Still aus Portrait de la jeune fille en feu

Unsere Highlights der Viennale 2019

Mittwoch, 16. Oktober 2019 / Lesedauer: ca. 7 Minuten

Unsere Highlights der Viennale 2019

Mittwoch, 16. Oktober 2019 / Lesedauer: ca. 7 Minuten

Von 24. Oktober bis 6. November 2019 macht die Viennale Wien zum 567. Mal zur Filmmetropole. Eine Auswahl zu treffen ist bei 300 Filmen aus aller Welt denkbar schwer. Deshalb präsentieren wir euch unsere Highlights der diesjährigen Viennale.

von Pia Miller-Aichholz

Endlich ist sie wieder da, die Viennale! Von 24. Oktober bis 6. November 2019 versorgt Österreichs größtes internationales Filmevent die Hauptstadt in fünf Kinos mit 300 bunt gemischten Filmen aus aller Welt. Um euch die Orientierung im Programm hoffentlich etwas zu erleichtern, stellen wir euch unsere diesjährigen Highlights vor. Vergesst nicht auch einen Blick auf das Rahmenprogramm zu werden: Diskussionen, Feste, Parties und DJ-Lines runden das 14-tägige Festival ab. Das vollständige Viennale-Programm findet ihr online. Der Vorverkauf beginnt am 19. Oktober.

Portrait de la jeune fille en feu (Portrait einer jungen Frau in Flammen)

Der diesjährige Eröffnungsfilm kommt aus Frankreich. Céline Sciamma widmet sich mit ihrem vierten Spielfilm der Frage weiblicher Identität und verlegt die Handlung ins 18. Jahrhundert. Die Malerin Marianne (Noémi Merlant) bekommt den Auftrag, die auf einer abgelegenen bretonischen Insel lebende Héloise (Adèle Haenel) für einen Verehrer aus Milan zu portraitieren. Wenn ihm das Portrait gefällt, soll es zum ersten Treffen und, so hofft die Mutter der jungen Frau, bald zur Verlobung kommen. Héloise weigert sich dagegen, ihr Portrait anfertigen zu lassen.Sie zweifelt am ihr anerzogenen weiblichen Rollenbild und möchte nicht verheiratet werden. Marianne soll das von einem anderen Maler bis auf das Gesicht fertig gestellte Bild komplettieren, nachdem sie Héloise unter einem Vorwand einige Tage lang begleitet hat. Bald entdecken die jungen Frauen, dass sie viel gemein haben und auch ihre Zuneigung zueinander.

Aretha Franklin: Amazing Grace

1972 nahm Aretha Franklin ihr bis heute meistverkauftes Album Amazing Grace live in einer Kirche in Los Angeles auf – im Publikum saß unter anderem Mick Jagger, der mit den Rolling Stones zu dem Zeitpunkt in der Nähe ein Album aufnahm. Auch live dabei war der Filmemacher Sydney Pollack mit seiner Kamera. Allerdings vergaß er während des Drehs das Film- und Tonmaterial zu synchronisieren, womit das Filmprojekt vorerst einmal auf Eis gelegt wurde. Den Mühen des Produzenten Alan Elliott haben wir zu verdanken, dass wir die mitreißenden Aufnahmen nun doch erleben können. Und auf morbide Weise auch dem Tod Aretha Franklins, denn die hatte sich Zeit ihres Lebens gegen die Veröffentlichung des Films gewehrt. Dieser Film ist ein Muss für Musik- und Gesangbegeisterte. Schon allein die wenigen Minuten des Trailers lassen am ganzen Körper Gänsehaut prickeln.

Booksmart

Bevor ihr euch jetzt denkt „Na super, voller Mainstream, dafür geh ich doch nicht auf die Viennale!“, lest mal weiter und schaut euch den Trailer an. Der Film dreht sich um die beiden Streberinnen Amy (Kaitlyn Dever) und Molly (Beanie Feldstein), die an sich auf ihre Mitschülerinnen und -schüler herabschauen, die sich in ihren Augen durch Party-Leben und anderen Spaß neben der Schule die Zukunft verbauen. Als sich diese Annahme als falsch herausstellt packt die beiden Panik: Sie haben sich sauviel Spaß entgehen lassen. Das wollen sie schnellstens korrigieren. Ja, das ist eine Highschool-Komödie, aber nein, sie ist nicht voll von oberflächlichem Hollywood-Schenkelklopfer-Humor, sondern vielschichtig und intelligent. Mit Booksmart gibt Schauspielerin Olivia Wilde ihr Langfilm-Regiedebut. Hauptdarstellerin Kaitlyn Dever ist derzeit übrigens auch im Netflix-Miniserien-Drama Unbelievable zu sehen und beweist in der Zusammenschau, dass ihre schauspielerische Palette bunt ist – das macht gespannt auf mehr.

Honeyland

Drei Jahre lang hat die Filmcrew die makedonische Wildbienenimkerin Hatidse begleitet, ohne ihre Sprache zu verstehen. Mit hypnotisierenden Bildern und scharfer Beobachtungsgabe ziehen uns Ljubomir Stefanov und Tamara Kotevsk direkt ins Geschehen und nehmen uns mit auf ihre Reise ins Hatidses Honeyland. Wir sehen die Imkerin arbeiten, leben und beim behutsamen und erfahrenen Umgang mit ihrer Umgebung, besonders wenn es um Bienen und die Honiggewinnung geht. Wir beobachten auch, wie ihre Nachbarn und Nachbarinnen das Ökosystem zu zerstören drohen, weil sie Hatidses Erfahrung mit der fragile Balance des Geben und Nehmens ignorieren.

Il Traditore

Vorweg: Dieser Film ist nichts für Zartbesaitete. Aber trifft im Grunde auf die Mafia generell zu, also ich das bei einer Biopic eines der bisher wichtigsten Kronzeugen im Kampf gegen die Mafia kein Wunder. Tommaso Buscetta (Pierfrancesco Favino) war innerhalb der Cosa Nostra nur ein mittelgroßer Fisch, aber wenn so einer auspackt – die berüchtigte omertá, den Schwur der Organisation zur Verschwiegenheit nach außen – bricht, dann hat die Cosa Nostra ein großes Problem. In den 1980ern wurde Buscetta zum Kronzeugen einiger der umfassendsten Mafia-Prozesse jemals – ermöglicht durch die Arbeit des unnachgiebigen Untersuchungsrichters Giovanni Falcone, durchgeführt unter strengsten und komplexen Sicherheitsvorkehrungen. Hunderte Mafiosi wurden verhaftet und verurteilt, darunter viele hochrangige. Il Traditore schildert nüchtern und sehr anschaulich was ein Leben in der Cosa Nostra, was der Verrat und Kampf gegen sie bedeutet.

Hail Satan?

Wisst ihr, was es mit Satanismus auf sich hat? Das ist selbstverständlich eine rhethorische Frage, denn Otto und Anna Normalverbraucher wissen selten, was die Anhänger von Satanismus bewegt, weil das Thema in der Öffentlichkeit häufig mit viel Sensationalismus behandelt wird: Blut, Gewalt, Verschwörungen, Chaos. Wie gut, dass Regisseurin Penny Lane uns mit ihrer Dokumentation über den Satanic Temple in den USA aufklärt. Denn die Gemeinschaft ist so ziemlich das krasse Gegenteil von dem, womit Satanismus in der Regel in Verbindung gebracht wird. Sie stellen die evangelikale Vorherrschaft in den USA infrage, kämpfen für Gleichberechtigung und Trennung von Staat und christlichem Glauben. Penny Lane hat mit Hail Satan? eine nüchterne, ehrliche, lehrreiche und bei alledem unterhaltsame Dokumentation geschaffen.

Wan Mei Xian Zai Shi (Present.Perfect.)

Dieser Film ist das ultimative Dokument unseres Internet-Zeitalters. Weltweit haben sich über die Jahre interessante bis absurde Live-Streaming-Trends etabliert. Menschen auf der ganzen Welt filmen sich bei außergewöhnlichen oder ganz alltäglichen Tätigkeiten und es gibt auch tatsächlich Fremde, die sich das dann gerne ansehen. Die Regisseurin Zhu Shengze hat Live-Stream-Material gesammelt und zu einer schwarz-weißen Filmcollage zusammengefügt. Sie erweckt dieselbe Neugier und Anziehung wie Instagram-Stories, nur dass die Aufnahmen viel unmittelbarer und ehrlicher sind. Wir dringen mit Present.Perfect. in die nicht kuratierte Privatsphäre Fremder ein und müssen uns fragen: Wieso fasziniert es uns so, anderen Menschen beim Leben zuzusehen? Und wieso haben wir selbst oft das Bedürfnis, unsere Alltäglichkeiten mit der Welt zu teilen?

Así habló el cambista (The Moneychanger)

Humberto Brause (Daniel Hendler) verdient sich im militärregierten Uruguay der 1950er bis 1970er seinen Unterhalt als Geldwäscher für Kriminelle aus Brasilien und Argentinien. Er schätzt den Luxus, der mit dieser Arbeit kommt, aber zunehmend wachsen ihm die Umstände über den Kopf. Denn er ist so gar nicht der Typ ruchloser Kapitalist, der in so einem Job aufgehen würde. Mit schwarzem Humor und feiner Ironie wird schildert Regisseur Federico Veiroj in Así habló el cambista die Abwärtsspirale, in der Brause sich wiederfindet.

It Must Be Heaven

In fesselnden und höchst ästhetischen Bildern nimmt uns Filmemacher Elia Suleiman aus seiner Heimat Palästina mit auf Reisen, nach Paris und New York. Er ist auf der Suche nach Neuem, aber egal wohin er geht, er, seine Identität lässt ihn nicht los. Mit fast kindlicher Naivität und Offenheit für die kleinen seltsamen aber häufig auch amüsanten Momente im Leben beobachtet er die Welt um sich – mit immergleich neutralem Gesichtsausdruck. Durch die wechselnde Perspektive – mal sehen wir ihn beim Beobachten, dann das, was er sieht – verschmelzen wir Zuseher und Zuseherinnen mit ihm. It Must Be Heaven ist ein Augenschmaus und regt zum Nachdenken über Identität und Selbstfindung an.

Little Joe

Die genmanipulierte Pflanze namens Little Joe wurde gezüchtet, um die Menschen um sie glücklich zu machen. Die Biologin Alice (Emily Beecham) vermutet aber zunehmend, dass die Pflanze Nebenwirkungen hat. Little Joe geht der Frage nach, welche Folgen es hat, wenn Menschen fundamental in die Natur eingreifen – und in diesem Fall gleich auch in die menschliche Psyche. Jessica Hausner untersucht diese Frage in diesem Psychothriller – und zwar in surreal ästhetischen Bildern und trotz des futuristischen Szenarios mit einem Touch retro.

Midnight Family

Luke Lorentzen begleitet in seiner Dokumentation Midnight Family einen mexikanischen Vater und seine Söhne auf ihrer rasanten nächtlichen Rettungsfahrt durch Mexico City. Sie haben aus dem Mangel an offiziellen Rettungsunternehmen für sich eine Tugend gemacht und düsen nun als eigene Rettungseinheit durch die Stadt. Um die Ersten am Ort des Geschehens zu sein, schlagen sie sich mit Vollkaracho durch den dichten Stadt der Megacity. Sie stehen dabei in hartem Wettbewerb mit den anderen Rettungseinheiten und müssen sich mit korrupten Polizisten herumschlagen. Luke Lorentzen portraitiert eine Familie, deren Existenz von ihrer Rolle als potentieller Lebensretter und der finanziellen Abhängigkeit vom Elend anderer bestimmt wird.

Synonymes

Der junge Israeli Yoav flieht vor dem Militärdienst und seiner Identität aus seiner Heimat nach Paris. Dort erfriert er in der ersten Nacht fast in einer ungeheizten Wohnung, nachdem er beim Duschen ausgeraubt wurde. Ein junges wohlhabendes Pärchen findet ihn und kümmert sich um ihn. Damit beginnt für Yoav ein neuer Lebensabschnitt. Er will sich in Paris ein neues Leben aufbauen, lernt Französisch, will nicht mehr Hebräisch sprechen und bereitet sich auf den französischen Staatsbürgerschaftstest vor. Aber seine Landsleute in Paris üben Druck auf ihn aus, sich zu seiner Herkunft zu bekennen. Der Filmemacher Nadav Lapid reflektiert in Synonymes seine persönlichen Erfahrungen als Israeli in Paris, der eine neue Identität in einer neuen Heimat sucht.

La miséricorde de la jungle

Ruanda zur Zeit des zweiten Kongo-Kriegs. Der junge kongolesische Rekrut Faustin (Stéphane Bak) und der ruandische Kriegsheld Sergeant Xavier (Marc Zinga) werden von ihrem Bataillon im dichten, feindlichen Urwald zurückgelassen. Hungrig, durstig, von Malaria und zunehmend auch von inneren Konflikten geplagt kämpfen sie sich durch den dichten Dschungel und durch das von Gewalt zerstörte Territorium. Mit La miséricorde de la jungle plädiert Regisseur Joel Karekezi gegen Krieg und seine weit- und tiefreichende Zerstörungskraft.

Varda by Agnès

Im März ist die Filmemacherin und Fotografin Agnès Varda 90-jährig verstorben. Sie hat allerdings gut vorgesorgt und einen Film gedreht, in dem sie ihren Werdegang und ihre Methoden erläutert und uns erzählt, was sie inspiriert hat. Sie verwebt alte und neuere Aufnahmen und verleiht ihrer filmischen Autobiographie durch geschickt eingesetzten Stilmittel eine fesselnde Dynamik. Ein letztes Mal beweist Agnès Varda eindrucksvoll, wofür sie ohnehin lange bekannt und beliebt war: Sie ist eine brilliante Geschichtenerzählerin.

 

Ganz besonderes Highlight sind natürlich auch die zahlreichen Partys, Künstlergespräche und Präsentationen bei freiem Eintritt!

Darf’s noch mehr Filmspaß sein? Dann seht euch doch unsere Filmhighlights für Halloween an. Die Unternehmungslustigen unter euch finden genügend Anregungen in unseren To Dos.

(c) Beitragsbild | Viennale 2019 (Still aus Portrait de la fille en feu)

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