Durchatmen

Unser Senf: Warum wir alle mal tief durchatmen sollten

Mittwoch, 31. März 2021 / Lesedauer: ca. 4 Minuten

Unser Senf: Warum wir alle mal tief durchatmen sollten

Mittwoch, 31. März 2021 / Lesedauer: ca. 4 Minuten

In dieser Meinungskolumne geben wir regelmäßig unseren Senf dazu, egal ob süß, scharf, mit Käsekrainer oder doch mit Grillgemüse. Wir richten einen persönlichen Blick auf Themen, die uns zum Lachen, zum Weinen oder zum Nachdenken bringen. Dieses Mal geht’s um die deutlich eingereiztere Stimmung, die ein Jahr Pandemie mit sich brachte.

von Viktoria Klimpfinger

*Wir wollen euch auch während der aktuellen Maßnahmen inspirieren und versuchen, unsere Artikel laufend Covid-konform upzudaten. Bitte haltet euch weiterhin an die Maßnahmen. Nur wenn wir jetzt zusammenhalten und aufeinander schauen, können wir möglichst bald wieder all diese Inspiration gemeinsam genießen und zu einem halbwegs normalen Alltag zurückkehren.

Morgens, 7 Uhr in Simmering: Ich gehe mit meinem lächerlich niedlichen Welpen Gassi, als hinter uns ein Kerl in dunklem Hoodie und mit großem Hund an der Kettenleine heranschlurft. Mein Welpe setzt sich hin, legt den Kopf zur Seite – und schaut. Das ist alles. „Wos is, brauchst a Possbüd?“, schreit mir der Kapuzen-Typ aus einigen Metern Distanz plötzlich entgegen und wechselt die Straßenseite. Ich hätte nie damit gerechnet, dass jemand auf offener Straße meinen unfassbar herzigen Hund anschreit (oder mich, aber der Neigung des Kapuzenpullis nach zu urteilen, hat er sich eher an den Hund gerichtet). In einem normalen Jahr mit einer normalen Virenpopulation wäre ich wahrscheinlich einfach perplex weitergegangen und hätte jeden Blickkontakt vermieden, um mich mit diesem Ungustl nicht auch noch länger abgeben zu müssen als unbedingt nötig. Aber nach über einem Jahr Pandemie tickt mein innerer Bombentimer um einiges schneller. Also kepple ich ihm von meiner Straßenseite aus irgendetwas nach von wegen „Welpe“ und „aggressiver Vollidiot“, worauf er irgendwas zurückkeift mit „Hund sieht aus wie eine Katze“. Jetzt reicht’s, jetzt hat er das kleine Fellknäuel, das sein Schicksal vertrauensvoll in meine Obhut gegeben hat, auch noch aktiv beleidigt. Das nächste, was ich weiß, ist, dass ich ihm nachschreie, dass er sich trauen soll, mir (oder eigentlich eher: meinem Hund) das ins Gesicht zu sagen, die Arme zur Seite erhoben wie eine kampfbereite Jesusstatue, während sich der tollpatschige Welpe zu meinen Füßen ungeniert zwischen den Beinen leckt. Der Kapuzen-Typ neigt bloß sein Haupt und huscht meckernd davon. Und im Nu bin ich der Ungustl, der auf offener Straße herumpöbelt.

Platzende Krägen und kurze Lunten

Um eins gleich mal klarzustellen: Ich bin weder ein Fan von Gewalt noch bin ich mir sicher, dass ich in einem Handgemenge überhaupt wissen würde, was ich mit meinen Händen machen soll. Es ging mir also nicht darum, mich zu prügeln. Mir ist einfach der verbale Kragen geplatzt. Am helllichten Tag. In aller Öffentlichkeit. Und es ist nicht das erste Mal, dass mir in den vergangenen Monaten das – leider noch nicht – Geimpfte unverhältnismäßig schnell aufgegangen ist. Meine Lunte ist verschwindend kurz geworden, mein innerer Druckkochtopf stets kurz davor, überzubrodeln. Meistens äußert sich das lediglich in Grant und Verstimmung, mittlerweile anscheinend auch in großgoscherter Schimpferei. Und damit bin ich längst nicht allein. Nach einem Jahr Ausnahmezustand, verminderten Kontakten, erhöhter Angst um die eigene Gesundheit und die der Menschen um uns herum und einer alarmierend diffusen Kommunikationsstrategie der Regierung liegen die Nerven bei vielen längst blank. Ja, wer weiß, vielleicht ist der Kapuzen-Arsch sonst eigentlich ein ziemlich umgänglicher Kapuzen-Philanthrop und auch ihn hat es situationsbedingt ausgehagelt und er schämt sich nun in Grund und Boden, weil er einen Welpen angeschrien hat. Gesehen habe ich ihn jedenfalls seither nicht mehr in meiner Gasse.

Während die Grundstimmung also noch vor einem Jahr eine überwiegend solidarische war und wir brav von unseren Balkons klatschten, ist mittlerweile längst die Luft raus. Bei so ziemlich allen, traue ich mich mal zu behaupten. Statt der „Wir-schaffen-das-Mentalität“ herrscht zunehmend Frustration, Wut, Verstimmung, und zwar in allen Lagern. Zu behaupten, uns alle eint der Grant, wäre aber naiv. Es ist nicht derselbe Grant, nicht dieselbe Wut, die die Gemüter zurzeit erhitzen. Im Gegenteil: Der Grant richtet sich zusehends gegeneinander, besonders die Gräben zwischen jenen, die sich an die Maßnahmen halten und an die Vernunft appellieren, und jenen, die auf alles pfeifen und die große Weltverschwörung wittern, scheinen unaufschüttbar geworden. Sie ziehen sich nicht nur durch die Medien, sondern auch durch Freundeskreise und Familien.

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Blinder Grant

Immer öfter wälzen sich Demonstrationszüge über die Wiener Straßen, bei denen Esoteriker*innen Schulter an Schulter marschieren mit Rechtsextremen und verurteilten Nazis und Politiker gießen auch noch Öl ins Feuer, indem sie bei solchen Veranstaltungen flammende Reden halten. Gleichzeitig scheinen immer mehr Menschen diebische Freude daran zu haben, andere zurechtzuweisen oder sogar zu filmen und zu vernadern, wenn sie einmal in der Öffentlichkeit etwas zu nah beieinanderstehen. Auch hier wieder eine Klarstellung, um den verbalen Mistgabeln, die momentan verstärkt durch unsere Kommentarspalten geistern, vorzubeugen: Natürlich ist es wichtig, Abstand zu halten und nicht in Gruppen eng aufeinanderzupicken, wie etwa manchmal am wimmelnden Donaukanal. Natürlich rufen wir niemanden dazu auf, die Maßnahmen zu ignorieren und zu feiern, als gäb’s kein Morgen mehr. Aber das situative Augenmaß und das Verständnis füreinander scheinen längst allgemeiner Schadenfreude und einer Wut gegen alles und jeden gewichen zu sein. Ganz gleich, ob es sich um gewaltbereite Corona-Leugner*innen oder um Jugendliche am Donaukanal handelt.

Bevor wir also jetzt mit unseren ausgedünnten Nerven nach allen Richtungen um uns schnalzen und den Grant, den viele gerade in Wien sogar als irgendwie charmant empfinden, zur ungezähmten Wut gegeneinander ausarten lassen, sollten wir vielleicht mal alle kurz durchatmen. Uns über den anbrechenden Frühling freuen und uns darauf besinnen, warum wir eigentlich wirklich so dermaßen haaß sind. Damit diese Krise nicht noch mehr zerstört als ohnehin schon und wir uns auch danach noch in die Augen schauen können. Im Großen wie im Kleinen. Dass das oft mit bloßem Durchatmen und Innehalten nicht getan ist, ist natürlich auch klar. Gerade in Zeiten wie diesen ist es wichtig, darauf hinzuweisen, dass es nicht nur okay, sondern schlichtweg menschlich ist, wenn man Hilfe dabei braucht. Sie auch in Anspruch zu nehmen, ist immer eine gute Idee. Für mich bedeutet das jedenfalls: Das nächste Mal, wenn jemand meinen Hund anschreit, konzentriere ich mich auf das, was mir wirklich wichtig ist. Auf den kleinen Fellknäuel, der mir trotz des Wahnsinns um ihn herum immer noch treumütig entgegenhechelt. Vielleicht kann ich da ja sogar noch etwas von ihm lernen.

Durchatmen
Der Welpe (c) Viktoria Klimpfinger | 1000things

Für alle, die zurzeit ein wenig strugglen, haben wir übrigens ein paar Tipps zusammengetragen, wie wir uns um unsere psychische Gesundheit kümmern können. Außerdem haben wir uns für ein bisschen Vorfreude schon mal überlegt, was wir alles tun werden, wenn die Krise vorbei ist.

(c) Beitragsbild | Valeriia Bugaiova | Unsplash

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