Der Mythos Studentenleben – Time to move out

Montag, 3. Oktober 2016 / Lesedauer: ca. 4 Minuten

Der Mythos Studentenleben – Time to move out

Montag, 3. Oktober 2016 / Lesedauer: ca. 4 Minuten

Parties bis zum Morgengrauen, schlafen bis in den Nachmittag hinein, ein immer leerer Kühlschrank, Fast Food, endlich frei sein von jeglicher Kontrolle, neue Begegnungen, spannende Menschen und Erfahrungen… -Die Klischees, die sich um das Studentenleben ranken, sind uns wohl allen ein Begriff und lassen uns voller Erwartung und Bauchkribbeln in diesen neuen Lebensabschnitt starten. Doch wie ist es wirklich, wenn man dann plötzlich auf seinen eigenen Füßen in einer völlig neuen Stadt steht?

von Marie Amenitsch

Vier Jahre ist es nun schon her, seitdem ich die blauen, viel zu schweren Ikea-Taschen voller Geschirr, Polster, Decken und meinen alten Teddybären (sorry not sorry!)  in unseren gelben Familienbus gepackt habe und mich früh morgens voller Euphorie, Aufregung aber auch mit einem etwas mulmigen Gefühl im Bauch mit meinem Papa auf den Weg nach Wien gemacht habe. Die Blicke meiner Mama, die uns mit Tränen in den Augen aus dem Fenster nachschaute, werde ich nie vergessen. Es ist wohl nicht so leicht, eines seiner Küken in die „große weite Welt“ ziehen zu lassen. Zugegeben, auch ich musste mich ziemlich bemühen, nicht schon beim ersten Kreisverkehr der Stadtausfahrt in Tränen auszubrechen. Auch wenn die Vorfreude noch so groß war – „loslassen“ und der Umgang mit Veränderungen waren noch nie meine Stärke.

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Meine „Residenz“ für die folgenden Monate: Das „‚Haus Niederösterreich“ in der Leopoldstadt. Eines der Wiener Studentenheime, mit einem fast schon legendären Ruf, das mittlerweile jedoch abgerissen wurde. Das Zimmer, das ich mir mit meiner damals besten Freundin teilte, war nicht größer als eine Schuhschachtel, spartanisch eingerichtet und mit einem Teppichboden, den man lieber nicht näher betrachtete und der schon nach dem Einweihungs-Umtrunk am ersten Abend mit wunderbaren Rotwein-Flecken (aus dem Tetrapack) geziert wurde. Yummy! In der Gemeinschafts-Küche herrschte rund um die Uhr ein buntes Gewusel, die Herdplatten hingegen funktionierten mehr schlecht als recht, weswegen mein Packerlsuppen-Konsum im ersten Studentenjahr rekordverdächtig war. Immerhin preisgünstig, denn die schmerzliche Erfahrung, wie schnell das Geld am Konto sich den roten Zahlen näherte, lies auch nicht lange auf sich warten.

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Als sei es gestern gewesen, erinnere ich mich an meinen ersten Uni-Tag, den Weg über die Augartenbrücke über den Schottenring (den ich stets mit dem Schottentor verwechselte), das sonnige Wien, das mich sofort in seinen Bann zog und mich seither immer wieder aufs Neue zum Lächeln bringt, die heillose Überforderung, den richtigen Hörsaal in der Hauptuniversität zu finden und die Angst, aufgrund 5-minütiger Verspätung nun nicht studieren zu können. Wie nichtig meine Sorgen waren und wie läppisch das mit der Anwesenheitspflicht auf der Uni ist, wurde mir erst einige Wochen später bewusst. Umso stolzer bin ich jetzt rückblickend gesehen fast, die Vorlesungen dann dennoch so regelmäßig besucht zu haben – das eine oder andere mal zwar sicher schlaflos und mit einigen Promille Restalkohol im Blut. Aber man ist ja bekanntlich nur einmal jung und so frei von jeglicher „Verantwortung“ irgendjemand anderem als sich selbst gegenüber.

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Die erste Studentenwohnheimparty ließ nicht lange auf sich warten. Der Gedanke an das Vodka-Soda – im HNÖ bekannt als „Simple Huber“ die Unmenge an Leuten, die schwitzenden Wände, die schlechte Musik, die zu fortschreitender Stunde jedoch immer besser zu werden schien, bringt mich noch heute zum Lachen. Frei, ich fühlte mich frei und genoss dieses Gefühl von Tag zu Tag mehr. Die Welt und vor allem auch das wunderbare Wien schien mir mit so vielen Möglichkeiten und Abenteuern entgegen zu winken, dass ich schier überwältigt war. 

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Das erste Punschtrinken in Wien und der Weihnachtskitsch wurden zelebriert wie eine Hochzeit, ebenso der Kater am nächsten Tag und die dumpfen Erinnerungen an die Nacht zuvor, in der meine betrunkene Freundin plötzlich nicht mehr den Weg nachhause in den 10. Bezirk fand. Wir fühlten uns wie richtige Studenten und genossen das Gefühl in vollen Zügen.

Ein Moment, der ebenso präsent in meiner Erinnerung verankert ist, ist jener als mein damaliger Freund, langjähriger und überzeugter Vegetarier, an einem arschkalten Tag vor lauter Wien- und Studiumfrust aus heiterem Himmel sein selbst-abgelegtes Gelübde brach und herzhaft in eine Leberkässemmel biss. Das war es dann wohl mit seinem fleischlosen Leben. Zumindest soweit ich weiß, denn unsere Wege haben sich in den darauffolgenden Monaten – begleitet von jeder Menge Herzschmerz – getrennt. Doch who cares, die Zeit heilt bekanntlich alle Wunden und auch das Single-Dasein in Wien brachte so einige Neuheiten und vor allem eine gehörige Portion Eigenständigkeit mit sich. Ebenso wie bereichernde Begegnungen und Menschen, die mein Leben auf so einzigartige Weise geprägt haben und es immer noch tun und die ich ansonsten wohl nie kennen gelernt hätte.

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Genauso dazu gehörte auch das erste mir geklaute Rad, der sonntägliche Besuch beim Billa am Praterstern und der Prüfungsstress im Juni, die Suche nach einem freien Platz an der Uni-Bib, die maßlose Überforderung, die nicht selten gemeinsam mit den Mitbewohnerinnen in Lachflashs ausartete.  Eine Hitzewelle, die uns in unserem Studentenheimzimmer fast zum Auszucken brachte, bescherte uns schließlich zahlreiche Nächte auf der Dachterrasse, in denen aus Wohnheimkollegen, schließlich Freunde wurden.

Natürlich gab es auch andere Tage, Tage an denen das Grün der Studentenheimtür mich schon am morgen aggressiv werden ließ, es in Wien nie hell zu werden schien und der Biergeruch am Gang mir den Rest gab. Begleitet wurde all dies von einem 40 Stunden Praktikum beim Radio, mit Dienstbeginn um 6 Uhr morgens, das anfangs ganz wunderbar war, von Tag zu Tag jedoch mehr als „prekarisiertes Arbeitsverhältnis“ und Ausbeutung bezeichnet werden konnte. Tja, was macht man nicht alles für den Lebenslauf…

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Im zweiten Jahr wurde der 2. Bezirk gegen “Rudolfscrime“ getauscht und das Studentenheim, durch eine kleine, feine WG ersetzt. WG-Parties inklusive und auch der Bademantel-tragende Nachbar, der sich wegen der Lärmbelästigung in regelmäßigen Abständen mokierte, stellt ein eigenes Kapitel des Studentenlebens dar.

Wie viel schneller die Zeit in der Großstadt zu vergehen scheint, wurde mir einmal mehr klar, als dann plötzlich auch schon das letzte Jahr des Bachelor-Studiums heran brach, die Abschluss-Arbeiten abgegeben wurden und der Kampf mit so manchen bürokratischen Hürden der Uni Wien schlaflose Nächte bescherte. Eine gewisse Mitschuld trugen wohl auch die Selbstzweifel, Sorgen und die Frage, wohin meine ganze Reise denn eigentlich gehen soll und was ich mit meinem Leben anfangen will. Wir haben diese Phase in der WG liebevoll als „Quarter-Life-Crises“ bezeichnet und den Höhepunkt wohl an jenem Abend erlebt, als wir sogar zu faul waren, um ins Kino zu gehen und lieber zu dritt im Doppelbett lagen und kiloweise Popcorn in uns reinstopften und die Männerwelt verfluchten. Das Klischee lässt grüßen!

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Jetzt, in meiner dritten Bleibe fühle ich mich – weniger wegen den fertigen Studien und viel mehr auf Grund der eigenen Waschmaschine  – so richtig erwachsen. Zumindest oft. Oder doch eher manchmal. Der Blick auf die vor vier Jahren ausgedruckte „Studenten To Do-List“ lässt mich fast schon melancholisch werden, fehlen auf meiner Reise doch einige Punkte und ich frage mich, was aus so manchen Plänen und Träumen wurde, die einst geschmiedet worden sind. Das Studentenleben ist zumindest für den Moment mal abgeschlossen und gehört der Vergangenheit an, nicht aber die Erinnerungen an diese Zeit voller Leichtigkeit, Veränderung und Elan, die so unsagbar einzigartig war und ich in meinem Leben nicht missen möchte.

Und auch jetzt ist im Kühlschrank genauso ein Rotwein, wie am ersten Studentenwohnheimtag, wenn auch nicht aus dem Tetrapack…

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Fotos:

(c) ÖJAB / Haus Niederösterreich
(c) weiteres Bildmaterial / 1000things.at / Marie Amenitsch

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