Sepp Forcher Ruhestand

Was du wahrscheinlich nicht über Sepp Forcher wusstest

Dienstag, 22. Oktober 2019 / Lesedauer: ca. 4 Minuten

Was du wahrscheinlich nicht über Sepp Forcher wusstest

Dienstag, 22. Oktober 2019 / Lesedauer: ca. 4 Minuten

Nach 33 Jahren und 200 Sendungen ist es so weit. Das Unvorstellbare tritt ein: Sepp Forcher verlässt das Fernsehen! Weil er länger aktiv war, als die meisten unserer Redaktion am Leben, ist er in unserer Wahrnehmung praktisch mit dem ORF und der Volksmusik verschmolzen. Tatsächlich hat er aber noch viel mehr zu erzählen, abseits von Brauchtum und Tradition. Wir haben uns den wohl prominentesten Rauschebart Österreichs mal genauer angesehen.

von Viktoria Klimpfinger

Im Leben gibt es nur wenige Konstanten: Rosen sind rot, Veilchen blau und Sepp Forcher moderiert sein Klingendes Österreich. Das macht er nämlich schon länger als es 90er-Kinder gibt. Da könnte man fast schon behaupten, Sepp Forcher gäbe es, seit es das Fernsehen gibt. Nicht ganz: Seit 1986 begrüßt uns der Rauschebart in Trachtenjanker mit den immer selben Worten, die wahrscheinlich irgendwann zum immateriellen UNSESCO-Weltkulturerbe ernannt werden: „Griaß Gott in Österreich!“ Und während Forcher artig auf Wiesen, Bergen, Feldern herumsteht, als würde er für ein Porträtfoto mit Blitzlichtpulver posieren, lispelt er uns mit sanft monotoner Stimme ins Fernsehkoma.

Bei so viel Urgesteinsformation wäre es nicht unwahrscheinlich, dass Forcher sogar das Fernsehen selbst überdauert. Aber nein, alles hat eben ein Ende, nur die Wurst, die hat zwei. Nach 33 Jahren Volksmusikgeschichte schmeißt er schließlich das Lodentuch und geht in Fernseh-Pense. Die 200. und letzte Sendung Klingendes Österreich ist abgedreht, Sepp Forcher bleibt aber mit seinen mittlerweile 88 Jahren fast etwas wie die geheime Galionsfigur des ORF, die immer schon da war und die man nie abnahm –auch wenn man das Schiff selbst von Grund auf restaurierte –, weil sie die betrunkenen Seeleute irgendwie beruhigte. Sie hängt schon so lange da, dass man sie gar nicht mehr als einzelne Figur wahrnimmt, sondern als Teil des Schiffes. Jetzt ist sie weg. Und irgendwas fehlt. Aber was eigentlich? Wir haben uns den Alm-Öhi der Herzen zum Abschied mal genauer angesehen.

Guiseppe aus Rom

Schon beim Namen sind wir auf die erste unerwartete Wendung gestoßen: Der Forcher-Sepp heißt nämlich ursprünglich gar nicht Forcher-Sepp, sondern Forcher-Giuseppe. Oder Giuseppe Forcher, wie man in Italien sagen würde. 1930 kam er als Sohn von Südtiroler Eltern in Rom zur Welt. Nach dem Südtirol-Abkommen von Hitler und Mussolini kehrte die Familie Italien den Rücken und ging nach Salzburg.

Sepp Forcher steht nicht auf gespielte Heimatliebe und Andreas Gabalier.

Sepp Forcher mag zwar wirken wie die Mensch gewordene Tradition und Volkskunde und manche von seinen Aussagen klingen, als würden sie aus einem Heimatroman aus den 50ern stammen, aber um Heimattümelei und übersteigerten Patriotismus geht es dabei nicht, im Gegenteil: „Wenn ich Heimatliebe plakatieren muss, ist das der erste Missbrauch dieses Begriffs“, hat er einmal in Ö1 gesagt. Über Konzepte wie Heimat und Identität äußert er sich ausgesprochen reflektiert und offener, als man es von ihm als Posterboy der Volksmusik vielleicht erwarten würde. Definitiv offener als der selbsternannte Posterboy des „Volks-Rock’n’Roll“ jedenfalls, den Forcher sehr kritisch sieht: „Conchita ist besser als Andreas Gabalier und DJ Ötzi zusammen. Die spielen die Heimatliebe nur und sind aufs Geld aus. Conchita war immer offen und ehrlich“, sagte er in einem Interview mit der Heute.

Tradition und eine tolerante, offene Weltsicht schließen sich also offenbar nicht gegenseitig aus. „Es geht um das Miteinander“, sagte Forcher 2018 im Gespräch mit dem Profil. „Das Gegeneinander war mir im Herzen stets zuwider. Mir sind Hautfarbe, Religion, Ideologie wurscht.“ Nationalismus und Abschottung also Fehlanzeige, nicht nur bezogen auf Österreich, sondern auch auf europäischer Ebene:

Er schreibt immer noch in Kurrentschrift.

Zumindest in einer Hinsicht ist Forcher aber dennoch ein Überbleibsel aus früherer Zeit: Er schreibt immer noch in Kurrentschrift. Während seiner Schulzeit wurde von Kurrent- auf Normalschrift und anschließend wieder retour gewechselt. „Da habe ich mir dann gedacht: Jetzt ist genug mit der Pflanzerei, jetzt schreib‘ ich nichts mehr anderes“, erzählte Forcher, der Widerspenstige in Schreibschrift.

Er hat 130 Kilo den Untersberg bergab getragen.

Nach der Volksschule half er seinen Eltern, ihre Hütte zu bewirtschaften, wurde schließlich Hilfsarbeiter, Höhlenführer und selbst Hüttenwirt, bevor ihn das Fernsehen abwarb. Dazwischen arbeitete er auch noch als Lastenträger und schleppte einmal ein über 130 Kilo schweres Zahnrat den Salzburger Untersberg hinab. Drei Stunden habe er gebraucht für eine Strecke, die man zu Fuß normalerweise in ein paar Minuten zurücklegt. Geschafft hat er’s aber hinunter – Respekt!

Er hat zwei Bücher über das Glück geschrieben.

Das große Schleppen hat Forcher aber längst hinter sich. Er widmet sich lieber der Literatur und Philosophie. Und nein, auch da finden sich in seinem Repertoire keine Heimatromane, sondern Proust, Tolstoi oder Dumas. Auch er selbst hat bereits zwei Bücher verfasst, über das Glück. Wobei ihm der Begriff selbst eigentlich so gar nicht passt: „Glück ist ein Zufallsprodukt im Leben. Das kann man sich nicht kaufen oder bei Amazon bestellen. Was man erreichen kann: Diesen aus der Mode gekommenen Begriff der Zufriedenheit“, sagte er im Interview mit dem Kurier.

Viermal wurde ihm der Professorentitel angetragen.

Forcher hat zwar nie eine akademische Laufbahn angestrebt, dennoch wurde ihm bereits viermal der Professorentitel angeboten. Immerhin kennt er sich mit österreichischem Brauchtum und vielem anderen Volkskundlichem aus wie wahrscheinlich kein Zweiter. Trotzdem hat er bis heute immer wieder abgelehnt: „Ich bin doch kein Professor. Nur einer, der den Leuten was erzählt“, sagte er einmal dazu bescheiden.

Seit 56 Jahren hat er sich nicht rasiert.

Und auch über ihn selbst gibt es offensichtlich eine ganze Menge zu erzählen. Ein eher skurriles Detail am Rande über den wohl ikonischsten Bart der österreichischen Fernsehgeschichte: „Seit 56 Jahren hat keine Rasierklinge meine Wangen berührt“, erzählte er dem Profil. So handelte er sich mit seinen buschigen Backen den Spitznamen „Bergfex Fidel Castro“ ein, wie ihn eine sowjetische Truppe Würdenträger einst nannte, als er sie ein Stück ihres Weges begleitete.

Sepp Forcher kann weder tanzen, schwimmen noch Rad fahren.

Vieles kann Sepp Forcher also erstaunlich gut, einiges kann er nicht. „Bürgerliche Sprösslinge mussten Tanzen, Rad fahren, Schwimmen lernen. Ich kann das alles bis heute nicht.“ Macht ja nichts, man muss ja nicht überall mitmachen. Wie man an Sepp Forcher sieht, nicht einmal bei der allgemein anerkannten Schreibschrift.

Auch in der Pension wird Sepp Forcher wohl irgendwie immer das für das ländliche Österreich sein, was Michi Häupl für Wien ist: Symbolfigur. Pfiat Gott beinanda!

Apropos Häupl-Michi: Auch von ihm haben wir ein Best-of gesammelt und ihn nach seinen Lieblingsplätzen in Wien gefragt. Was ihr in Österreich alles anstellen könnt, verraten euch unsere To Dos.

(c) Beitragsbild | ORF | Anton Wieser

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