An den anonymen Fiaker-Fahrer

Freitag, 30. April 2021 / Lesedauer: ca. 7 Minuten

An den anonymen Fiaker-Fahrer

Freitag, 30. April 2021 / Lesedauer: ca. 7 Minuten

Man sieht sie fast täglich, zahlreiche Fiaker-Fahrer*innen, die den neugierigen Tourist*innen unermüdlich die Schönheiten und Sehenswürdigkeiten von Wien zeigen. Doch bei meinem ersten Wien-Besuch stach mir einer sofort ins Auge. Seit diesem Tag sind einige Jahre ins Land gegangen und ich schaue immer noch jeden Fiaker-Fahrer in sein Gesicht und hoffe den einen nochmal wiederzusehen. Doch plötzlich änderte sich alles. Lest hier die ganze Geschichte.

von Luisa Lutter

*Wir wollen euch auch während der aktuellen Maßnahmen inspirieren und versuchen, unsere Artikel laufend Covid-konform upzudaten. Bitte haltet euch weiterhin an die Maßnahmen. Nur wenn wir jetzt zusammenhalten und aufeinander schauen, können wir möglichst bald wieder all diese Inspiration gemeinsam genießen und zu einem halbwegs normalen Alltag zurückkehren.

Nur einmal gesehen und doch in Erinnerung geblieben. Wer kennt das nicht? Sei es der Schwarm auf einer Urlaubsreise oder ein flüchtiger Blick mit einem Fremden auf der Straße. Manche Menschen kleben sich einfach an die Innenseite unseres Gehirns und lassen sich nicht lösen. Bei mir geschah es in Wien. Doch anders als bei vielen, hat die Geschichte keinen leidenschaftlichen Hintergrund, es war die pure Neugier, die sich irgendwann zu einem kleinen Faible entwickelte.

Alles auf Anfang

Wir drehen die Zeit zurück auf 2012: Es war mein erster Wien-Aufenthalt, es war Spätsommer, herrliches Wetter und meine Familie und ich waren auf typischer Touristentour. Neben dem Naschmarkt, der Oper und der Kärntner Straße kamen wir auch irgendwann zur Hofburg. Damals hatte ich noch keine Ahnung, dass ich einmal hier wohnen und auch noch für ein Unternehmen arbeiten würde, das genau das macht, was mir damals schon so enorme Freude bereitet hat: Wien zu entdecken.

An der Hofburg reihten sich auch zum damaligen Zeitpunkt schon die Fiaker dicht aneinander. Wir machten Fotos und überlegten, in welche Richtung wir nun weitergehen möchten. Gerade als ich hochschaute, um mich zu orientieren, da fiel mir der Fiaker-Fahrer regelrecht ins Auge: Etwas abwesend und tief in Gedanken versunken wirkte er, wie er da hoch oben auf seiner Kutsche saß und ein Buch las, die Pferde schnaubend und schnuppernd vor sich. Die Melone aus dunkelgrünem Filz auf seinem Kopf sah keck aus und ich erinnere mich, dass dunkle Locken zu beiden Seiten hervorschauten. Auf meinem alten Telefon habe ich sogar noch das verwackelte Foto, welches ich in aller Eile und aus einem Impuls heraus von ihm machte.

Ich kann nicht sagen, was mich so an ihm faszinierte. Vielleicht war es die Ähnlichkeit zu einem Schauspieler, mit der er es schaffte sich in mein Gehirn zu heften. Ich weiß noch, dass meine Familie und ich mich zu allen Seiten drehten, da wir vermutete, es würde eine Kamera auf ihn gerichtet sein und gefilmt werden. Die Szenerie wirkte fast unwirklich und wie aus einem alten Film – mit einer seltsamen Form von Nostalgie überzogen.

Hollywood lässt grüßen

Egal, ob er nun Adrien Brody oder Adam Brody ähnlich sieht, bei beiden seufzen die Freundinnen bei meinen Erzählungen auf.

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Täglich grüßt das Murmeltier

Es vergingen sechs Jahre, in denen ich mal mehr und mal weniger, aber doch kontinuierlich sämtlichen Fiaker-Fahrern erwartungsvoll ins Gesicht geblickt habe. Mit der Zeit ließ der Eifer nach, aber der Gedanke blieb. Was er wohl nun stattdessen macht? Immerhin sieht man sich stets zweimal im Leben, doch nach dieser langen Zeit erschien mir dieser Gedanke unmöglich. Ich habe viele Freunde fünf- oder gar zehnfach zufällig in Bars, U-Bahnen und Parks angetroffen. Den mysteriösen Fiaker-Fahrer aber niemals wieder.

Durch meine Arbeit bei 1000things stieß ich auf einen jungen Fiaker-Fahrer auf Instagram. Er postet viel und inszeniert sich mit seinem Lebensstil sowie mit den Pferden sehr fleißig. Ich schrieb ihn an und wollte gern mehr über das Leben eines Fiaker-Fahrers erfahren. Wie viel Freizeit man habe und ob man nicht mitten in der Nacht hochschrecke und von Sehenswürdigkeiten erzähle? Es kam zwar auch eine Antwort, doch nie zu einem Interview, was schade war, doch im Inneren machte sich irritierenderweise ein wohliges Gefühl breit. Der junge Fiaker-Fahrer war so ganz anders als „mein“ anonymer Kutscher, an dem ich, wie ihr ja bereits wisst, aus irgendeinen Grund einen kleinen Narren gefressen habe. Eigentlich wollte ich keinen anderen interviewen außer ihn.Doch in diesem Zusammenhang begann ich darüber zu sinnieren, was ich denn überhaupt sagen würde, wenn ich ihn nochmal sehen würde. Einfach nett zulächeln und mit dem Kopf in seine Richtung nicken?  „Hallo ich bin Luisa, ich arbeite bei 1000things und möchte dich gerne interviewen. Kann ich vielleicht kurz aufspringen?“ Oder müsste ich gar neben ihm herlaufen, ihm mit ausgestreckter Hand eine Visitenkarte geben und schnaufend und ächzend mein Anliegen vortragen?

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Der Flügelschlag eines Schmetterlings…

kann bekanntlich auf der anderen Seite der Welt einen Wirbelsturm auslösen. Bei mir musste der Windhauch nur einmal durch Wien und hat sich währenddessen offenbar einige Male verirrt. Um genau zu sein sechs Jahre und drei Umzüge später.
Ich stand in meiner neuen Wohnung und richtete gerade Blumen für eine frisch aus dem Umzugskarton geholte Vase her, als ich von der Straße Pferdegetrappel hörte. Weder bei der Besichtigung noch beim Einzug war es mir bis zu diesem Augenblick aufgefallen, dass Pferde in der Straße unterwegs sind. Ich ließ alles stehen und liegen und hastete zum straßenseitigen Fenster.
Mit einem Lächeln im Gesicht wandte ich mich wieder meiner Arbeit zu, nur um kurze Zeit später wieder die Ohren zu spitzen und abermals Pferdegetrappel zu vernehmen.
Es hat etwas Beruhigendes an sich, die Pferde die kleine Straße hochkommen zu sehen. Die Hufe klackern schon von Weitem auf dem Kopfsteinpflaster und verkünden, dass eine Kutsche kommt. Ich fühle mich jedes Mal ins Mittelalter versetzt und das Geräusch hat definitiv etwas Hypnotisches und Entschleunigendes an sich.

Von diesem Tag an achtete ich auf das Geräusch der Hufe. Regelmäßig zwischen 17 und 18 Uhr biegen sie bei mir in die Straße ein und treten ihren Heimweg an. Wann immer ich kann, spurte ich zum Fenster und schaue ihnen beim Vorbeiziehen zu. Es mag kitschig oder nostalgisch klingen, aber es erfreut mich jedes Mal aufs Neue.

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Diese Melone kenne ich doch

Man muss dazu sagen, dass mein Haus schon eine sehr alte Dame und zudem nicht sehr hoch gebaut ist. Ich wohne so, dass ich nicht von oben auf die Köpfe der Fahrer*innen schaue, wenn Kutschen vorbeifahren, sondern ihnen seitlich ins Gesicht schauen kann.
Ihr könnt euch mein Kribbeln im Kopf und Bauch vorstellen, als ich wieder einmal den Blick zuerst zur Uhr und dann aus dem Fenster warf und unten einen Fiaker erblickte, auf dessen Sitz eine dunkelgrüne Melone hin und her wankte, an deren Seiten kleine Locken hervorblitzen. Mit einem Schwung war ich direkt am Fenster und erhaschte einen flüchtigen Blick in das Gesicht des Fahrers. Ohne Zweifel, er war es gewesen!
Nach all den Jahren zuckelte er gemütlich an mir vorbei und hatte keine Ahnung, dass mir diese unfassbar flüchtige Begegnung tatsächlich mehr bedeutete, als ich mir gerne eingestand. Er hatte keinen blassen Schimmer davon, dass er mich still und heimlich sechs Jahre lang begleitete und hinter einem der Fenster, dem er nun den Rücken kehrte, jemand stand, der gerade von einem Wiener Windhauch wie ein Schmetterling in einen Freudensturm gezogen wurde.

Wie groß kann ein Zufall sein?

Es gibt so viele Straßen in Wien und ich schaffe es genau in die eine zu ziehen, die auch zeitgleich die Route für den Heimweg von ‚meinem‘ Fiaker-Fahrer ist. Es gibt viele Ställe in und rund um Wien und ich sehe überall, egal wo in der Stadt, Fiaker-Fahrer*innen in alle Himmelsrichtungen nach Hause fahren. Ich habe mittlerweile gezählt, es nehmen maximal fünf verschiedene Kutscher die Route heimwärts über meine Straße. Wenn man bedenkt, wie viele Kutscher (ca. 100 nach meinen Recherchen) und Straßen (6.842 – auch wenn nicht alle mit Fiakern befahren werden) es insgesamt gibt, dann macht das in Summe eine sehr geringe Wahrscheinlichkeit, dass ich genau ihn in meiner neuen Straße erwische.

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Und auf einmal gibt es kein Halten mehr

Seit diesem zweiten Mal ist es fast wie verhext: ich sehe ihn regelmäßig. Manchmal nicht nur aus dem Fenster, sondern auch auf der Straße. Wenn ich auf dem Weg zu einer Verabredung bin, biegt er ein und seine Melone auf dem Kopf verkündet, dass es er ist. Ich konnte in all meiner Aufregung zwar hin und wieder ein Lächeln auf die Lippen zaubern, doch bin ich im selben Moment viel zu sehr damit beschäftigt an mir herunterzuschauen. Mich zu fragen, was ich anhabe, nur um festzustellen, dass da ein Fleck vom Mittagessen auf meinem Pullover ist. Ich schaue wieder hoch, doch schwups, dann ist er auch schon wieder fort. Das Gute an der Sache ist, ich habe nun keinen Stress mehr. Fiaker-Fahrer*innen schaue ich nur noch nach wann es mir beliebt. Ich weiß, dass ich durch einen seltsamen Zufall den einen jeden Tag sehen kann, wenn ich möchte.

Ich hege wirklich keine Schwärmerei für die mir gänzlich fremde Person. Im Laufe der Jahre habe ich aber verstanden, dass er dazu beigetragen hat, dass ich die Stadt, wie ich sie wahrnehme und tagtäglich mit Begeisterung aufsauge, durch Menschen wie ihn noch intensiver wahrnehme. Er hat indirekt dazu beigetragen, dass ich mich in Wien verliebt habe – mit jeder Hautpore und jedem Rosshaar vor meiner Tür.

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Ein kleines Update

Seit dieser Begegnung ist wahrlich viel passiert! Ich habe es geschafft, diesen Beitrag auszudrucken und an einem stürmischen Winterabend vor mehreren Jahren, bibbernd vor Kälte und zwischen parkenden Autos stehend, ihm auch zu überreichen. Es folgten einige SMS und dann trafen wir uns in einem Lokal. Es stellte sich schnell heraus, dass es von uns beiden durch Zufall das Lieblingsrestaurant in dem gemeinsamen Grätzl war. Denn – auch in diesem Fall, was für ein Zufall – wir wohnen nur eine Straße voneinander entfernt. Wäre das Wohnhaus mir gegenüber nicht, so könnten wir uns sogar von der selben Etage aus zuwinken.

Kurzum und damit es nicht gar zu sehr nach verheißungsvoller Romanze oder Vorherbestimmung klingt: Es entspann sich eine wirklich gute Freundschaft. Nicht mehr und nicht weniger. Regelmäßig winke ich nun freudestrahlend aus dem Fenster und bekomme freudige Winker mit gelüfteter Melone zurück. Mit wenigen Zeichen verabreden wir uns dabei zeitgleich zum Spritzer trinken am Abend oder unternehmen generell gern gemeinsame Abendspaziergänge durch unseren Bezirk. Wenn ich im Urlaub bin, kümmert er sich um meine Pflanzen und sobald ich wieder daheim bin, werden mitgebrachte Schmankerl aus der jeweiligen Region verkostet. Auch die philosophierenden Abende auf der Terrasse möchte ich nicht mehr missen.

Gerade während Corona und im 1. sowie 2. Lockdown habe ich ihm viele schöne Momente zu verdanken. Denn die Pferde müssen ja auch ohne Touristen bewegt werden und so kam ich in den Genuss, morgens vor meiner Haustür mit einer Kutsche und zwei weißen Pferden erwartet zu werden. So eindrucksvoll und gemütlich sitzend, umgeben vom Getrappel der Hufe, werde ich wohl in naher Zukunft meinen morgendlichen Kaffee to go nicht wieder trinken.

Ihr möchtet noch mehr persönliche Eindrücke von uns lesen? Wir haben passend dazu eine amüsante Kolumne, die den Namen Unser Senf trägt und in der unsere Redakteur*innen unterschiedliche Themen ansprechen.
Gern geben wir euch aber auch Tipps für romantische Spaziergänge rund um Wien.

(c) Beitragsbild | Randy Fath | unsplash

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