Narrenturm Außenansicht

Narrenturm

Tauche in die Medizin-Geschichte ein.

Auch wenn man manchmal den einen Wahnsinnigen oder die andere Irre einfach wegsperren würde, ist es objektiv betrachtet beruhigend, dass wir diese Praktik hinter uns gelassen haben. Statt den damaligen Irren und tatsächlich geisteskranken Menschen, ist im Narrenturm in Wien nun die weltweit größte pathologisch-anatomische Sammlung untergebracht. Sie ist heute eine Zweigstelle des Naturhistorischen Museums.

Irgendwie revolutionär

Vor 250 Jahren war der Narrenturm Teil einer großen Reform des Kranken- und Sanitätswesens unter Kaiser Joseph II. und galt als erste reine Irrenanstalt Europas. Dass eine solche Einrichtung geschaffen wurde mag revolutionär gewesen sein, die Medizin damals war es retrospektiv häufig nicht – besonders nicht im Umgang mit vermeintlich Irren. Wenn man heute von den Methoden hört, mit denen die Patienten im Narrenturm behandelt wurden, schüttelt man den Kopf. Beispielsweise war gängige Lehre seit der Antike und bis weit ins 19. Jahrhundert, dass die sogenannten vier Säfte des Körpers (schwarze Galle, gelbe Galle, Blut und Schleim) im Gleichgewicht sein müssen, damit eine Person sich „normal“ verhält. Wer ein starkes Temperament hatte, galt als cholerisch (das war lange Zeit eine offizielle medizinische Diagnose) und hatte laut Vier-Säfte-Lehre zu viel gelbe Galle im Magen. Um die loszuwerden, bekam die Person Brechmittel und spuckte damit im wahrsten Sinne des Wortes Galle.

Besser mit starken Nerven

Seitdem ist die Medizin zum Glück weit gekommen. Die pathologisch-anatomische Sammlung im Narrenturm ist ein faszinierendes Zeugnis dieses Prozesses, aber nichts für schwache Nerven. An den Wänden und in den Vitrinen der Studiensammlung hängen und liegen tausende Wachs- oder Paraffin-Abdrücke von Krankheitsbildern, sogenannte Moulagen. Sie sehen aus, als wären den Kranken reihenweise die betroffenen Körperteile abgenommen worden. Tatsächlich wurden lediglich Abdrücke der erkrankten Stellen genommen und diese dann so bemalt, dass sie dem Krankheitsbild entsprachen. So konnte man zum Beispiel verschiedene Krankheitsstadien abbilden, bevor es detaillierte Fotografien gab. Dazwischen stehen zahlreiche Feuchtpräparate, die in einer Lösung gut erhalten geblieben sind. Darunter sind Föten mit Missbildungen oder von Erkrankungen gezeichnete Organe und Körperteile. Unter den Trockenpräparaten finden sich von Metastasen durchlöcherte Schädel oder die Skelette siamesischer Zwillinge. Außerdem sind viele medizinische Geräte ausgestellt – von Behandlungswerkzeugen bis Prothesen.

Gang im Narrenturm mit Exponaten

© Wienwiki/Lydia Platzer

Des Kaisers Guglhupf

Das Gebäude selbst ist ebenfalls interessant. Es heißt, Joseph II. sei Freimaurer oder Rosenkreuzer gewesen und habe in den Bau allerlei Zahlenmystik einfließen lassen: Der Narrenturm ist fünf Stockwerke hoch – so viele wie ein Pentagon Ecken hat –, und hat einen Umfang von 66 Wiener Klaftern (etwa 125 Meter). 66 ist in der arabischen Welt die Zahl Gottes. In jedem Stockwerk befinden sich 28 Zimmer, was ungefähr den Tagen eines Mondzyklus entspricht. Und im Dachgeschoss des Gebäudes soll es einmal ein aus Holz konstruiertes Oktogon gegeben haben. Die Form des Narrenturms hat die Wiener übrigens dazu inspiriert, Irrenhäuser oder psychiatrische Anstalten „Guglhupf“ zu nennen.

Narrenturm Außenansicht

© Wienwiki/Lydia Platzer

Leben nach dem Tod – zugunsten der Wissenschaft

Das Erdgeschoss kann man auf eigene Faust erkunden. Am besten lässt man sich aber von Medizinstudenten oder Jungärzten durch die Studiensammlung in den oberen Stockwerken führen. Dann erfährt man mehr über frühe Behandlungsversuche verschiedener Krankheiten und über die Schicksale der Menschen und Tiere, die nach ihrem Tod als Lehr- und Studienmaterial quasi weitergelebt haben. Denn das muss einem schon bewusst sein, wenn man den Narrenturm betritt: Viele der Exponate waren einmal am Leben, Teil eines Lebewesens oder sind dem Bild lebendiger Menschen nachempfunden. Deshalb wird vor jeder Führung um Respekt den Exponaten gegenüber gebeten.

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Beitragsbild © Lydia Platzer

Zur Narrenturm-Website

Was kostet's?

Eintritt zum Erdgeschoss 4€ pro Person, ermäßigt 2€
mit Führung zu verschiedenen Schwerpunkten 6€ pro Person, ermäßigt 4€

Öffnungszeiten

Mittwoch 10-18 Uhr
Donnerstag 10-13 Uhr
Samstag 10-13 Uhr

  • Location
  • Spitalgasse 2, 1090 Wien
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