Beitragsbild

Sagenspaziergang durch die Wiener Innenstadt

Freitag, 18. Dezember 2020 / Lesedauer: ca. 16 Minuten

Sagenspaziergang durch die Wiener Innenstadt

Freitag, 18. Dezember 2020 / Lesedauer: ca. 16 Minuten

In Wien findet man einige Orte, um die sich Sagen ranken. Kommt mit auf einen Spaziergang durch das Zentrum Wiens zu einigen Schauplätzen von Wiener Sagen, frischt euer Sagenwissen auf und lest, was wohl hinter ihnen steckt.

von Pia Miller-Aichholz

*Wir wollen euch auch während der aktuellen Maßnahmen inspirieren und versuchen, unsere Artikel laufend Covid-konform upzudaten. Bitte haltet euch weiterhin an die Maßnahmen. Nur wenn wir jetzt zusammenhalten und aufeinander schauen, können wir möglichst bald wieder all diese Inspiration gemeinsam genießen und zu einem halbwegs normalen Alltag zurückkehren.

Wir nehmen euch mit auf einen Spaziergang durch die Wiener Innenstadt, der euch zu einigen Orten führt, um die sich Sagen ranken. Es geht von der Praterstraße über den Donaukanal, durch die Innere Stadt und schließlich in den Stadtpark. Die reine Gehzeit beträgt etwa eine Stunde. Also, packt euch warm ein, nehmt eine Thermoskanne mit Tee mit oder holt euch unterwegs Punsch zum Mitnehmen oder einen Kaffee und los geht’s!

Google Maps

Mit dem Laden der Karte akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von Google.
Mehr erfahren

Karte laden

Schabdenrüssel | Czerningasse 7a, 1020 | Rabensteig 8, 1010

Im 16. Jahrhundert kaufte der Salzhändler Michael Schabenrüssel am Rabensteig 8 einen Besitz, der später zu einem Doppelhaus umgebaut wurde, das noch lange „Schabenrüssel“ hieß, im Endeffekt jedoch um 1900 abgerissen wurde. Seltsam klingende Namen inspirierten immer wieder Legenden, so auch dieser. Vor Ort erinnert nichts mehr an die Legende oder das Haus, aber in der Czerningasse, einer Seitengasse der Praterstraße in der Leopoldstadt, erinnert an der Fassade des Durchgangs von Haus Nummer 7a zur Praterstraße 42 ein Wandbild an die Legende und das 1900 abgerissene Schabenrüssel-Haus.

Der Sage nach soll ein Bettler, der Tag für Tag auf den Stufen der Peterskirche saß, sehr verzweifelt gewesen sein, weil die Großzügigkeit der Leute zu wünschen übrig ließ. Eines Tages begegnete ihm der Teufel in Form eines hinkenden Männleins und bot ihm eine magische Raspel an. Führte man die Raspel an den Mund und sprach: „Schab den Rüssel!“, fiel ein Goldstück von den Lippen. Man konnte die Raspel auch gegen Menschen einsetzen, die einem zuwider waren. Durch dieselben drei Wörter würde die Raspel der verwunschenen Person übers Gesicht schaben. Der Bettler tauschte für die Raspel seine Seele. „Lieber sieben Jahre in Saus und Braus leben, als ein ganzes Leben als armer Hund!“, war seine Überlegung. Nach sieben Jahren würde der Teufel kommen, um sie zu holen.

Der ehemalige Bettler ließ sich erst vom Schneider ein feines Gewand machen, mietete sich im besten Gasthof Wiens ein und aß ausgiebig. Zurück auf seinem Zimmer machte er sich an die Arbeit, Gold zu produzieren. Mit jedem Goldstück, das von seinen Lippen fiel, ging aber auch immer ein Stück Haut mit. Das bemerkte der Mann in seinem Eifer erst, als ihm Blut auf sein neues Gewand tropfte. Irgendwann waren seine Lippen schon ganz verkrustet und eitrig, aber er hatte zu viel vor, um sich darüber Gedanken zu machen. Mit seinem Reichtum konnte er sich ein schönes Haus kaufen, Dienstboten anstellen und sein Leben in vollen Zügen genießen. Er saß oft im Wirtshaus und lud großzügig andere ein. Seine Lippen waren inzwischen ganz verunstaltet und einer verspottete ihn einmal wegen seines „Rüssels“. Da holte der Mann die Raspel hervor, sprach die Zauberworte und machte den Spötter mundtot, wodurch er den Beinamen „Schabdenrüssel“ erhielt.

Als eines Abends der Teufel vor ihm steht und seine Seele einsammeln will, setzte der Mann die Raspel gegen den Teufel ein, die diesem fest über das Gesicht fuhr und ihm unsägliche Schmerzen zufügte. Der Teufel hatte nämlich vor sieben Jahren darauf vergessen, sich selbst aus dem Fluch auszunehmen. Schabdenrüssel hatte nun seinerseits ein Angebot: Er würde den Teufel von der Raspel befreien, wenn er auf seine Seele verzichten und sofort in die Hölle fahren würde. Der Teufel willigte ein und Schabdenrüssel lebte noch lange reich und glücklich und freute sich, dass er den Teufel ausgetrickst hatte.

(c) Pia Miller-Aichholz | 1000things

Über die Praterstraße und das bezaubernde Plätzchen an ihrem Fuß, wo sich ein tolles Lokal an das nächste reiht, geht es zur Taborbrücke und über den Donaukanal zum Schwedenplatz. Wendet euch nach rechts und überquert den Schwedenplatz in Richtung Morzinplatz. Ihr gelangt zur Rabengasse, wo einst das Schabenrüsselhaus stand. Einige Schritte weiter, die Seitenstettengasse hinauf, vorbei am Stadttempel der jüdischen Gemeinde Wiens, gelangt ihr bereits zum nächsten Sagenort. Die kleine Kirche hier oben ist übrigens St. Ruprecht, die älteste in ihrer Grundsubstanz noch bestehende Kirche Wiens.

Katzensteig | Seitenstettengasse, 1010

Ein Teil der Seitenstettengasse hieß lange Katzensteig.

Der Sage nach gab es einen Mann, der sich in seine Nachbarin verliebte, woraufhin die beiden planten, seine Gattin zu vergiften. Der Mann mischte Katzenmark in ihre Rahmsuppe, durch eine Verwechslung wurde aber die Nachbarin damit vergiftet. Der durch das Gift entstandene Schaden in ihrem Gehirn ließ die Nachbarin denken, sie sei eine Katze. Sie kletterte von Giebel zu Giebel, stürzte ab und starb. Danach soll sie als weiße gespenstische Katze die Gegend heimgesucht haben.

(c) Pia Miller-Aichholz | 1000things

Der Name kommt allerdings tatsächlich von einem früher hier befindlichen Teil der städtischen Befestigungsanlage, der auch „Kavalier“ oder „Katze“ genannt wird: ein gemauerter, kleiner Aufbau auf einer Bastei.

Biegt nun in die Sterngasse ab, vorbei am englischen Buchgeschäft Shakespeare & Company, überquert den Kreisverkehr und geht weiter, bis ihr das Ende der Sterngasse erreicht habt. Nehmt die Stufen links zur Salvatorgasse hinauf. Vor euch seht ihr die Hinterseite des Alten Rathauses von Wien, in dem sich unter anderem das Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes befindet. Wendet euch nach rechts und geht weiter, bis ihr zur nächsten nach links abgehenden Gasse gelangt: dem Stoß im Himmel.

Stoß im Himmel | Stoß im Himmel 3, 1010

Den Namen „Stoß im Himmel“ hat diese Gasse seit Ende des 18. Jahrhunderts, dank dem Schild des Hauses Nummer 3, das nach einem seiner ehemaligen Besitzer benannt worden war, Hans Stosanhiml. Aber auch um diese Gasse rankt sich eine von dem eigentümlichen Namen inspirierte Legende.

Eine eitle und reiche Frau soll vollkommen dem Materiellen verfallen gewesen sein und darüber den Haushalt und das Kirchengehen vernachlässigt, und all ihr Geld für Kleider ausgegeben haben. Eines Tages ging sie an einem Marienbild vorbei und spottete, die Muttergottes solle sich doch mit ihr in Sachen Kleiderpracht messen. Die Heilige Jungfrau wendete ihr Antlitz enttäuscht ab. In der Nacht darauf klopfte eine alte Bettlerin an die Tür der eitlen Frau, die diese sogleich verscheuchen wollte. Aber die Alte bot der hartherzigen Frau ein prächtiges Kleid aus Gold und Samt an, das bisher in ihrem Korb verborgen gewesen war, dazu einen glitzernden Gürtel und Schuhe. Die eitle Frau wollte das fürstliche Gewand unbedingt haben, hatte aber gerade all ihr Geld für andere Kleider ausgegeben.

Die Bettlerin machte einen Vorschlag: Sie würde der Frau für drei Tage das prächtige Gewand überlassen, wenn diese ihr im Gegenzug zu Mitternacht des dritten Tages das geben würde, was vom Kleid bedeckt war. Die eitle Frau ging davon aus, die Alte spräche wirres Zeug und willigte ein. Drei Tage lang genoss die Frau die Bewunderung aller, denen sie begegnete. Kurz vor Mitternacht des dritten Tages dachte sie noch einmal an die Worte der Alten und realisierte, dass sie einen schrecklichen Fehler gemacht hatte. Sie versuchte verzweifelt, das Kleid abzulegen, es in Fetzen zu reißen, aber ohne Erfolg.

Um Mitternacht klopfte es an der Tür. Die zerlumpte Alte trat ein und verwandelte sich in den Teufel. Das Kleid am Körper der Frau ging in Höllenflammen auf, die die verzweifelte Frau umschlungen. Aber als der Teufel seine Klauen nach der Frau ausstreckte, entrückte ihrem Körper ein kraftvoller Stoß, der das brennende Kleid abfallen ließ. Unter dem Kleid hatte die Frau ein Bild der Heiligen Barbara getragen, die ihr nun beistand. Die Heilige stieß nicht nur den Teufel weg, sondern die Sünderin durch die wundersame Rettung gewissermaßen in den Himmel, also zum Glauben. Die Frau tat Buße und ging ins Kloster, wo sie ein musterhaftes Leben führte. Das Haus, in dem sich das alles ereignet haben soll, heißt seitdem „Stoß im Himmel“.

(c) Pia Miller-Aichholz | 1000things

Übrigens gehörte die Hälfte der Gasse zur Wipplingerstraße hin bis zur großen Judenvertreibung und -verfolgung 1420/21, der Wiener Geserah, zur sogenannten Judenstadt. Zwischen 1942 und 1945 befand sich am Stoß im Himmel ein Lager für italienische Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen.

Beim Third-Wave-Coffee-Lokal Kaffein an genau dieser Stelle bekommt ihr übrigens köstlichen Kaffee und Kuchen zum Mitnehmen. Weiter geht’s die Salvatorgasse hinunter, vorbei an der Kirche Maria am Gestade, die Stufen hinunter zum Tiefen Graben und dann vorbei am Polnischen Institut Wien und am berühmt-berüchtigten Stundenhotel Orient in Richtung Freyung. Dass der Tiefe Graben gewissermaßen eine Senke zwischen Freyung und Am Hof ist, kommt daher, dass dort früher der Ottakringer Bach und später auch die Als zum heutigen Donaukanal hinunter flossen. Zwar bemühte man sich um eine Niveauangleichung, nachdem man das Bachbett trocken gelegt hatte und begann, es zu verbauen, aber ein gewisses Gefälle zum ehemaligen Bachlauf blieb. Der Übergang von der Freyung zum Platz Am Hof heißt Heidenschuss.

Heidenschuss | 1010

Im Bereich des heutigen Heidenschusses stand einmal ein Tor, das das Areal der Babenbergerpfalz mit der Gegend um das Schottenkloster verband. Der Sage nach soll während der ersten Osmanenbelagerung 1529 im Keller des Hauses Heidenschuss 3 ein Bäckerjunge durch Erschütterungen bemerkt haben, dass der Feind versuchte, sich unter dem Stadttor durch in die Innenstadt zu graben. Er informierte den Stadtkommandanten, wodurch die vordringenden Belagerer unschädlich gemacht werden konnten. Der Name Heidenschuss leitet sich von einem Schild ab, das einst einst am Haus Nummer 3 angebracht war, auf dem stand: „Da der Hayden scheuzzt“, also „Wo der Heide schießt“. Am der Ecke Heidenschuss/Strauchgasse prangt eine Reiterstatue: ein Osmane mit Krummsäbel.

(c) Pia Miller-Aichholz | 1000things

Nun wendet euch wieder der Freyung zu und spaziert, vorbei am Austria Forum und am Stadtcafé, in Richtung Palais Ferstel. In seiner prächtigen von der italienischen Renaissance inspirierten Passage findet ihr nicht nur erstklassigen Café und köstliche heiße Schokolade bei Caffè Couture, feine Schokolade bei Xocolat oder französische Feinkost bei Beaulieu, sondern auch den Donaunixenbrunnen.

Donauweibchen | Palais Ferstel, Freyung 2/ Herrengasse 14, 1010

Der Donaunixenbrunnen ist einer von zwei öffentlich zugänglichen Brunnen, die von der Sage um das Donauweibchen inspiriert wurden.

Als Wien noch eine kleine Stadt war, lebten einfache Fischersleute am Ufer der damals noch wilden Donau. In einem Fischerdorf bei Wien lebte ein alter Fischer mit seinem Sohn. Eines Winterabends stand auf einmal eine zierliche, wunderschöne Mädchengestalt in der Eingangstür ihres Hauses. Sie warnte die beiden Fischer, dass mit dem Tauwetter Hochwasser bevorstünden und das Dorf in Gefahr sei. Sofort verschwand sie wieder und die beiden Männer warnten alle im Dorf. Ein anderer alter Fischer stellte fest, dass die Gestalt das Donauweibchen gewesen sein müsse. Die menschenfreundliche Nixe komme immer wieder mit einer Warnung, wenn den Fischerhütten Gefahr drohe. Als das Hochwasser kam, standen alle Fischerhütten leer und die Menschen waren im Landesinneren in Sicherheit. Als das Wasser zurück ging, kehrten alle zurück und bauten das Dorf wieder auf. Der junge Fischer aber war seit der Begegnung mit dem Donauweibchen nicht mehr derselbe, ruderte voller Sehnsucht nach dem schönen Mädchen immer wieder weit hinaus aufs Wasser. Eines Tages kam der junge Fischer von seiner Fahrt nicht mehr zurück. Sein leeres Boot wurde von den Wellen ans Ufer getragen und sein Vater wusste, dass das Donauweibchen seinen Sohn geholt hatte. Seit diesem Tag soll niemand jemals mehr das Donauweibchen gesehen haben.

(c) Pia Miller-Aichholz | 1000things

Der Donaunixenbrunnen steht im sogenannten Basarhof. Er wurde von Heinrich von Ferstel entworfen, der auch das restliche Gebäude plante, und wurde Mitte 19. Jahrhunderts enthüllt. Das Bassin ist wurde Marmor gehauen und die Figuren aus Bronze gegossen. Das Donauweibchen ziert auch einen Brunnen im Stadtpark auf dem Platz zwischen Ententeich und Strauß-Denkmal. Aber zu dem kommt ihr dann noch am Schluss dieses Spaziergangs. Nach der Passage geht es erst mal nach links weiter, durch die Herrengasse, beim Herrengassen-Hochhaus nach wieder links und geradeaus über den Haarhof, danach rechts, vorbei an der Bäckerei Joseph Brot durch die Naglergasse und zum Graben. Über dem Graben gibt es derzeit eine der prächtigsten Weihnachtsbeleuchtungen Wiens zu bestaunen. Vorbei an der Pestsäule geht es Richtung Stephansplatz. Den nächsten sagenumwobenen Ort findet ihr am Eck zur Kärntner Straße, an der Fassade des Palais Equitable.

Stock im Eisen | Stock-im-Eisen-Platz 1, 1010

Es gibt mehrere Versionen der Legende um diesen Baumstamm, der voller eiserner Nägel und von einem Eisenring umschlungen ist, den sogenannten Stock im Eisen. Eine von ihnen geht so:

Ein Schlosserlehrling wurde von seinem Meister aus der Stadt geschickt, um etwas zu besorgen, aber der vergaß die Zeit und als er wieder am Stadttor ankam, war dieses bereits verschlossen. Um hineinzukommen, hätte er dem Torwart einen sogenannten Sperrkreuzer zahlen müssen. Außerdem drohten ihm Schläge von seinem Meister. „Des Teufels möchte ich sein, wenn ich nur in die Stadt könnte!“, rief der Lehrling und prompt erschien der Teufel, der ihm einen Sperrkreuzer, das Ausbleiben der Schläge und eine erfolgreiche Schlosserkarriere versprach. Die Bedingung für den Pakt war, dass der Junge sein gesamtes Leben lang keine einzige Sonntagsmesse versäumen dürfte.

Der Schlosserjunge ging den vermeintlich leicht einzuhaltenden Vertrag ein. Etwas später kam der Teufel in die Schlosserwerkstatt, in der der Lehrling und sein Meister arbeiteten, und bestellte einen Eisenring für eine Eiche im Wienerwald, der mit einem Schloss versperrt sein sollte, das so kunstfertig war, dass niemand es öffnen konnte. Als dem Lehrling dieses Kunststück gelang, machte der Meister ihn zum Gesellen und der Teufel nahm den zugehörigen Schlüssel mit. Der Schlossergeselle ging auf Reisen und als er wieder nach Wien zurückkam, hörte er, dass der Stadtrat jener Person, die es zustande brachte, das Schloss von der Eiche zu entfernen, das Meisterrecht verleihen würde. Der Geselle machte sich daran, den Schlüssel für das Schloss nachzuschmieden, den der Teufel einst mitgenommen hatte. Aber der Teufel sorgte dafür, dass sich der Schlüsselbart während des Schweißens umdrehte und der Schlüsse unbrauchbar war. Der Geselle erkannte, was geschah und schob den Schlüssel daraufhin mit verkehrtem Bart in den Ofen hinein und wieder wurde der Bart umgekehrt, wodurch der Schlüssel dieses Mal brauchbar war.

So konnte das Schloss an der Eiche geöffnet werden und der Geselle wurde zum Bürger und zum Meister gemacht. Jubelnd schlug der frischgebackene Meister zum Andenken einen großen Nagel in den Baumstamm. Der junge Schlossermeister wurde immer erfolgreicher, wurde reich und achtete penibel darauf, nie eine Sonntagsmesse zu verpassen. Aber der Teufel sorgte dafür, dass er spielsüchtig wurde. Als der Meister eines Sonntags vor der Messe mit anderen in einem Gasthof auf der Tuchlauben spielte und trank, schlug es auf einmal 12 Uhr. Erschrocken sprang der Betrunkene auf und bemühte sich, zum Stephansdom zu laufen. Aber als der Schlosser am Domtor ankam, hatte der Priester den Segen bereits gespendet und der Schlosser wurde vom Teufel geholt. Es wurde aber zum Brauch, dass jeder Schlossergeselle, der nach Wien kam, einen Nagel in den Baumstamm schlug.

(c) Pia Miller-Aichholz | 1000things

Woher der Brauch, Nägel in diesen Baumstamm zu schlagen, tatsächlich kam ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Ursprünglich befand sich der Stock im Eisen jedenfalls an der Ecke eines von vier Häusern, die einmal vor der Hausfront des Hauses Stock-im-Eisen-Platz 3 standen. Ende des 19. Jahrhunderts wurde er an seinem heutigen Platz angebracht. Wer sich fragt, ob es sich dabei um einen echten Holzstamm handelt: Ja, er ist echt. 1975 wurde er wissenschaftlich untersucht und man fand heraus, dass der etwas über zwei Meter hohe Holzstamm von einer Zwiesel-Fichte stammt, die um 1400 zu wachsen begann und etwa 40 Jahre später gefällt wurde oder abstarb. Schon als der Baum noch lebte, wurden Nägel in die Vorderseite des Stamms geschlagen und auch noch bis ins 19. Jahrhundert hinein. Auf dem Stock-im-Eisen-Platz ist der Stamm ab dem 16. Jahrhundert nachweisbar.

Der nächste Sagenort befindet sich im Stephansdom. Unter Umständen kann es also sein, dass er euch leider nicht zugänglich ist.

Dienstbotenmadonna | Stephansdom, 1010

Eine Sage aus dem 17. Jahrhundert um die Marienstatue erzählt von einer reichen Gräfin, die einst ihre Dienstmagd des Diebstahls bezichtigt haben soll, weil sie eine Perlenkette vermisste. Das Mädchen soll sich weinend der Muttergottesstatue in der Hauskapelle der Gräfin vor die Füße geworfen und sie um Hilfe gebeten haben. Die Gräfin ließ die Rumorwache kommen, damals eines der Exekutivorgane der Stadt, die alle Kästchen und Truhen der Dienerschaft untersuchte. Die wertvolle Kette wurde beim Reitknecht gefunden, der den Diebstahl gestand und eingesperrt wurde. In einer anderen Überlieferung geht es um einen wertvollen Ring, der verschwunden war und schließlich im achtlos von der Gräfin abgestreiften Handschuh wieder auftauchte. Jedenfalls bereute die Gräfin sehr, ihrer Dienstmagd Unrecht getan zu haben, und schenkte die Muttergottesstatue der Wiener Stephanskirche, wo sie fortan von vielen Dienstboten besucht wurde, die sie um Hilfe baten oder ihr Leid klagten.

Die sogenannte Dienstbotenmadonna ist das bedeutendste Werk der mittelalterlichen Wiener Plastik aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts. Wahrscheinlich befand sich die kostbare und recht große Statue aber von Anfang an im Dom, wenngleich nicht klar ist, wo sie ursprünglich stand.

Nach dem Verlassen des Doms wendet euch nach links und spaziert um den Dom herum. Gegenüber des Teehauses Haas & Haas, wo ihr übrigens Punsch zum Mitnehmen bekommt, befindet sich an der Fassade des Doms die sogenannte Armeseelennische.

Zahnwehherrgott | Stephansplatz, 1010

Die steinerne Darstellung des gefolterten und gepeinigten Jesus stammt aus dem 15. Jahrhundert und bekam den Beinamen Zahnwehherrgott nach einer Legende, die ab dem 19. Jahrhundert kursierte.

Demnach hatten fromme Frauen der Christusstatue einen Blumenkranz aufgesetzt und mit einem Band unter seinem Kinn festgebunden, damit er nicht durch den stetigen Windzug um den Stephansdom heruntergeblasen würde. Als eines Abends drei Wirtshausbesucher vorbeikamen, spottete der eine, der Herrgott habe wohl Zahnweh, der andere, dass das ja kein Wunder sei, wenn der Herrgott ständig im Zug stünde und der dritte, dass man ihm wohl einen Zahn ziehen müsse. Daraufhin bekamen alle drei schreckliche Zahnschmerzen, für die der Arzt keine Ursache finden konnte. Die drei realisierten, dass das wohl ihre Strafe dafür war, dass sie sich über die Statue lustig gemacht hatte. Sie warfen sich vor der Statue auf die Knie und baten um Vergebung und die Vorübergehenden wunderten sich nicht schlecht, dass drei stadtbekannte Trunkenbolde auf einmal andächtig vor dem Herrgott knieten. Nach der reuevollen Andacht verschwanden die Zahnschmerzen der drei augenblicklich.

(c) Pia Miller-Aichholz | 1000things

Wendet euch nach rechts vom Zahnwehherrgott ab und geht am Dom vorbei. Blick ihr nach links und nach oben, seht ihr den Nordturm, der niemals vollendet wurde.

Nordturm | Stephansplatz, 1010

Der Nordturm des Stephansdoms wurde nie vollendet, sondern ist im Endeffekt nur 68,3 Meter hoch geworden. Zum Vergleich: der Südturm ist 136,4 hoch. Es kursieren mehrere Legenden, die zu erklären versuchen, wieso der Nordturm nie fertiggestellt wurde. Der Vorsteher der Bauhütte des Wiener Stephansdoms zwischen 1444 und 1454 war Architekt und Werkmeister Hans Puchsbaum. Seine Funktion auf der Baustelle nahm ein dramatisches Ende, als er vom Baugerüst stürzte. Soweit die historischen Fakten. Aber natürlich gibt es auch dazu eine Legende:

Als der Stephansdom fast vollendet war, schrieb die Stadt Wien einen Wettbewerb über den Bau des Nordturms aus. Wer die Arbeit am schnellsten und günstigsten erledigen könnte, sollte den Zuschlag bekommen. Hans Puchsbaum soll sich beworben haben, in der Hoffnung, durch den Ruhm und die Ehre die wohlhabenden Eltern seiner Angebeteten Maria für sich begeistern zu können. Er bekam den Zuschlag, aber als er verzweifelte, weil die Arbeiten nicht schnell genug vorangingen, nahm er die Hilfe des Teufels an. Der Teufel würde ihm helfen, den Turm in noch kürzerer Zeit fertigzustellen, als Puchsbaum es versprochen hatte. Aber dafür durfte Puchsbaum ein Jahr lang weder den Namen der Heiligen Jungfrau Maria noch irgendeiner anderen heiligen Person aussprechen. Das ging eine Zeit lang gut, aber als eines Tages Puchsbaums geliebte Maria über den Stephansplatz lief, konnte er es sich nicht verkneifen, vom Gerüst aus nach ihr zu rufen. Plötzlich schwankte das Gerüst, auf dem er stand, Mauerteile begannen einzustürzen und der Baumeister stürzte in den Tod. Damit soll der Bau des Turms eingestellt worden sein. Eine andere Erzählung geht davon aus, dass ein neidischer Altmeister oder Altgeselle Hans Puchsbaum vom Gerüst gestoßen hat.

Tatsächlich waren wohl religiöse Umbrüche und politische Unruhen daran schuld – ab 1500 gewann der Protestantismus an Bedeutung in Wien, 1557 hatte Wien sogar kurz einen protestantischen Bürgermeister, 1529 belagerten außerdem die Osmanen fast einen Monat lang die Stadt.

(c) Pia Miller-Aichholz | 1000things

Nun wendet dem Nordturm euren Rücken zu und macht euch auf den Weg zum vorletzten Stopp. Der führt euch vorbei am israelischen Lokal Miznon, das sich neben dem Mozarthaus befindet, durch die Strobelgasse und vorbei am Café Diglas, geradeaus weiter durch die Essiggasse und vorbei an der französischen Bäckerei Parémi und dem traditionellen Kaffee Alt Wien, wo es derzeit übrigens auch Punsch zum Mitnehmen gibt, und nach einem Haken rechts und einem weiteren links gelangt ihr durch die Windhaaggasse und schließlich in die Schönlaterngasse.

Basiliskenhaus | Schönlaterngasse 7, 1010

Die Schönlaterngasse an sich entführt einen durch ihre Ruhe und die historischen Häuser direkt in frühere Zeiten. In dem Haus, das früher an der Stelle des heutigen Hauses Nummer 7 stand, soll am 26. Juni 1212 aus dem Hausbrunnen des Bäckers Martin Garhiebl ein schrecklicher Geruch gekommen sein. Beim Blick in den Brunnen sah man es außerdem ungewöhnlich glitzern. Der Bäckergeselle Johann ließ sich von seinen Kollegen in den Schacht abseilen, um zu sehen, ob das Glitzern von einem versteckten Schatz stamme. Er war noch nicht einmal unten angekommen, da schrie er schon auf und ließ die Fackel fallen, die er in der Hand trug. Die anderen Gesellen zogen Johann, der bewusstlos geworden war, wieder hoch.

Als der Bäckergeselle wieder zu sich kam, erzählte er, was er unten gesehen hatte: ein hässliches Tier, das wie ein großer Hahn aussah, aber einen langen schuppigen Schwanz hatte, außerdem große Füße mit Krallen, glühende Augen und eine feurige Krone auf dem Kopf. Und sein Atem soll fürchterlich stechend gestunken haben. Ein weiser Mann soll daraufhin aus der angeregt lauschenden Gruppe der Schaulustigen getreten sein und festgestellt haben, dass der Bäckergeselle einen Basilisken gesehen haben musste: ein Tier, das aus einem Ei geschlüpft war, das von einem Hahn gelegt und von einer Kröte ausgebrütet worden war und dessen Anblick tödlich war. Man konnte den Basilisken mit seinem eigenen Spiegelbild töten, aber der Mann riet davon ab, das zu versuchen, denn es könnte einen das Leben kosten. Die einzig andere Möglichkeit wäre, den Brunnen zuzuschütten und den Basilisken auf diese Weise zu ersticken. Also warfen alle Erde und Steine in den Brunnen, bis er voll war. Johann war inzwischen aber wieder bewusstlos geworden und starb noch am selben Abend.

Zum Andenken an die Sage prangt eine etwas kitschige Darstellung des Basilisken in einer eigenen Nische der Hausfassade, daneben eine junge Frau, die wohl die Magd Anna darstellen soll, die den Gestank als erste bemerkte, und vor dem Basilisken ein Bäckergesell mit einem Spiegel in der Hand. Heute geht man davon aus, dass sich damals im Brunnen giftige Erdgase gebildet haben.

(c) Pia Miller-Aichholz | 1000things

Durch die Schönlaterngasse spaziert ihr nun weiter Richtung Postgasse und biegt dann scharf rechts ab, geht vorbei an der Dominikanerkirche, durchquert links die Passage zum Stubentor hin, wo es Reste der alten Wiener Stadtbefestigung zu sehen gibt, überquert den Ring und seid schon beim Stadtpark angelangt. Den Endpunkt dieser Tour findet ihr direkt beim goldenen Johann-Strauß-Denkmal.

Donauweibchenbrunnen | Stadtpark, 1010

Auf einem von Bäumen eingefassten gepflasterten Platz steht der Donauweibchenbrunnen, zur Zeit der großen Stadterweiterung unter Kaiser Franz Joseph I. Mitte des 19. Jahrhunderts im Auftrag der Stadt Wien geschaffen vom österreichischen Bildhauer Hanns Gasser. Ursprünglich war die Statue aus Carrara-Marmor geschlagen worden. Nachdem sie während des Zweiten Weltkriegs stark beschädigt worden war, wurde sie nach Kriegsende durch eine Steinkopie ersetzt. Das Original wurde dem Wien Museum übergeben. Ihr könnt es in der Online-Sammlung des Wien Museums sehen.

(c) Pia Miller-Aichholz | 1000things

Wenn ihr noch nicht genug habt, könnt ihr einen Spaziergang durch die versteckten Innenhöfe und Geheimgänge Wiens machen. Was ihr während der Corona-bedingten Einschränkungen noch erleben könnt, verraten wir euch ebenfalls gerne. Und auf unserer Winter-Dahoam-Seite findet ihr Inspiration speziell für die kalte Jahreszeit.

(c) Beitragsbild und Facebook-Beitragsbild | Pia Miller-Aichholz | 1000things

×
×
×
Blogheim.at Logo
Adventkalender PopUp Handy PopUp Adventkalender

You have Successfully Subscribed!