Unser Senf: 2020 won – haben wir uns zu früh gefreut?

Samstag, 9. Januar 2021 / Lesedauer: ca. 3 Minuten

Unser Senf: 2020 won – haben wir uns zu früh gefreut?

Samstag, 9. Januar 2021 / Lesedauer: ca. 3 Minuten

Weil ein bisschen Würze im Leben nie schaden kann, geben wir euch mit dieser Kolumne regelmäßig unseren Senf dazu: Wir erzählen euch, was uns beschäftigt, was uns nervt und was uns zum hysterischen Lachen bringt. Eure Käsekrainer könnt ihr zwar nicht darin eintunken, aber dafür ist unser Senf auch gratis. Dieses Mal überlegt unsere Redakteurin, ob wir uns vom Jahreswechseln vielleicht zu viel erhofft haben.

von Viktoria Klimpfinger

*Wir wollen euch auch während der aktuellen Maßnahmen inspirieren und versuchen, unsere Artikel laufend Covid-konform upzudaten. Bitte haltet euch weiterhin an die Maßnahmen. Nur wenn wir jetzt zusammenhalten und aufeinander schauen, können wir möglichst bald wieder all diese Inspiration gemeinsam genießen und zu einem halbwegs normalen Alltag zurückkehren.

Das beste am Jahr 2020 war, dass es endlich vorbei ist. Darin war sich das Internet großflächig und global einig. Aber je euphorischer man das alte Jahr in die Tonne trat, desto mehr wuchs natürlich auch die Vorfreude aufs neue. Logisch, irgendwas muss ja folgen, so funktionieren Kalender nun einmal. Und nach dem Es-kann-ja-nur-besser-werden-Prinzip kann es ja nur besser werden, so die vorherrschende Meinung. Wobei das nur zutrifft, wenn es wirklich nicht mehr schlimmer werden kann. Aber ein anderes Westentaschen-Prinzip lehrt uns: Schlimmer geht immer. Wenn es also immer schlimmer geht, kann es folglich nie nur besser werden. Deprimierend, ich weiß.

Das Glas kann nur voller werden

Aber alle hier grundlegend zu deprimieren, ist natürlich nicht meine Absicht. Hier also der Silberstreif am düsteren Horizont: Das ist natürlich alles relativ. Denn ob es wirklich nur noch besser werden kann oder nicht vielleicht doch noch ein bisserl schlimmer gehen würde, das obliegt der subjektiven Wahrnehmung. Ähnlich wie die Frage, ob das Glas denn nun halb voll oder halb leer ist. In Wahrheit ist es bloß ein Behältnis, dessen Hohlraum zur Hälfte mit Flüssigkeit ausgefüllt ist. Aber das drückt schon wieder die Stimmung. Also sagen wir einfach: Es ist halb voll und kann nur voller werden. Schön.

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Mit diesem humpelnden Lamento über absolute oder relative Tiefpunkte und den Flüssigkeitsstand in fiktiven Trinkbehelfen will ich eigentlich bloß darauf hinaus, dass die Vorfreude aufs neue Jahr und der Grant aufs alte mir heuer etwas zu absolut daherkamen für die Relativistin in mir. Denn es lag natürlich auf der Hand, dass nicht automatisch mit dem Umstellen der Kalender auch der Wind dreht. Immerhin sind es nur Zahlen, auf denen wir uns rund um Silvester Jahr für Jahr aufhängen: 2020, 2021, 2022. Es sei denn, man spricht sie auf Englisch aus, dann könnte man 2021 auch uminterpretieren zu: „2020 won, 2020, too“, wie es durch die sozialen Medien hallt. Autsch, das drückt schon wieder auf die Stimmungsdrüse.

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Jänner ist Jänner ist Februar?

Aber so fühlt sich dieser Jänner eben auch an: irgendwie schaumgebremst. Noch schaumgebremster als sonst. Denn mal ehrlich, der Jänner ist ohnehin der Klotz am Bein so ziemlich jeden Jahres: Man muss sich noch sortieren, hat in den ersten Tagen bereits mehr gute Vorsätze wieder verworfen als umgesetzt und torkelt, benommen von der Überdosis an obligatorischer Quality Time mit sämtlichen Familienmitgliedern, ins neue Jahr, das gefühlt eh erst im Februar so richtig Fahrt aufnimmt, wenn endlich alle halbwegs ihren Rhythmus wiedergefunden haben. Den Jänner könnte man also so oder so getrost streichen, wobei dann der Februar der neue Jänner wäre – und irgendwann gingen uns die Monate aus und wir hätten nur mehr Dezember, auch verdammt stressig.

Mit dem Jänner als Kieselstein im Jahresgetriebe müssen wir uns also abfinden, so wie mit vielem anderen zurzeit auch. Doch hat man gerade halbwegs Frieden geschlossen mit dem verlängerten Lockdown, trudeln auch schon erste Nachrichten ein von einer Corona-Mutation, die mittlerweile auch in Österreich nachgewiesen wurde, und völlig enthemmte Trump-Terroristen stürmen das US-Kapitol. Vielleicht beweist uns 2021 gerade, dass deutlich mehr im Argen liegt als bloß ein verdächtig beschissenes Jahr 2020, das man mit ein paar guten Vorsätzen vom Tisch wischen könnte. Klimakrise, Massentierhaltung, Populismus, Rassismus, Sexismus, ein System, das uns zwingt, zwischen wirtschaftlichen Interessen und Gesundheit abzuwägen oder die Tatsache, dass der US-Präsident himself wiederholt zu Boykott und Bürgerkrieg anstachelt – we’ve got 99 Problems but a Jahreszahl ain’t one.

Vorsichtiger Optimismus

Wer zu Silvester voller Vorfreude aufs neue Jahr alle 2020-Kalender verbrannt und kreischend ums Lagerfeuer getanzt ist, sollte erstens dringend aufhören zu zündeln, muss aber zweitens den Kopf nicht gänzlich hängen lassen: Es wird schon wieder aufwärts gehen. Irgendwann. Nur eben nicht von selbst und ganz sicher nicht pünktlich zum Jahreswechsel. Bis dahin sollten wir uns vielleicht weniger vornehmen, dem neuen Jahr den Haxen auszureißen, sondern ihm eher vorsichtig erst mal den rechten Schuh ausziehen. Momentan schmeckt Optimismus so am besten, wie der billige Verlegenheitswein, den man von irgendwem irgendwann mal zum Geburtstag geschenkt bekommen hat: aufgespritzt auf eine Halbe – und schon ist das halbe Glas ganz voll.

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Ihr wollt das vergangene Jahr noch mal Revue passieren lassen? Wir haben die lustigsten Fails 2020 für euch. Auf unserer Winter-dahoam-Seite inspirieren wir euch außerdem für euren Winter in Österreich.

(c) Beitragsbild | Nathan Dumlao | Unsplash

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