Simmering 11. Bezirk

8 Dinge, die du nicht über den 11. Bezirk wusstest

Montag, 6. Juli 2020 / Lesedauer: ca. 5 Minuten

8 Dinge, die du nicht über den 11. Bezirk wusstest

Montag, 6. Juli 2020 / Lesedauer: ca. 5 Minuten

Simmering, das ist doch dieser Randbezirk mit dem Zentralfriedhof, oder? Ja, stimmt schon. Aber nicht nur. Der 11. Bezirk hat noch einige andere Geschichten zu erzählen. Ein paar davon haben wir hier für euch gesammelt.

von Viktoria Klimpfinger

*Die Corona-Krise hat uns nach wie vor fest im Griff. Wir bemühen uns, unsere Artikel möglichst aktuell und unsere Tipps Covid-konform zu halten. Da sich die Maßnahmen aber laufend ändern, zählen wir ebenso stark auf eure Eigenverantwortung und Solidarität. Tragt eure Masken und haltet Abstand, damit wir diese Krise möglichst schnell überwinden und danach wieder umso ausgelassener zusammen feiern können.

Nach Simmering kommt man zum Sterben. Das sagen die Zentralwienerinnen und -wiener zumindest gerne und lachen dabei hämisch in ihren Flat White Coffee vom Latte Artist ihres Vertrauens. Oder man kommt zum Boesner, scherze ich dann mit gefletschten Zähnen und toten Augen zurück. Der Kunst-Großhandel ist so ziemlich das einzige halbwegs szenige Preziosum hier, das man den Boboleten entgegenhalten kann – abseits von der Szene natürlich, die auch schon mal musikalisch elaboriertere Tage gesehen hat. Es stimmt schon, der Zentralfriedhof ist tatsächlich untrennbar mit dem elften Hieb verbandelt.

Genauso wie offenbar auch ein bedauernswerter Hauch, der mich umgibt, wenn ich erzähle, dass ich seit meiner Geburt hier wohne. Dann folgt meist stummes Nicken, ein mitleidiger Blick oder ein schockiertes „Oh!“, als hätte ich mich gerade als aufstrebendes Talent illegaler Straßenrennen geoutet. Ja, Simmering gilt gemeinhin als hartes Pflaster, als die dunkle Seite der Macht. Und wenn die Kerbe schon mal eingeritzt ist, warum dann nicht mit voller Wucht hineinschlagen? Immerhin habe ich mir so mittlerweile einiges an Street Credibility erquatscht und meine bezirksfremden Freundinnen und Freunde halten mich für die raubeinigste Socke diesseits des Donaukanals. Aber so oft, wie ich mir mein Kleinstadt-Ganoven-Ego an überzeichneten Geschichten aufgeblasen habe, bin ich es dem großen, düsteren Fleck auf der Wien-Karte jetzt doch mal schuldig, ihn auch abseits seiner unvorteilhaften Klischees ins Rampenlicht zu rücken. Denn abseits von Zentralfriedhof und Müllverbrennungsanlage gibt es einiges, was man noch nicht über den 11. Bezirk weiß.

Der letzte Henker

Um Friedhofsthemen kommt man, wenn man über Simmering spricht, wohl tatsächlich nicht herum. Also haken wir den wohl morbidesten unserer Schlaumeier-Facts gleich mal zu Beginn ab: Auf dem Alt-Simmeringer-Friedhof – ja, wir haben mehr als nur den einen –, liegt der letzte Scharfrichter Österreich-Ungarns begraben. Als acht Jahre nach Josef Langs Ableben 1925 die Todesstrafe wieder eingeführt wurde, war Österreich schon keine Monarchie mehr. Sein Neffe nahm die schauderhafte familiäre Profession an seiner Stelle wieder auf. Josef Lang liegt übrigens nicht nur in Simmering begraben, er wurde dort auch geboren. 1855, als Simmering noch Vorort war. Erst 1892 wurde es offiziell zum Wiener Stadtteil.

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Ildefonso-Fabrik

Keine Sorge, gruseliger wird’s nicht mehr. Dafür um einiges süßer. Die Ildefonso- -Würfel sind euch wahrscheinlich bekannt. Was ihr aber wahrscheinlich nicht wusstet, ist, dass sie von 1905 bis 1990 in – Trommelwirbel – Simmering hergestellt wurden. Die Schokoladenfabrik Victor Schmidt & Söhne produzierte in der Geiselbergstraße 26-32 Pfefferminzbonbons, Tafelschokolade und eben auch die kleinen Nougat-Würfel mit den schlauen Sprüchen. Nach ihrer Übersiedlung nach Tulln stand die Fabrik leer. Ein Großteil davon ist mittlerweile abgerissen, aber die Mauer, auf der ein riesiger Ildefonso-Würfel prangt, hält sich wacker. Die neue Bauordnung, die Ende Juni 2018 zum Schutz von historischen Gebäuden verabschiedet wurde, hat die Fabrik gerade noch rechtzeitig vor dem Totalabriss bewahrt. Geänderte Baupläne sehen nun vor, dass das, was von der Fabrik noch übrig ist, in den Neubau, der hier entstehen soll, integriert wird.

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(c) Viktoria Klimpfinger | 1000things

Erste Menagerie Europas

Wo befand sich wohl die erste Menagerie Europas? Instinktiv würden jetzt wahrscheinlich viele sagen: Schönbrunn. Aber weil dieser Artikel nicht „Dinge, die man fälschlicher Weise dem Schloss Schönbrunn zuschreibt“ heißt, stimmt das natürlich nicht. Ab Mitte des 16. Jahrhunderts tummelten sich nämlich die Tiger, Löwen, Giraffen und Bären erst einmal im Schloss Kaiserebersdorf. Gut, strenggenommen war Kaiserebersdorf damals noch kein Teil von Simmering. Aber wir wollen hier ja keine Erbsen zählen. 1607 übersiedelte das tierische Durcheinander jedenfalls ins nahe gelegene Schloss Neugebäude und etwa 100 Jahre später nach Schönbrunn. Hietzing bekam also die Touristenattraktion schlechthin, und Simmering bekam eine Strafvollzugsanstalt für männliche Erwachsene, die sich seit 1975 im Schloss Kaiserebersdorf befindet.

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Schloss Schönbrunn in Einzelteilen

Wenn es um das Schloss Schönbrunn geht, fängt man im 11. Bezirk dann doch gerne wieder mit dem Erbsenzählen an. Heikles Thema! Immerhin ließ Maria Theresia doch die wertvollen Elemente der Schlossanlage, die Kaiser Maximilian II. in Auftrag gegeben hatte, abtragen und nach Schloss Schönbrunn verfrachten. So könnte man das ausdrücken, oder man verwendet das Wort „ausgebanelt“ und stampft dabei schnaubend mit dem Fuß auf. Jedenfalls vermutet man, dass vor allem die großen Säulen und architektonische Deko-Elemente beim Bau der Gloriette wiederverwendet wurden. Ein Engelbrunnen im Schlosspark Schönbrunn stammt möglicherweise aus dem Neugebäude und der mittlere Brunnen im Orangerie-Parterre stellt eine Rekonstruktion des um 1580 von Alexander Colin für das Neugebäude geschaffenen Brunnens dar. Schöne Brunnen, Schloss Schönbrunn – gern geschehen.

Das Schloss Neugebäude war dem Verfall preisgegeben, diente es sogar als kaiserliches Munitionsdepot. Mittlerweile ist es einer der wohl verwunschensten, idyllischsten Orte in Simmering, gerade weil es die Zeichen der Zeit nicht kaschiert. Hier gibt es im Sommer ein Open Air Kino, im Herbst ein Mittelalterfest und im Winter einen Adventmarkt, und jede Menge Geschichte.

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Schloss Neugebäude (c) Viktoria Klimpfinger | 1000things

Napoleons Hauptquartier

Genauso wie übrigens noch etwas weiter stadtauswärts. Im Schloss Thürnlhof residierte 1809 kein Geringerer als Napoleon Bonaparte. Hier schlug er während der Schlacht bei Aspern sein Hauptquartier auf. Ganze 36 Stunden soll er nach der Niederlage gegen die österreichischen Truppen hier durchgeschlafen haben. Und das von einem Mann, der sich angeblich damit brüstete, nur vier Stunden Schlaf pro Nacht zu brauchen. In Simmering kann man schon mal die Zeit vergessen.

Blériot und Etrich-Taube

Statt Schäfchen zählt man in Simmering allerdings Flugzeuge. Das ist kaum verwunderlich, bedenkt man die unmittelbare Nähe des Flughafens. Da kann es schon mal vorkommen, dass man am Nachmittag unbedacht im Garten sitzt und plötzlich ein tief fliegender Airbus A320 den Himmel verdunkelt. Aber die Fluggeschichte Simmerings reicht weit hinter den Flughafen Wien-Schwechat zurück. Zwischen 1909 und 1911 war die Simmeringer Haide mit dem Flugplatz Simmering die „Wiege der österreichischen Luftfahrt“, wie die Bezirkszeitung schreibt, und der erste Flugplatz in Wien, der für die Fluggeschichte relevant war. Hier veranstaltete etwa der berühmte französische Luftfahrer Lous Blériot 1909 einen Schauflug, nur wenige Monate nach seinem ersten Flug über den Ärmelkanal, einen Schauflug. Ein Jahr später gelang dem österreichischen Flugzeugmechaniker und Pilot Karl Illner hier mit seiner Etrich-Taube – einem Flugzeug, das von Igo Etrich konstruiert und von ihm geflogen wurde – der erste Überlandflug Österreichs, von Wiener Neustadt nach Wien und wieder zurück. Flugvorführungen und Flüge wie dieser lockten bis zu 300.000 Zuschauerinnen und Zuschauer an, unter ihnen angeblich auch Kaiser Franz Joseph.

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Simmeringer Had

Mit ihm ist Simmering entfernt auch aus weniger erfreulichen Umständen verbandelt: Nach seinem missglückten Attentat auf den jungen Kaiser war János Libényi bis zu seiner Hinrichtung auf der Simmeringer Haide inhaftiert. Hingerichtet wurde er allerdings bei der Spinnerin am Kreuz und nicht, wie das Spottlied „Auf der Simmeringer Had‘ hat’s an Schneider verwaht“ suggeriert, auf der Simmeringer Haide. Das geht nämlich eigentlich auf ein Nestroy-Stück zurück und wurde nur für Spottzwecke ein wenig adaptiert.

Sportclub mit langer Tradition

Die „Simmeringer Had“, das ist in Simmering auch der Fußballplatz des 1. Simmeringer Sportclubs, hat allerdings nichts mit der etwas weiter entfernten Simmeringer Heide zu tun. Hier trainiert einer der ältesten Fußballvereine Österreichs. Abseits des Rasens setzt man sich hier für Integration, Toleranz, Gleichberechtigung und Vielfalt ein, gibt zum Beispiel nach der Schule gratis Nachhilfeunterricht und fördert den Nachwuchs. Einige bekannte Nationalspieler wie August Starek, Jakob Swatosch und auch Toni Polster entstammen dem Kader des Simmeringer Vereins.

Die „Had“ ist allerdings bereits die dritte Had, die der Verein bespielt. Die zweite Had befand sich etwas weiter stadteinwärts, fasste bei der Fertigstellung 1920 stolze 50.000 Zuschauer und war damit für kurze Zeit das größte Stadion Österreichs. Diesen Rang luchste ihr allerdings bald die Hohe Warte und nur wenig später das Praterstadion ab.

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Ob Schwalbe oder Etrich-Taube, konservierte oder gestohlene Historie – der 11. Bezirk hat jede Menge Geschichten zu erzählen.

Wenn wir euch jetzt neugierig gemacht haben, schaut euch doch an, was man in Simmering so alles unternehmen kann. Und wenn ihr noch nach Inspiration für euren Sommerurlaub sucht, findet ihr sie auf unserer neuen Sommer-dahoam-Seite.

(c) Beitrags- und Facebook-Bild | Viktoria Klimpfinger | 1000things

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