10. Bezirk Favoriten

11 Dinge, die du über den 10. Bezirk noch nicht wusstest

Sonntag, 7. Februar 2021 / Lesedauer: ca. 7 Minuten

11 Dinge, die du über den 10. Bezirk noch nicht wusstest

Sonntag, 7. Februar 2021 / Lesedauer: ca. 7 Minuten

Im 10. Bezirk spielt die Austria Wien und die Eismarillenknödel vom Tichy sind ein Gedicht. So viel steht fest. Aber über Favoriten gibt’s noch einiges mehr zu erzählen. Wir berichten für euch die etwas weniger bekannten Geschichten.

von Viktoria Klimpfinger

*Wir wollen euch auch während der aktuellen Maßnahmen inspirieren und versuchen, unsere Artikel laufend Covid-konform upzudaten. Bitte haltet euch weiterhin an die Maßnahmen. Nur wenn wir jetzt zusammenhalten und aufeinander schauen, können wir möglichst bald wieder all diese Inspiration gemeinsam genießen und zu einem halbwegs normalen Alltag zurückkehren.

„Es ist ein weiter Weg von Favoriten bis dahin, wo ich heut‘ steh‘“, lässt Gerhard Bronner sein Leben in seinem Favoriten-Lied Revue passieren. Aber wer schon mal mit dem 6er vom Geiselberg zum Westbahnhof gegondelt ist, weiß: Auch der Weg durch Favoriten selbst zieht sich bisweilen. Eins steht jedenfalls fest: Die Meinungen über den bevölkerungsreichsten Bezirk Wiens sind so vielfältig wie seine Grätzln von den Oberlaaer Feldern bis zum Gellertviertel. Und wer mit Favoriten nicht mehr verbindet als den Reumannplatz oder die Austria, hat definitiv Nachholbedarf. Deshalb verraten wir euch hier ein paar Insider-Fakten über den 10. Hieb.

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Ziegel für die Monarchie

Wer sich mit der Geschichte Favoritens auseinandersetzt, muss sich unweigerlich auch ein bisschen mit der Geschichte der Ringstraße beschäftigen. Das klingt vielleicht weit hergeholt, und einigermaßen weit hergeholt waren sie auch, die Ziegel für die Errichtung der Prunkbauten. Sie wurden nämlich unter anderem in den Ziegelwerken am Wienerberg und Laaer Berg gefertigt, von Zuwanderern aus den damaligen Kronländern Böhmen und Mähren, die dort unter widrigsten Bedingungen schufteten und bald mit dem mehr als fragwürdigen Beinamen „Ziegelböhm“ bedacht wurden. Jene, die die Ziegelformen mit Sand präparierten, waren besonders benachteiligt und hatten meist nicht einmal eine feste Unterkunft. Daher kommt angeblich das Wiener Wort „Sandler“. Die Lehmgruben füllten sich später mit Grundwasser und wurden zu Ziegelteichen, die man heute noch im Laaer Wald findet.

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Das älteste Ringelspiel von Europa

Mittendrin im Laaer Wald und eigentlich quer durch ihn durch zieht sich ein dezentraler Wurstelprater au miniature. Ursprünglich befand sich hier eine Werkskantine der Ziegeleien, um sie herum entstand in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine Vergnügungsmeile für die ausgebeuteten böhmischen Arbeiter und ihre Familien. Deshalb: Böhmischer Prater. Aber nicht nur er selbst hat die Epochen bis heute überdauert. Hier befindet sich das älteste und tatsächlich noch in Betrieb stehende Holzkarussell Europas. Auf den charakteristischen weißen Schaukelpferden ritten bisweilen nicht nur fröhliche Kinder, sondern auch Erwachsene, die sich darin übten, mit Holzstöcken Ringe auf Haken an den Wänden des Karussells zu werfen, erzählte uns der Besitzer Ernst Hrabalek bei unserem letzten Besuch. Ringelspiel ist hier also genau genommen doppeldeutig.

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Österreichische Traumfabrik

Auch um die wichtige Rolle Favoritens in der internationalen Filmindustrie genauer auszuleuchten, muss man ein paar Dekaden zurückspulen. Finden wird man sie aber definitiv, und zwar in den Goldenen Zwanzigern. Am Laaer Berg entstand eine regelrechte Filmstadt für die Außenaufnahmen der Sascha-Filmindustrie AG. Daran erinnert heute noch der Filmteich im Kurpark Oberlaa, um den sich etwa für die Produktion des österreichischen Monumentalfilms Sodom und Gomorrha unter der Regie von keinem geringeren als Casablanca-Regisseur Michael Curtiz Tausende Statist*innen scharten.

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Zweifelhafte Einschienenbahn

Das war aber längst nicht der letzte Trubel, der sich auf dem Rücken des Laaer Bergs abspielen sollte. Nach dem großen Erfolg der Wiener Internationalen Gartenschau 1964 im Donaupark feierte hier zehn Jahre später ein Revival. Nachdem die Film- und Ziegelproduktionen in den 30er-Jahren ihr Ende fanden, lag das Areal weitgehend brach und wurde 1974 zu aufwendig gestalteten Parkanlage. Von 18. April bis 14. Oktober tummelten sich hier weit über zwei Millionen Besucher*innen. Sogar eine Einschienenbahn führte durchs Gelände. „Ob die architektonisch zweifelhafte Attraktion wenigstens finanziell attraktiv sein wird, bleibt zweifelhaft“, heißt es in einem damaligen Fernsehbericht. So wenig Schienen und so viele Zweifel. Tatsächlich musste die Einschienenbahn ein paar Jahre später aus wirtschaftlichen Gründen wieder abgebaut werden.

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Die Herkunft des Suppengrüns

Wer den Laaer Berg in Richtung Süden bergab wandert und dem Stadtwanderweg 7 folgt, fragt sich wahrscheinlich unweigerlich, ob man sich hier eigentlich noch in der Stadt befindet – Felder, Weinstöcke und der Zentralverschiebebahnhof Wien-Kledering, übrigens der größte seiner Art in Österreich, bieten ein ganz eigenwilliges Bild, das man nicht unbedingt urban nennen würde. In Ober- und Unterlaa spielt die Landwirtschaft augenscheinlich nach wie vor eine Rolle. Ja, hier erfand man sogar etwas, das man mittlerweile in jedem Supermarkt und in aller Welt findet: das gebundene Suppengrün. Der Petersil sei hier sogar zum ersten Mal ausgesät worden, bevor er Holland und die ganze Welt eroberte, erzählt Silvia Elnrieder dem Standard. „Pesl“, heißt der Petersil im Dialekt; die Bauern, die in anbauten, waren also die „Peslbauern.“

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Das Brot und sein Anker

Dass das Traditionsunternehmen Anker ein Favoritner Urgestein ist, dämmerte den meisten wahrscheinlich spätestens, als sie das erste Mal zum Mondscheinbazar in die Absberggasse gepilgert sind. Die stillgelegten Teile des Fabriksgeländes in Favoriten, wo das Unternehmen gegründet wurde und seit über 125 Jahren produziert, sind längst als revitalisierte Brotfabrik fester Bestandteil der Kunst- und Kulturszene. Aber woher hat das laibgewordene Stück Geschichte eigentlich seinen Namen? Dahinter steckt weder eine verklärte Legende noch ein schwer verständliches Wortspiel: Die Gründer Heinrich und Fritz Mendel ließen einen Anker als Firmensymbol auf ihre Brote prägen, das bis in die 80er das Markenzeichen des Betriebs blieb. Vielleicht nicht unbedingt der reißerischste Fakt über Favoriten, aber allemal ein Fakt.

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Spinnerin am Kreuz

Umgeben von dichter Bebauung und dem Rauschen der Triester Straße wirkt die gotische Steinsäule irgendwie ein bisschen wie ein Fehler in der Matrix. Man nennt sie die Spinnerin am Kreuz und dahinter steckt – wie in Wien so oft – wieder einmal eine Sage. Zur Zeit der Kreuzzüge soll an dieser Stelle, an der damals noch ein Holzkreuz und kein Wahrzeichen stand, eine Frau jahrelang spinnend auf ihren kreuzziehenden Mann gewartet haben. Als er endlich heimkehrte, ließ sie aus lauter Dankbarkeit die kunstvolle Steinsäule an Stelle des Holzkreuzes errichten.

Die Realität sah allerdings etwas weniger romantisch aus. Nach mehreren Zerstörungen wurde die Säule im Jahr 1452 von Dombaumeister Hans Puchsbaum wiedererrichtet, um den sich ebenfalls eine Sage rankt, aber das würde an dieser Stelle zu weit führen. Jedenfalls markierte die Säule die äußerste Stadtgrenze und in ihrer unmittelbaren Nähe wurden bis 1868 öffentliche Hinrichtungen durch Galgen oder Rad durchgeführt.

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Hartnäckiger Markuslöwe

Er ist wohl eines der inoffiziellen Wahrzeichen des 10. Bezirks: Der Markuslöwe hat sicherlich schon mehr Koffer vorbeiziehen sehen als so manches Flughafenfließband. 1873 von Bildhauer Josef Leimer für den zweiten Wiener Südbahnhof geschaffen, hat er es sogar geschafft, den dritten Südbahnhof und seinen Abriss zu überdauern. Restauriert und gereinigt steht er mittlerweile zwar am Hauptbahnhof, aber immer noch am selben Ort. Übrigens ist er einer von ursprünglich acht Markuslöwen, die an der Bahnhofsfassade angebracht waren, ein zweiter steht im Schlosspark Laxenburg.

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Der Papierene

Natürlich kann man nur schwer über den 10. Bezirk sprechen, wenn man dabei nicht zumindest kurz auf die Sache mit dem Runden im Eckigen eingeht. Denn in Favoriten regiert der FAK. Jetzt jubeln wahrscheinlich die einen und die anderen ärgern sich grün und weiß. Aber genug der ungelenken Derby-Anspielungen. Einer, der so gut spielte, dass er eigentlich schon zu Lebzeiten zur Legende wurde, war zweifelsohne Matthias Sindelar. Den Beinamen der „Papierene“ brachte ihm zwar sein eher schmächtiges Erscheinungsbild ein, aber dribbeln, täuschen und taktieren konnte er offenbar wie kein Zweiter. 1903 in Mähren geboren, zog seine Familie mit ihm nach Favoriten, wo er Fußballspielen lernte und sich schließlich in die Austria und bis zur Nationalmannschaft hochkickte. 43 Länderspiele und insgesamt 27 Tore gehen auf sein Konto.

Doch nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich wurde die österreichische Fußballmannschaft aufgelöst – es kam allerdings zu einem sogenannten „Anschlussspiel“ zwischen der deutschen und der österreichischen Mannschaft, bei der Kapitän Sindelar seinen Teamkollegen anordnete, in rot-weiß-rot aufzulaufen, und nach dem ersten Tor vor der Ehrentribüne der Nationalsozialisten einen Freudentanz aufführte. Die NSDAP wollte ihn bereits früh rekrutieren und man berief ihn auch immer wieder in die reichsdeutsche Nationalmannschaft, was er beides bis zuletzt verweigerte.

1939 fand man Sindelar tot in seiner Wohnung, neben ihm seine bewusstlose Freundin jüdischer Herkunft Camilla Castagnola, die nur einen Tag nach ihm verstarb. Als Todesursache gilt offiziell eine Gasvergiftung durch einen defekten Ofen. Doch bald rankten sich zahlreiche Spekulationen und Gerüchte um die tragischen Todesumstände. Bis heute gilt das Ableben von Sindelar und seiner Freundin als Mysterium. Friedrich Torberg schrieb Matthias Sindelar nach 1945 sogar mit seinem Gedicht Auf den Tod eines Fußballspielers in die österreichische Literaturgeschichte ein:

[Erste Strophe]
Er war ein Kind aus Favoriten
und hieß Matthias Sindelar.
Er stand auf grünem Platz inmitten,
weil er ein Mittelstürmer war.

[…]

[Letzte Strophe]
Das Tor, durch das er dann geschritten,
lag stumm und dunkel ganz und gar.
Er war ein Kind aus Favoriten
und hieß Matthias Sindelar.

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Baron Karl

Wiener Originale tummelten sich im 10. Bezirk so einige. Wie zum Beispiel auch der Baron Karl, der eigentlich Karl Baron hieß und ein obdachloser Stadtstreicher war. Er lebte von 1882 bis 1948 und bevorzugt in Favoriten. Zahlreiche Mythen und Geschichten umgeben seine Figur, was es denkbar schwer macht, Fakt und Fiktion zu unterscheiden. Der Baron Karl soll jedenfalls ein sehr großzügiger Charakter gewesen sein, obwohl er selbst kaum etwas besaß. Nach dem Autounfall, der ihn 1948 dahinraffte, sollen Tausende Trauergäste bei seinem Begräbnis am Wiener Zentralfriedhof erschienen sein. Seit 1995 liegt er am Matzleinsdorfer Friedhof und damit dort, wo er sich angeblich am liebsten aufhielt: im 10. Bezirk. „Er liebte die Menschen und seine Freiheit“, steht auf seinem langsam verfallenden Grabstein. Heuer soll die Gedenkstätte generalsaniert werden. Inzwischen erinnert auch die Baron-Karl-Gasse in der Nähe der Otto-Probst-Straße an den „Diogenes von Favoriten“.

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Techno aus Favoriten

Und auch heute noch finden sich einige schillernde Charaktere im Zehnten. 2009 formierte sich etwa die Live Techno-Electro-Kapelle, wie Daniel Helmer, July Skone und Christoph Mateka das, was sie machen, akkurat auf den Punkt bringen. Irgendwo zwischen Electro und Punk-Show klingt Gudrun von Laxenburg erst mal auffällig aristokratisch. Dabei ist der Bandname bloß ein Mash-up der Straßen, in denen die drei damals wohnten: Gudrunstraße und Laxenburger Straße – beide kreuzen sich in Favoriten.

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Noch mehr Wien-G’schichteln gefällig? Wir verraten euch auch ein paar Dinge, die ihr wahrscheinlich über den 11. Bezirk nicht wusstet. In Wien vergeben wir Ende Februar übrigens unsere 1000things Awards – stimmt jetzt für eure Lieblingslokale ab!

(c) Beitragsbild | Viktoria Klimpfinger | 1000things

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