Survival Guide Wandern

Unser Senf: Warum ich beim Wandern nicht mehr grüße

Donnerstag, 17. September 2020 / Lesedauer: ca. 3 Minuten

Unser Senf: Warum ich beim Wandern nicht mehr grüße

Donnerstag, 17. September 2020 / Lesedauer: ca. 3 Minuten

Weil ein bisschen Würze im Leben nie schaden kann, geben wir euch mit dieser Kolumne regelmäßig unseren Senf dazu: Wir erzählen euch, was uns beschäftigt, was uns nervt und was uns zum hysterischen Lachen bringt. Eure Käsekrainer könnt ihr zwar nicht darin eintunken, aber dafür ist unser Senf auch gratis. Dieses Mal geht es um das obligatorische Grüßen auf dem Berg.

von Viktoria Klimpfinger

*Die Corona-Krise hat uns nach wie vor fest im Griff. Wir bemühen uns, unsere Artikel möglichst aktuell und unsere Tipps Covid-konform zu halten. Da sich die Maßnahmen aber laufend ändern, zählen wir ebenso stark auf eure Eigenverantwortung und Solidarität. Tragt eure Masken und haltet Abstand, damit wir diese Krise möglichst schnell überwinden und danach wieder umso ausgelassener zusammen feiern können.

Du bist mit dir allein. Rund um dich nur schroffe Felsen, Rosamunde-Pilcher-mäßige Landschaft und Luft. Herrliche, frische Luft. Doch halt, was ist das da in der Ferne? Eine Gams? Ein Murmeltier? Oh nein, es ist ein Mensch, der entschlossenen Schrittes auf dich zustapft, kommend von dort, wo du in etwa zwei verschwitzten Stunden endlich sein wirst, der Glückliche.

Hey, du auch hier!

„Servas!“, „Griaß di!“ Begegnet man beim Wandern wildfremden Menschen, erkennt man ihre ebenbürtig naturverbundene Existenz verbal an. Das ist ungeschriebenes Gesetz. Unterwirft man sich dem nicht, gilt man entweder als Unsympathler oder als unkundiges Stadtkind, was bei vielen wiederum Rückschlüsse auf Ersteres provoziert. Es ist ja prinzipiell auch ganz nett und irgendwie verbündend, wenn man sich da so unverhofft in freier Wildbahn trifft und mit kurzem Murmeln anerkennt: „Hey, du auch hier!“ Wobei man sich bei manchen Routen wohl am liebsten hilfesuchend an die Haxen des glücklich bergabschreitenden Gegenübers klammern und wimmern würde: „Wie lang noch?“ Meistens reicht ein verkniffener Blick. „Boid hobt’s es!“ Das tut gut.

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Grüßen um des Grüßens Willen

Hie und da mal ein paar Menschlein zu begegnen und ihnen verbalen Tribut für ihr zeitgleiches Auftauchen auf der erwählten Route zu zollen, das ist das Idealbild und an sich natürlich völlig in Ordnung. Die Realität sieht allerdings oft anders aus. Mal abgesehen davon, dass ich, als tatsächlich des unwillkürlichen Grüßens unkundiges Stadtkind, meist schon Minuten vor der eigentlichen Begegnung mit der passenden Grußform hadere: Klingt „Griaß di“ aus meinem Wiener Mund zu steif? Ist „Servas“ zu jovial? Oh, verdammt, da ist er schon, und prompt plumpst mir ein unartikuliertes „Servsdi“ aus dem Mund. Ich kann das einfach nicht.

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„Griaß di“ im Sekundentakt

Aber das ist mein persönliches Problem. Diese allgemeine Grüß-Unsicherheit hat sich allerdings bei kürzlich vergangenen Wanderausflügen weiter verstärkt. Denn offenbar habe ich ein Händchen dafür, mir Touren auszusuchen, die zu regelrechten Pilgerreisen animieren. Diese Kreuzfahrtschiffe des Wandertourismus sind also voll mit Menschen, die den gleichen Weg wie ich beschritten haben und auf dem Rückweg an mir vorüberkeuchen, schlimmer als auf der Mahü an einem Einkaufssamstag. War mein „Servsdi“ schon in aller Einsamkeit ein leichter Fehlschlag, wird es im Sekundentakt zum sozialen Debakel. Lasse ich es aber weg, kann ich mir sicher sein, dass der nächste, der an mir vorbeistapft, garantiert der grantigste aller Waldschraten ist, dem das Ausbleiben dieser hochheiligen Konvention alles andere als herzlich wurscht ist (so wie mir übrigens) und es als perfekten Aufhänger sieht, mich unwirsch anzublöken: „Servas!“ Das klingt erst mal unverfänglich, aber gerade, wenn es ums Grüßen geht, macht in Österreich der Ton die Musik. Dieses trotzige „Servas!“ kommt typischerweise erst einen Meter nach der Begegnung, sodass man als Angeblökte auch nicht mehr die Möglichkeit hat, darauf zu reagieren – man hatte eine Chance, und die hat man vertan. Was „Hallo, du auch hier, schön dich zu sehen“, hätte bedeuten können, mutiert zu: „Du hast mich gesehen, ich habe dich gesehen. Du hast nicht gegrüßt und ich mache es auch nur, um dir das unmissverständlich reinzuwürgen. Frechheit.“ Wer hätte gedacht, dass so ein kleines Wörtchen wie „Servas“ so viel Subtext transportieren kann?

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Grüß dich selber

Was also tun? Jeden und jede Einzelne gleichermaßen verbal weiterwinken, um die grantigen Bergfexe auch ja nicht aufzuwühlen? „Hallo! Servas. Griaß di! Na, du bist aber ordentlich aus der Puste.“ Man käme aus dem Grüßen nicht mehr heraus. Immerhin hat es schon seinen Grund, warum man in der Stadt das Grüßen auf tatsächlich bekannte Gesichter reduziert hat. Oder nur gezielt jene grüßen, die wirken, als würden sie Wert darauf legen? Wie wär’s mit verkrampftem Lächeln und Nicken? Könnte zu Verspannungen führen. Und wem bin ich eigentlich schuldig, sein offensichtliches Aufscheinen in meinem Blickfeld mit einem verbalen Auswurf zu bestätigen? Ich habe mich also dazu entschlossen, auf dem Berg nicht mehr zu grüßen, wenn es nicht unbedingt notwendig ist. Ja, das mag so manches österreichische Gemüt erhitzen. Ein erbostes, hinterher geschmettertes „Servas“ muss ich wohl hie und da einfach in Kauf nehmen. Aber haben wir in Österreich nicht deutlich mehr, worüber wir uns aufregen sollten?

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Vielleicht sollten wir uns stattdessen eher Gedanken über diese explodierenden Bäume machen, von denen Donald Trump gesprochen hat. Oder ihr stimmt euch einfach in Ruhe auf den Herbst in Österreich ein.

(c) Beitragsbild | Pixabay

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