Was aus unseren Lockdown-Gspusis geworden ist

Valerie Heine vom 12.10.2021

Mit einer einzigen Bezugsperson den Lockdown verbringen und Freud, Leid und Bett teilen – klingt romantisch? Fünf Betroffene erzählen uns von ihren Corona-Beziehungen und was daraus geworden ist.

Lockdown Gspusi

Die Coronapandemie hat unser aller Leben ohne Frage maßgeblich verändert. Auch an der Liebesfront hatten wir mit einigen Hindernissen und Veränderungen zu kämpfen. Der „Knuffelkontakt“ – also eine Person mit der man den Lockdown in trauter Zweisamkeit verbringt – war das inoffizielle Wort des Jahres 2020, in Flandern sogar ganz offiziell. Jetzt, da die Zeit des ständigen Drinnenbleibens (hoffentlich) vorbei ist, verliert auf einmal so manche zwischenmenschliche Beziehung ihre Daseinsberechtigung. Wir haben mit jungen Menschen über ihre Lockdown-Lover gesprochen und sie ihr Liebesleben während der Pandemie Revue passieren lassen.

David (26): Wenn’s passt, dann passt’s

David kommt ursprünglich aus Linz, lebt aber in Wien. Neben dem Studium arbeitet er als Redakteur. Seinen derzeitigen Partner hat er kurz vor dem letzten Lockdown kennengelernt.

Bei mir ist es definitiv so, dass meine Beziehung nicht zustandegekommen wäre, wenn es Corona nicht gegeben hätte, weil ich meinen Freund zu Halloween letzten Jahres kennengelernt habe. Da hatte gerade noch alles offen und drei Tage später war dann Lockdown – und ein relativ harter, bei dem die Gastro auch wieder geschlossen hatte. Dann haben wir uns im Anschluss wirklich mindestens jeden zweiten Tag gesehen, gemeinsam gekocht und so weiter. Es war gleich von null auf 100 und das wäre glaube ich ohne Lockdown nicht so gewesen, weil wir dann auch mit anderen Leuten etwas unternommen hätten. So haben wir eben gleich Vollgas gegeben (lacht). Das Kennenlernen hat dann gleich in einer Beziehung gemündet, weil wir so viel miteinander gemacht haben.

Als dann die Gastro im Mai wieder geöffnet hat und man generell wieder mehr unternehmen konnte, haben wir uns dann wieder neu kennengelernt. Mein Freund ist jemand, der sehr viel unterwegs ist und sehr viel mit anderen Leuten unternimmt und das war im Lockdown natürlich nicht so. Ich bin da eher das Gegenteil, mehr alleine und introvertierter. Da mussten wir uns nochmal neu arrangieren, wie wir das handhaben. Er muss jetzt damit klarkommen, dass ich eben nicht so viel raus gehe und und ich muss damit klarkommen, dass er viel unterwegs ist am Abend und einfach gerne etwas mit anderen Leuten macht. Während des Lockdowns gab es also weniger Schwierigkeiten, eher danach. Aber man stellt sich auch darauf ein, spricht sich zusammen und versteht sich. Wenn’s passt, dann passt’s eh.

Felix* (22): Wir waren gegenseitig unsere einzigen Bezugspersonen

Felix* studiert Vollzeit und ist daher seit Beginn der Pandemie fast nur zu Hause. Während des ersten Lockdowns war er in einer Beziehung, die mitunter auch wegen Corona in die Brüche ging. Heute ist er wieder vergeben – diesmal glücklich.

Ich war während des ersten Lockdowns in einer Corona-Beziehung. Wir kannten uns vom Studium und waren nach Ausbruch der Pandemie beide bei unseren Familien zu Hause. Es war eine Art Telefon- und Schreibfreundschaft, aus der dann mehr geworden ist. In dieser Zeit waren wir irgendwie auch gegenseitig unsere einzigen Ansprech- und Bezugspersonen, was schon fast zu einer Art Abhängigkeit geworden ist. Zu der Zeit hat das aber noch ganz gut gepasst, weil wir beide ein ähnliches Leben geführt und uns auch gebraucht haben. Nach zwei Monaten Lockdown sind wir dann zusammengekommen und haben uns gleich viel gesehen, oft auch lange Zeit am Stück. Das war auch nur durch die besonderen Gegebenheiten möglich, weil wir beide weniger terminliche Verpflichtungen hatten als unter gewohnten Umständen.

Das Ganze ist dann aber recht schnell in die Brüche gegangen, weil der Sommer gekommen ist und auf einmal wieder andere soziale Möglichkeiten da waren. Das hat dann zu viel Eifersucht geführt. Man war es eben in der Beziehung gewöhnt, sich ständig gegenseitig zu haben. Das war natürlich eine harte Umstellung, als dann wieder andere Kontakte da waren. Ich glaube, dass die Beziehung zu meiner Ex ohne Corona nicht so schnell geendet hätte, weil wir dann nicht so schlagartig mit neuen Bedingungen konfrontiert gewesen wären. Ich kann mir vorstellen, dass das für viele Paare eine Herausforderung war. Meine jetzige Partnerin habe ich diesen Sommer kennengelernt, als so gut wie alles offen hatte, und es war um einiges einfacher, die Dinge klar zu sehen. Letztlich war es gut, dass alles so gekommen ist.

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Klara* (24): Ohne Corona hätte ich gar nicht getindert

Klara* arbeitet als Social Media Managerin. Ihren derzeitigen Freund kennt sie schon von früher, hat ihn jedoch während Corona auf Tinder wiedergefunden.

Ich glaube, wenn Corona nicht passiert wäre, hätte ich mir Tinder gar nicht runtergeladen. Davor hatte ich die App nur einmal für einen Monat und bin an so seltsame Typen geraten, dass ich mir gesagt habe: “never again”. Aber nach einer Reise war ich dann 14 Tage ganz allein daheim in meinem Zimmer eingesperrt und da war mir ziemlich langweilig. Auf jeden Fall glaube ich, dass ich unter normalen Umständen nie angefangen hätte, einfach so mit irgendwelchen Typen zu schreiben. Dann habe ich meinen jetzigen Freund auf Tinder gesehen. Ich kannte ihn von früher und habe nach rechts geswiped. Dann haben wir ein Monat nur geschrieben, weil man sich ja nicht treffen durfte. So etwas gäbe es unter normalen Umständen wahrscheinlich selten. Nach drei Monaten sind wir dann zusammengekommen.

Ich bin jemand, der immer unterwegs ist. Das war für meinen Freund dann glaube ich schon neu, als ich dann wieder drei mal die Woche etwas ausgemacht hatte und nicht nur noch daheim war. Wir haben das ja auch über ein halbes Jahr nicht gekannt, gemeinsam fortzugehen. Das kam dann natürlich auch noch dazu, als die Clubs wieder aufgesperrt haben. Es ist schon auch eine neue Erfahrung, wenn beide zum ersten Mal gemeinsam unterwegs und vielleicht noch betrunken sind. Mein Partner hat, glaube ich, am Anfang gedacht, dass es für ihn schwieriger wird, wenn wir gemeinsam fortgehen, weil ich vor ihm so viele Dates hatte. Ich merke das aber nicht einmal, wenn mich jemand angräbt. Es ist also sogar eher andersherum.

Aber es stimmt schon, ich hatte tatsächlich einige Spazier- und Take-Away-Dates während der Pandemie. Im Sommer auch ein paar, bei denen wir ganz normal etwas essen oder trinken gegangen sind. Bei einem ersten Date habe ich zwei Tage später erfahren, dass ich Corona hatte. Ich musste dann natürlich den Typen informieren, was mir sehr unangenehm war. Es ist dann auch bei dem einen Date geblieben. Das war mir aber ganz recht, denn er wollte während meiner Infektion nicht als meine Kontaktperson angegeben werden. Da war mir sofort klar, dass er die Situation nicht ernst nimmt. Das fand ich richtig unattraktiv.

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Diego* (27): Die psychische Belastung macht dem Sexualleben zu schaffen

Diego* ist Musiker und selbstständig. Durch Corona ist ein Großteil seines Einkommens weggebrochen. Geldprobleme und Existenzängste haben sich auf seine Beziehung negativ ausgewirkt.

Die Corona-Pandemie hat mein Beziehungs- und Liebesleben auf vielen verschiedenen Ebenen beeinflusst. Einerseits hat die ganze Situation sowohl mir als auch meiner Partnerin psychisch sehr zu schaffen gemacht. Man konnte ja kaum raus und ist die ganze Zeit “aufeinander gepickt”. Zum anderen hat meine Freundin kurz vor der Pandemie ihren Job gekündigt und ich konnte pandemiebedingt meine selbstständige Tätigkeit über eineinhalb Jahre nicht ausführen. Das hat natürlich auch zu ziemlichen finanziellen Problemen geführt. Der gesammelte Stress, der Frust und die Verzweiflung haben dann natürlich auch zu sehr vielen kleinen und großen Konflikten und Streits geführt, was wiederum die psychische Belastung noch verschlimmert und das Konfliktpotenzial verstärkt hat.

Man muss aber auch ganz klar sagen, dass diese Beziehung unter normalen Umständen nicht gehalten hätte, und vermutlich nach einigen wenigen dieser Konflikte zerbrochen wäre. Da man aber weder umziehen noch leicht neue Partner*innen finden konnte, ist man eben zusammengeblieben. Ein weiterer Grund war sicherlich auch, einfach nicht alleine sein zu müssen. Durch dieses „Durchbeißen“ und das gemeinsame Durchleben der Probleme ist die Beziehung langfristig aber auch stärker geworden. Ich denke, es gibt jetzt deutlich weniger Probleme zwischen uns und wir haben uns selbst und einander viel besser kennengelernt und herausgefunden, wie wir mit uns selbst und dem*der Partner*in in welcher Situation umgehen.

Der sexuelle Aspekt ist aber auch nicht unwesentlich. Um ehrlich zu sein, denke ich, hat besonders das bei uns auch langfristig am meisten unter der Pandemie gelitten. Mit den diversen Arten von Stress, Frust, Wut und Angst im Hinterkopf ist es dann doch relativ schwer bis unmöglich, in Stimmung zu kommen, und irgendwann zwingt man sich der*dem Partner*in zuliebe dann auch mal dazu. Dass dabei nicht zwingend leidenschaftlicher, guter Sex rauskommt, liegt glaube ich auf der Hand. Das führt dann zu noch mehr Fust zwischen den Beteiligten und endet damit, dass irgendwann ganz die Luft raus ist und man nur noch miteinander lebt, sonstige Leidenschaft aber ziemlich verloren geht. Das ist leider zu einem gewissen Teil bis jetzt noch so, zumal viele der Probleme und Schwierigkeiten nach wie vor vorhanden sind. Manche sind dazu gekommen, andere wieder verschwunden, aber alles in allem macht die psychische Belastung unserem Sexualleben doch sehr zu schaffen.

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Celeste (27): Wir haben uns gegenseitig benutzt

Celeste lebt in Wien und arbeitet als Journalistin. Ihre langjährige Beziehung ging kurz vor der Pandemie in die Brüche. Trauer- und Datingphase waren während Corona für sie doppelt schwierig.

Ich habe während Corona so viel gedated wie noch nie – traut man sich ja eigentlich gar nicht sagen, aber ich glaube, das war bei vielen so. Ich bin quasi vom Regen in die Traufe genommen, weil meine damalige Beziehung nach über acht Jahren in die Brüche gegangen ist. Das war direkt bevor die Pandemie ausgebrochen ist, also im Winter 2019. Mir ist es dann natürlich den Umständen entsprechend schlecht gegangen und der Lockdown hat meine Situation massiv verschlimmert. Ohne körperliche Nähe durch diese Zeit zu kommen, war wirklich hart.

Nach der Trauerphase ist dann natürlich irgendwann auch bei mir die Phase gekommen, in der ich mich ausleben wollte. Ich war davor noch nie auf irgendwelchen Datingapps aktiv und dann plötzlich auf allen gleichzeitig. Auf OkCupid hatte ich so viele der Matching-Fragen beantwortet, dass es wahrscheinlich auf viele Matches schon komisch gewirkt hat und sie mich darauf angesprochen haben. Ich habe mich dann nach einer anfänglichen Hemmschwelle mit vielen Leuten auch persönlich getroffen. Ein ungutes Gefühl hatte ich dabei schon, vor allem weil ich nach der Trennung vorübergehend wieder bei meinen Eltern gewohnt habe und sie nicht anstecken wollte.

Wir haben uns eigentlich immer draußen getroffen, zum Spazierengehen. Das hat mich schon auch Überwindung gekostet, weil es ja durchaus sehr unangenehm sein kann, mit einer wildfremden Person im Park herumzulaufen. Da kam es dann insbesondere während der Ausgangssperre zu Situationen, die unter normalen Umständen glaube ich nie entstanden wären. Einmal habe ich sogar bei jemandem übernachtet, weil ich mich nicht mehr getraut habe, zu später Stunde noch heimzufahren. Ich fand den Typen zwar nett, konnte mir aber auch nicht mehr mit ihm vorstellen. Er war zwar sehr respektvoll mir gegenüber, im Nachhinein habe ich mir aber schon gedacht, dass diese Situation auch anders hätte ausgehen können.

Letztendlich hatte ich dann letzten Winter auch einen Knuffelkontakt, ein Lockdown-Gspusi oder wie man das nennen soll, den ich schon von früher kannte. Unter normalen Umständen hätte ich sicher nie etwas mit ihm gehabt, weil ich ihn nicht einmal attraktiv fand. Unsere Beziehung hat nur in seiner Wohnung stattgefunden und wir haben weder auf emotionaler noch auf sexueller Ebene zusammengepasst. An diesem Punkt der Pandemie ging es mir aber psychisch schon sehr schlecht und ich habe die körperliche und emotionale Nähe dringend gebraucht. Wir haben uns da wirklich gegenseitig benutzt, anders kann man das nicht sagen. Im Nachhinein ist mir erst klar geworden, wie sehr ich damals neben mir gestanden bin. Ich schäme mich fast ein wenig dafür.

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Nicht nur jene mit Lockdown-Lovers haben während der Pandemie eine turbulente Zeit durchgemacht. Gerade Singles hatten es während der Lockdowns nicht leicht. Wir haben mit einigen darüber gesprochen, wie es ihnen ergangen ist. Mehr zum Thema Liebe & Sex erfahrt ihr in unserer Liste Liebe & Sex.

* Name von der Redaktion geändert


Beitragsbild:

Annie Spratt | Unsplash