Narrenturm

Pia Miller-Aichholz vom 10.03.2021
Tauche in die Medizin-Geschichte ein.
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Heute Zweigstelle des Naturhistorischen Museums und Herberge der weltweit größten pathologisch-anatomischen Sammlung. Einst jedoch ein Ort, an dem als „irre“ bezeichnete und tatsächlich geisteskranke Menschen untergebracht waren. Der Narrenturm.

Irgendwie revolutionär

Vor 250 Jahren war der Narrenturm Teil einer großen Reform des Kranken- und Sanitätswesens unter Kaiser Joseph II. und galt als erste reine Irrenanstalt Europas. Dass eine solche Einrichtung geschaffen wurde mag revolutionär gewesen sein, die Medizin damals war es retrospektiv häufig nicht – besonders nicht im Umgang mit vermeintlich Irren. Wenn man heute von den Methoden hört, mit denen die Patient*innen im Narrenturm behandelt wurden, schüttelt man den Kopf. Beispielsweise war gängige Lehre seit der Antike und bis weit ins 19. Jahrhundert, dass die sogenannten vier Säfte des Körpers – schwarze Galle, gelbe Galle, Blut und Schleim – im Gleichgewicht sein müssen, damit eine Person sich „normal“ verhält. Wer ein starkes Temperament hatte, galt als cholerisch – das war lange Zeit eine offizielle medizinische Diagnose – und hatte laut Vier-Säfte-Lehre zu viel gelbe Galle im Magen. Um die loszuwerden, bekam die Person Brechmittel und spuckte damit im wahrsten Sinne des Wortes Galle. Solche Praktiken taten häufig vor allem eines: Sie schwächten die behandelte Person und beruhigten sie dadurch zwangsweise, waren aber alles andere als gesund.

Besser mit starken Nerven

Seitdem ist die Medizin zum Glück weit gekommen. Die pathologisch-anatomische Sammlung im Narrenturm ist ein faszinierendes Zeugnis dieses Prozesses, aber nichts für schwache Nerven. An den Wänden und in den Vitrinen der Studiensammlung hängen und liegen tausende Wachs- oder Paraffin-Abdrücke von Krankheitsbildern, sogenannte Moulagen. Sie sehen aus, als wären den Kranken reihenweise die betroffenen Körperteile abgenommen worden. Tatsächlich wurden lediglich Abdrücke der erkrankten Stellen genommen, in Wachs oder Paraffin gegossen und diese dann so bemalt, dass sie dem Krankheitsbild entsprachen. So konnte man zum Beispiel verschiedene Krankheitsstadien abbilden, bevor es detaillierte Fotografien gab. Dazwischen stehen zahlreiche sogenannte Feuchtpräparate, also organisches Gewebe, das in einer Lösung eingelegt gut erhalten geblieben ist. Darunter sind Föten mit Missbildungen oder von Erkrankungen gezeichnete Organe und Körperteile. Unter den Trockenpräparaten finden sich von Metastasen durchlöcherte Schädel oder die Skelette siamesischer Zwillinge. Außerdem sind viele medizinische Geräte ausgestellt – von Behandlungswerkzeugen bis Prothesen.

Gang im Narrenturm mit Exponaten
(c) Lydia Platzer | Wienwiki

Des Kaisers Guglhupf

Das Gebäude selbst ist ebenfalls interessant. Es heißt, Joseph II. sei Freimaurer oder Rosenkreuzer gewesen und habe in den Bau allerlei Zahlenmystik einfließen lassen: Der Narrenturm ist fünf Stockwerke hoch – so viele wie ein Pentagon Ecken hat –, und hat einen Umfang von 66 Wiener Klaftern – das sind etwa 125 Meter. 66 ist in der arabischen Welt die Zahl Gottes. In jedem Stockwerk befinden sich 28 Zimmer, was ungefähr den Tagen eines Mondzyklus entspricht. Und im Dachgeschoss des Gebäudes soll es einmal ein aus Holz konstruiertes Oktogon gegeben haben. Die Form des Narrenturms hat die Wiener*innen übrigens dazu inspiriert, Irrenhäuser oder psychiatrische Anstalten „Guglhupf“ zu nennen.

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Leben nach dem Tod – zugunsten der Wissenschaft

Die im Erdgeschoss liegende Schausammlung könnt ihr auf eigene Faust erkunden. Ihr könnt aber auch eine Führung buchen und so hinter die Kulissen schauen und noch mehr Hintergrundinformationen erhalten. Dann erfährt ihr nämlich noch mehr über frühe Behandlungsversuche verschiedener Krankheiten und über die Schicksale der Menschen und Tiere, die nach ihrem Tod als Lehr- und Studienmaterial quasi weitergelebt haben. Denn eins muss bewusst sein, wenn man den Narrenturm betritt: Viele der Exponate waren einmal am Leben, Teil eines Lebewesens oder sind dem Bild einmal lebendiger Menschen nachempfunden. Deshalb wird auch vor jeder Führung um Respekt den Exponaten gegenüber gebeten.

Nicht nur der Narrenturm zeugt von den versteckten historischen Seiten Wiens, wir haben noch weitere Plätze des vergessenen Wiens für euch gesammelt. Euch gefällt außerdem der Erfindungsreichtum in der Namensgebung des Narrenturms zum „Guglhupf“? Dann interessieren euch bestimmt auch 5 kuriose Wiener Wörter und deren Ursprung.

(c) Beitragsbild | Herbert Ortner | Wikimedia Commons CC BY 4.0