gehortet. Besonders Schimpanse „Pansi“ war offenbar eine Nummer für sich. In den Nemec-Familienchroniken sieht man ihn Hand in Hand mit dem Weberitsch spazieren gehen. Und auch beim Weberitsch zuhause war er nicht weniger als ein stärker behaartes Familienmitglied: Er saß mit seinen Menschen am Tisch, aß aus Tellern, putzte sich die Zähne und wusch sich die Hände – eben ein Affe mit Format. Als der Zirkus Rebernigg in Kärnten gastierte, wollte der Betreiber Pansi kaufen. Da es den Affen aber nicht ohne Weberitsch gab, warb der Rebernigg den Weberitsch als Begleiter an und schon ging’s ab nach Wien.

Wiener Prater: Alter Tiergarten Weberitsch

Herr Weberitsch und Schimpanse Pansi. (c) Familie Nemec

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs suchte der Prater nach Ausstellern und wandte sich an den Zirkus, der inzwischen zerbombt und wieder aufgebaut worden war. Weil der Rebernigg wiederum eh nicht wusste, wohin mit den vielen Tieren, schlug er dem Prater einen Tiergarten vor, dem er seine Tiere ausleihen würde. „Also hat mein Onkel mit seinem Vater angefangen, den Tiergarten aufzubauen“, sagt Frau Nemec. Als der alte Rebernigg starb, vererbte er alle Tiere dem Zoo und damit den Feigels. Tierischen Nachschub bekamen sie über die Jahre von anderen Tiergärten und einem ominösen Tierhändler bei Tulln. Frau Nemec war als Kind das eine oder andere Mal dabei und erklärt mit gedämpfter Stimme: „Der hat die Tiere irgendwo auf der Welt gekauft.“ Wieder schüttelt sie lächelnd den Kopf, wieder geraten einzigartige Kindheitserinnerungen mit der heutigen Sicht auf die Dinge in Konflikt.

Tierliebe vs. Tierschutz

Irgendwann musste der Tierschutz bei Mini-Käfigen und Durcheinander schließlich aktiv werden. Als sich die Probleme und Beschwerden häuften, beschlossen die Feigels schließlich, alle Tiere zu verkaufen und den Tiergarten dicht zu machen. Auch heute noch kann Frau Nemec die Wehmut in der Stimme nicht verbergen, wenn sie davon erzählt. „Für meinen Onkel und meine Tante war es halt nicht verständlich. Sie liebten ihre Tiere abgöttisch.“

Wiener Prater Tiergarten: Taschenzoo

„Das war einer meiner Lieblinge. Der hat sich mit Armen, Beinen und Schweif an einem festgehalten, wenn man die Hand ausgestreckt hat“, sagt Frau Nemec. (c) Familie Nemec

Gerade bei einer derart persönlichen Beziehung zu den Tieren war der Abschied sicher schwer – man kennt das ja vom eigenen Haushasen oder Hamster, den man über die Jahre ins Herz geschlossen hat und der plötzlich „an einen besseren Ort“ kommt. Aber einen ganzen Zoo mit derselben emotionalen Intensität zu führen, mit der andere ihre Meerschweinchen überschütten, ist vielleicht nicht unbedingt die ideale Herangehensweise. Auch Frau Nemec räumt immer wieder ein, dass unter den damaligen Haltungsbedingungen ein wachsamer Tierschutz schlichtweg notwendig war: „Es ist schon gut, dass das alles heute anders ist.“

Ihr denkt, so etwas wäre heute nicht mehr möglich? Dann schaut euch doch mal diesen Streichelzoo Marke Eigenbau an. Wenn ihr mehr über das vergessene Wien erfahren wollt, sind sicher unsere Wiener Geheimnisse etwas für euch.

Facebook- und Beitragsbild (c) Familie Nemec

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